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Von Robert Habeck

Kleiner Beitrag zur Debatte über die Relevanz von Literatur, Volltext Oktober/ November 2005

Beides hatte offenbar nichts miteinander zu tun. Schade eigentlich. Kurz keimte die Hoffnung, dass in der Literaturszene eine Debatte aufkommen könnte, die dem Politischen – was immer das sein mag – wieder Raum in den heiligen Hallen der Kunst geben könnte. Und die die Politik – gerade weil sie so schlecht beleumundet ist – herausfordern könnte.
Gerhard Schröder blies zur Neuwahl, Grass sicherte ihm seine Unterstützung zu, und im Feuilleton wurde plötzlich über „Relevanten Realismus“ diskutiert. Wer lesen konnte, las in dem Text, den Matthias Politycki, Martin R. Dean, Thomas Hettche und Michael Schindhelm verfassten, nicht zuletzt die Empörung über die Wahlkampfaufruf-Kultur von Altmeister Günter Grass. Diese Form des politischen Engagements sei zu billig und sozusagen unter der Würde des Schriftstellers. Stattdessen, so die Forderung, sollte die Literatur selbst zum Ort des Politischen werden. Klingt gut. Doch leider kommt dieser Appell gleich mit einer ganzen Reihe von Einschränkungen einher, die nicht nur den Begriff des Politischen, sondern auch den des Literarischen verkürzen.

1.
Die Verfasser beeilten sich zu versichern, dass ihr Text nie als Manifest gemeint war, dass sie gar keine Politisierung wollten. Und ein Chor literarischer Stimmen pflichtete ihnen bei: Schreiben ist nicht verallgemeinerungsfähig, Gesellschaftskritik ist peinlich, der Schreibtisch ein Ort für Solipzisten. So wurde der Relevanz von ihren Freunden und Verächtern der Garaus gemacht, bevor sie überhaupt relevant werden konnte. Das wäre achselzuckend hinzunehmen, gelten doch die Literaten seit je als selbstgenügsam und eigenbrötlerisch, würde es nicht auch eine ärgerliche Unterbestimmung des Ästhetischen bedeuten. Gerade die Lebens- und Produktionsumstände von Künstlern bieten reichhaltige Ansätze, scheinbar übermächtige Allgemeinplätze der Polit-Shows in Frage zu stellen. Die, wenn sie gelingt, wunderbare Welt des Schriftstellers (und Künstlers) ist eine, die auf das Lohnarbeitssystem pfeift. Verlagsverträge werden pauschal abgeschlossen, nicht nach geleisteten Arbeitsstunden, es gibt ein weit verzweigtes Stipendiensystem, es gibt einen Begriff von Arbeit, der unabhängig vom Wirtschaftswachstum Wert zu definieren in der Lage ist (dass es viele Künstler gibt, die von ihrer Tätigkeit nicht leben können und viele Menschen, die im Übermaß vom Verkauf ihrer Bücher profitieren, ohne Literatur im engen Sinn des Wortes zu schaffen, bestätigt das nur). Nun ist die so wortreich beschworene Krise des Gemeinwesens über weite Strecken als Krise des Lohnarbeitssystems zu deuten. Arbeitskraft gegen einen angemessenen Lohn zu verkaufen, geht im Zeitalter der Automatisierung nicht mehr auf. Deshalb könnten schon die Produktionsbedingungen von Kunst ein Politikum sein, sie könnten die Grundannahme der Politik, die von einem Mangel an Arbeit ausgeht, umdrehen. Der Grund für die Arbeitslosigkeit ist dann nicht in der Arbeitswelt, sondern in ihrem Bemessungssystem zu suchen. Das System der Lohnarbeit führt zu der Annahme, es gäbe zu wenig Arbeit. Tatsächlich aber ist es das ökonomische Prinzip, nach dem sich Vergütung bemisst, das in nicht ausreichender Weise Tätigkeit als Arbeit begreift. Warum also nicht das Vergütungssystem ganz neu denken, nach der Bedürftigkeit ausrichten, nicht nach der Leistung, und einen Begriff des Erfolgs zu Grunde legen, der Wert zunächst unabhängig vom Marktgeschehen gewinnt. Sozialromantik? Kropotkinsche Welten? Nein – Alltag des Literaten.

2.
Der ganze Aufsatz „Was soll der Roman?“, all die Äußerungen, die er nach sich zog, fokussieren auf die Frage einer Gemeinschaftsstiftung, einer Sinnfindung, eines „Wir“. Der Widerspruch zum ausgezeichneten Ich des Autors ist dabei nur scheinbar. Denn bei genauem Hinsehen bleibt das Wir als Begriff ohne Referenz, schwebt unerlöst im sprachlichen Raum. Aber Rettung ist nah. Sie wartet als „existentielle Dimension“, „Transzendenz“, „Glaube“, „Elite“, „Tradition“. Es riecht nach Nietzsche, Heidegger, Jünger, nach einer Religion aus dem Geiste der Ästhetik. Eine solches transzendentes, gläubiges „Wir“ ist aber weder politisch noch ästhetisch zwangsläufige Folgerung. Jede und jeder liest im gleichen Buch ein anderes Buch. Dennoch teilen alle Lesenden die gleiche Erfahrung der Selbstvergewisserung. Kunst, wenn sie gelingt, schafft einen Zusammenhalt ohne Vereinheitlichung, eine Erfahrungswelt der Gegenwart, die heterogen wie jene selbst ist. Kunst bedingt Selbstständigkeit und sucht doch die – nein, nicht Gemeinschaft – die Gesellschaft. Um ein großes Wort zu benutzen: Kunst befördert Glück. Wie individuelles Glücksstreben ist ästhetische Erfahrung subjektiv, aber auf die Verobjektivierung in der Gesellschaft angewiesen. Glück wie Kunst generiert seine Begriffe und Forderungen stets neu und aus sich heraus und schließt dabei eine permanente gesellschaftliche Reflexion mit ein. Glück ist nicht auf ökonomischen Erfolg zu reduzieren, ist aber ohne ein gewisses Maß an materiellen Gütern nicht vorstellbar. Ein gelingendes, glückliches Leben schließt erfolgreiche Arbeit ebenso ein wie eine Zeit, in der man nicht arbeitet, sich dem Spiel oder der Kontemplation hingibt. Glück ist ein ethischer Anspruch, kein politisches Kriterium und fordert deshalb die Politk heraus – wie, im besten Fall, die Kunst.

3.
Die Verfasser erläuterten in Interviews, dass das Engagement nicht im geschriebenen Werk, sondern in der Öffentlichkeit des Gesprächs, in Artikeln, Glossen, beim Abendessen erkennbar werden soll. Negativ heißt das, dass Literatur und der ästhetische Diskurs des Politischen nicht mündig ist. Für Fragen des Inhalts mag diese Zurückhaltung noch verständlich sein, obwohl die literarische Vernachlässigung der sozial Vernachlässigten augenfällig ist. Um so mehr wäre eine ästhetische Debatte angesagt, die das Risiko auf sich nimmt, bestimmte Stile, Schreibweisen, formale Gesichtspunkte hinsichtlich bestimmter Fragestellungen für zeitgemäß zu erklären oder die Relevanz von Kunst überhaupt zu erläutern. Denn über Kunst und über Literatur nicht nur zu plaudern, sondern auch etwas darüber auszusagen, zwingt zur Bestimmung gesellschaftlicher Verhältnisse – und politischer.
Nun wäre es Verrat am oben Gesagten, das Individuelle in seiner Gegenwart nicht ernst zu nehmen, und einen Katalog von Tropen und Stilen aufzuführen, ohne Konkretes zu besprechen. Um aber deshalb mit dem Naheliegensten anzufangen, als Beispiel eine kleine Stilkritik des Interviews, das im Namen des Relevanten Realismus hier Ende August im Volltext erschien.
Für Matthias Politycki ist die Gegenwart in Worten wie „Rückwärtsgang“, „US-Kolonialisierung“, „Verblödung“ und „Depression“ zu fassen. Dagegen hilft „sparsame Dosierung“, ein „altmodischer Ton“ und das Lösen von Lesebremsen. Irgendwie bekannt? Tatsächlich sind die Vokabeln entlehnt – aus dem Jargon der Politik. Vor allem die Metaphern der „Bremse“, des „festgefahrenen Karrens“, des „Rückwärtsgangs“ und „Rucks“ entstammt dem gleichen Wortfeld wie der Wahlkampfslogan der CDU und das präsidiale Motto Horst Köhlers, „Vorfahrt für Arbeit“, der wiederum frappante Ähnlichkeit mit der freien Fahrt des Tüchtigen hat. Auch Sparsamkeit bei gleichzeitigem Wertekonservatismus klingt bekannt, der sich wiederum in „Eliten“, „Stolz auf die eigene Tradition“ und „Glauben“ äußert. Klingt irgendwie nach „Deutscher Bank“, „Leitkultur“ und „Hausmütterchen“. Und plötzlich klingt der Wir-Term „78iger-Generation“ irgendwie nach Schlachtruf und verdächtig nach dem Machtanspruch von Merz, Koch und Merkel, nach Abkehr von den 68igern und dem ersehnten Ende von rot-grün. Schröder, Fischer und ihre Politik nicht leiden zu können ist natürlich völlig okay und wer Merkel gewählt hat, hat Merkel gewählt. Nur sollte nicht unter dem Mantel der politischen Verschwiegenheit der ästhetische Diskurs preisgegeben werden.

4.
Worte, nur Worte? Leider nicht, denn auch das Prinzip, eine Krise zu diagnostizieren, um radikalen Aufbruch zu verordnen, ist Schema F jeder politischen Auseinandersetzung. Und mehr, sie ist das Schema F der Ökonomisierung, die unsere Gesellschaft stromlinienförmig macht. „Krise“ ist keine Beschreibung der marktwirtschaftlichen Gegenwart, sondern ihr Antrieb, nicht die Ausnahme, sondern ihre Bedingung. Das Wirtschafts- und Arbeitsmarktsystem ist nicht auf Stabilität ausgerichtet, sondern auf die stetige Verbesserung des Ist-Zustandes, Mehrung der Güter, Überwindung von Widerständen. Ein gesättigter Kapitalismus, ein befriedigter Markt wäre keiner mehr, Zinsertrag, Wachstum der Wirtschaft, Bruttosozialprodukt – das ganze ökonomische System der Lohnarbeit ist entlang und in der Zeitlichkeit organisiert ist. Die angewandte Logik des Relevanten Realismus ist also die des Denk- und Politiksystem, das das Bündnis aus Neoliberalismus und Konservatismus in den letzten Jahren geschmiedet hat. Dabei fällt die Bestimmung und Forderung nach „relevantem Realismus“ in doppelter Hinsicht hinter die Zeit zurück. Zum ersten ist Realität nichts, das beschrieben werden muss, sondern das, was sich durch Beschreibung ergibt, Realismus ist deshalb niemals relevant, die Wirklichkeit ist immer eine konstruierte, d.h. auch eine, die man verändern kann, in dem man die Sichten darauf verändert, zum zweiten unterliegen die Formen der Wahrnehmung gerade einem Wechsel. Nicht mehr die Zeit, sondern der Raum prägt die Wahrnehmung. Nicht der Vergangenheit muss man mit Wehmut huldigen, sondern der Weltsicht, die der Vergangenheit einen Wert gab. „Globalisierung“, „Synchronizität“ und „Netzwerk“ sind Begriffe, die die Bedeutung von Strukturen und Prozessen durch ihre Räumlichkeit begründen, während früher durch die Prozessualität Strukturen entstanden. Internet, Eine-Welt, Empire oder Terrorstrukturen: die Räumlichkeit löst die Zeitlichkeit ab, die Wahrnehmung der Welt richtet sich neu aus. Und die Künste spiegeln dies bereits wieder. Nicht Bücher, sondern Theater, Filme und vor allem Architektur bestimmen plötzlich die Auseinandersetzungen. Die Kuppel über dem Reichstag, die Stelen am Brandenburger Tor, der Neubau über Ground Zero fordern die gesellschaftliche Selbstbestimmung heraus. Selbst der Terror ändert seine Ziele, sucht sich nicht mehr seine Symbole in Bücherverbrennungen oder der Fatwa über Salman Rushdies Satanische Verse, sondern in den Twin Towers als Symbole gesellschaftlicher Identität.
Literatur ist eine zeitliche Kunstform. Das setzte sie parallel zur Ökonomie und machte sie 200 Jahre lang zum paradigmatischen Medium der Moderne. Diesen Anspruch droht sie nun zu verlieren. Die Frage ist, ob es ihr ohne ihn besser geht. Für den, der das bejaht, ist Relevanter Realismus Apfel und dieser Aufsatz Ei. Aber es gibt Gründe genug, die Realität und ihre Relevanz zu verneinen und beides zu verändern. Ein Gedanke, der gerade Literaten nahe liegen sollte.

Von Robert Habeck erschien zuletzt der Roman „Der Tag, an dem ich meinen toten Mann traf“ (Piper, zusammen mit Andrea Paluch). Robert Habeck ist Landesvorsitzender der Grünen in Schleswig-Holstein.