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Von Andrea Paluch, 1997

Carol Ann Duffy, geboren am 23. 12. 1955 in Glasgow als Tochter einer katholischen Arbeiterfamilie irischer Abstammung. Sie wuchs in Stafford auf und besuchte eine konfessionelle Schule. 1974-1977 studierte sie Philosophie an der Universität Liverpool und beendete ihr Studium mit dem B.A. 1983 Arbeit als Poetry Editor für die Zeitschrift "Ambit" in London. 1985 war sie Visiting Fellow am North Riding College, Scarborough, und 1987/88 Writer-in-residence am Southern Arts College, Thamesdown. Heute lebt sie als freie Schriftstellerin mit ihrem Kind in London.
Auszeichnungen: National Poetry Competition Award (1983); Gregory Award (1984); Scottish Arts Council Award für "Standing Female Nude"(1985), für "The Other Country" (1990) und für "Mean Time" (1993); Somerset Maugham Award für "Selling Manhattan" (1988); Dylan Thomas Award für "Selling Manhattan" (1989); Cholmondelez Award für "Selling Manhattan" (1992); Whitebread Award für "Mean Time" (1993); Forward Prize für "Mean Time" (1993).

In ihren Gedichten bezieht Carol Ann Duffy eine Position, von der aus das Normale befremdlich erscheint, der common sense als das Unübliche. Dies gelingt durch den dramatischen Monolog, dessen Effekt es ist, daß der Leser die Sicht des Sprechers teilen muß, um einen Zugang zu dem Gedicht zu finden. In einem dramatischen Monolog spricht eine individuelle Figur in einer konkreten Situation zu einer anderen Figur und präsentiert sich dabei mit ihren sie bewegenden, meist unerkannten Problemen. In Duffys Gedichten können die Sprecher psychisch Kranke sein ("Psychopath", in: "Selling Manhattan", 1987), ein Indianer, der New York verkauft ("Der Verkauf von Manhattan", in: "Selling Manhattan"), ein frierendes Aktmodell ("Stehender Weiblicher Akt", in: "Standing Female Nude", 1985), ein muslimisches Mädchen ("Ein Mädchen spricht", in: "Standing Female Nude"), jüdische Überlebende des Holocaust ("Sternschnuppen", in: "Standing Female Nude") oder eine Katze ("Dies Natalis", in: "Selling Manhattan"). Immer wieder verläßt Duffy die Ebene der Hochsprache, läßt ihre Charaktere im Dialekt oder Alltagsenglisch reden ("Gesamtschule", in: "Standing Female Nude"; "Psychopath"). Das Ich wird so dargeboten, daß der Leser einen unmittelbaren Einblick in die Empfindungs- und Phantasiewelten des Sprechers bekommt und gleichzeitig die Möglichkeit der Distanz und kritischen Beurteilung erhält. Diese Spannung zwischen Sympathie und Urteil dient dem Engagement und der lebendigen Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen.
Duffys Lyrik kennzeichnet, daß sie sich politischen und gesellschaftlichen Fragen nicht verschließt und sich Themen wie Aids ("Traum von einem verlorenen Freund", in: "The Other Country", 1990), Krieg, Minderheiten, Arbeitslosigkeit und Kindesmißhandlung annimmt. Gleichzeitig sucht Duffy in der Sprache die Wurzeln ihrer Herkunft und Identität (z. B. "Ursprünglich" und "Fluß", in: "The Other Country", 1990). So behandeln persönliche Gedichte immer auch politische Fragen, etwa die von Migration oder politischen Minderheiten. Die Indifferenz gegenüber den sozialen und mentalen Problemen der Menschen ist das eigentliche große Thema Duffys. Und indem sie es immer unter Berücksichtigung der konkreten Zeitumstände behandelt, ist ihr Werk bis zum Erscheinen der "Selected Poems" (Ausgewählte Gedichte) 1994 tief mit dem Großbritannien des Thatcherismus verwoben, zu dem sie kritisch Stellung bezieht.
Nach dem Lyrikband "Fifth Last Song", der 1982 in dem kleinen Liverpooler Verlag Merseyside's Headlands Press erschien, wechselte Caroll Ann Duffy zu dem renommierten Lyrikverlag Anvil Press, wo seitdem alle Gedichtbände Duffys erschienen sind. "Standing Female Nude" machte Duffy 1985 überregional bekannt. Der Band ist geprägt durch die harsche Darstellung von Männern und männlichen Rollen, die vom Kriegsphotographen über einen Macho und den Sammler von Hitler-Tagebüchern bis hin zu Ronald Reagan reichen und von Gewalt, Mord und Verbrechen geprägt sind.
Die realen Verhältnisse, unter denen Frauen in der Gesellschaft leben, und die daraus resultierende klaustrophobische Atmosphäre ist das Thema dieses Gedichtbandes.

Es gibt nicht genug Gesichter. Dein eigenes gafft dich
von einem anderen aus an, aber blasser, dann der Moment,
wo du das nächste siehst und dich selber vergißt.

Es müssen Träume sein, die uns unterscheiden, müssen
private Zellen sein in einem gemeinsamen Schädel.
Einer sieht aus wie der andere und hat andere Erinnerungen.

Verzweiflung starrt dich selbst aus U-Bahnzügen an,
während man im Bahnhof auf schließende Türen zurennt. Jeder,
den du triffst, lügt dir wortlos Wahres ins Gesicht.

Manchmal gibt die Menge eines her, das du beim Namen kennst,
was Dichtung in Wahrheit verwandelt. Doch meist geht dein Geliebter
im Regen an dir vorbei und erkennt dich nicht, wenn du sprichst.

[aus: "Ich erinnere mich an mich". Übersetzung: Margitt Lehbert]

Daß diese Beklemmung kein romantisches Leiden des Individuums ist, wird auch aus den anderen Gedichten des Bandes deutlich. In "A Provincial Party, 1956" (Ein Fest in der Provinz, 1956) wird bei einer Party ein Pornofilm vorgeführt. Die unterschiedlichen Reaktionen eines Ehepaares veranschaulichen das Machtgefälle zwischen den Geschlechtern. Die schüchterne Ehefrau identifiziert sich mit den erniedrigenden Handlungen der dargestellten Frau, ihr Mann identifiziert sich mit der Rolle des filmvorführenden Gastgebers. Das Medium, durch das die Intimität pervertiert wird, zerstört das Vertrauensverhältnis zwischen den Partnern. Duffys Lyrik wirkt durch die Beschreibung der gesellschaftlichen Umstände, die die Art und Weise von Erfahrung bedingen, aufklärerisch. Die Auswirkungen von Handlungen werden dezidiert aus weiblicher Sicht vorgetragen, ohne mit dem Zeigefinger auf Männer zu zeigen. Neben der Geschlechterdifferenz spielen auch andere Themen eine Rolle in Duffys Gedichten. In "Ein gesundes Mahl" wird mit trockenem Witz aus der Sicht einer Vegetarierin die Schlachtung und der Verzehr eines Ochsen in durchaus geschmackloser Weise beschrieben. Gleichzeitig wird so ein Blick auf die Moralvorstellungen jener Gesellschaft gerichtet, für die die Tötung von Tieren alltäglich ist.
In dem 1987 erschienenen Band "Selling Manhattan" (Der Verkauf von Manhattan) konzentriert sich Duffy neben einer Reihe freizügiger und unsentimentaler Liebesgedichte auf die urbane Metropole. Das Bild, das sie von ihr zeichnet, ist das einer gewalttätigen und gewaltbereiten, verängstigten und angsteinflößenden, frustrierten und deprimierenden Stadt. Hier wird vollends deutlich, wie Duffy in ihren dramatischen Monologen düsteren Inhalt mit Witz und Sprachgefühl konterkariert und so in eine unterhaltsame Form bringt. Sie macht mündliche Rede zu Lyrik, ohne den individuellen Sprachschatz der Charaktere zu verlassen. Das Gedicht "Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind" beispielsweise setzt mit den Worten ein: "Er sprach früh. Nicht das ga ga ga des Säuglings,/ sondern: Ich bin Gott." "Klauen" ist der Monolog eines Diebes, der folgendermaßen beginnt:

Das Ungewöhnlichste, was ich je geklaut habe? Einen Schneemann.
Mitternacht. Er sah super aus: so ein großer Stummer, weiß
unter dem Wintermond. Ich wollte ihn einfach, einen Gefährten
mit einem Geist so kalt wie das Stück Eis
in meinem eigenen Hirn.
(...)
Du verstehst doch kein Wort von dem, was ich sage, stimmt's?

[Übersetzung: Margitt Lehbert]

Nicht nur die subjektive Perspektive des Monologs erzielt in Duffy Gedichten spannende Effekte, sondern auch die dramatische Situation, in der sich der Sprecher befindet. Immer wieder wird in den Gedichten die Widerrede von anderen Personen durch den Sprecher mitgeliefert, etwa in "Psychopath" die des Opfers.

(...) Ich weiß, was Frauen wollen,
ein Treppengeländer zur Venus. Sie sagt Bitte und Danke schön
zum Karamelapfel, zum Teddybär. Ich dachte, ich hätte sie soweit, klar.
Sie kreischte im Autoskooter und klammerte sich an meinen Lederärmel.
Ich nahm einen Schluck Whisky aus dem Flachmann und küßte ihn ihr
den Hals runter. Nein, sagte sie, nicht, aber das sagen sie ja alle.
(...)

(Übersetzung: Margitt Lehbert)

Wiederholt verwendet Duffy eine Mehrzahl von Stimmen in einem einzigen Gedicht wie in einer dramatischen Collage. In "Dies Natalis" zum Beispiel benutzt sie deutlich unterschiedliche Diktionen für den Sprecher, der verschiedene Reinkarnationen durchlebt. Die Körper, die er im Laufe des Gedichtes annimt, wechseln von der Katze einer ägyptischen Königin zu einem Albatross, dann zu einem Mann und schließlich zu einem Säugling. Ein weiteres Beispiel für diese Technik ist etwa "Musterdorf", in dem Duffy ein Bilderbuchdorf in der Sprache einer Erzieherin beschreibt, die sich bemüht, Stereotypen wie "grünes Gras" zu vermitteln. Groteskerweise wird die Idylle jedoch immer wieder durch Einschübe der Bewohner des Musterdorfes zerstört, die ihre Probleme, Neurosen, Zwänge und sexuellen Repressionen aussprechen.
In dem 1990 erschienenen Band "The Other Country" (Das andere Land) nähert sich das lyrische Ich erstmals der Person der Dichterin an. Es werden persönliche Themen behandelt wie Duffys schottische Kindheit, Vergänglichkeit, der Tod von Freunden oder verschiedene Arten der Liebe. Während frühere Sammlungen unterschiedlichste Stimmen beinhalten und menschliche Extreme wie Einsamkeit, Wahn und Verzweiflung darstellen, überwiegt nun die mitleidige Stimme der Dichterin, in der mitunter wütende, ironische oder ängstliche Untertöne auszumachen sind. Diese Perspektivenverschiebung macht Gedichte möglich, die als social satire bezeichnet werden. Unter scheinbar komödiantischen Schilderungen (z. B. "Poet for Our Times", Dichter für unsere Zeit) liegt die ernste Hoffnung, daß momentane Misstände verbessert werden können. Wie der Titel der Gedichtsammlung suggeriert, werden in "The Other Country" auf unsemtimentale Weise Orte beschrieben, Momente eingefroren, die in der Phanatsie und der Erinnerung eine wichtige Rolle spielen, wie etwa die Liebe zum Partner, zum Kind oder zu Freunden.
1993 erschien "Mean Time" (Mittlere Sonnenzeit). Der Band unterscheidet sich stilistisch und thematisch von den vorhergehenden Gedichtsammlungen. Die Sprache ist musikalischer, spielt mit Assonanzen und Binnenreimen und ist von einem melodischen Rhythmus getragen. Zugleich bezieht Duffy ihre biographische Vergangenheit stärker in die Texte mit ein und stellt eigene Kindheitserinnerungen in den Mittelpunkt der Gedichte:
"Mit dem letzten Buch (...) hatte ich angefangen, persönlichere, autobiographischere Gedichte zu schreiben. Und dieser Wechsel vom dramatischen Monolog wird in "Mean Time" noch intensiviert. Dabei war es interessant zu beobachten, wie die zuvor benutzten Techniken mir halfen, meine eigene Stimme zu artikulieren, um eine Sprache für die schmerzenden Probleme zu finden." (Interview mit Peter Forbes).
Viele Gedichte dieser Sammlung sind von einer melancholischeren Stimmung getragen als in den Bänden zuvor. Dabei ergeht sich Duffy jedoch nicht in Nostalgie und schwärmerischer Erinnerung. "Stafforder Nachmittage" zum Beispiel kontrastiert die Einsamkeit in der Provinz, "wo die Nachmittage plötzlich stehenbleiben" können, mit dem Auftritt eines Pädophilen:

Zu spät. Faß mal an, sagte der Mann mit den langen Haaren,
der, die Beine auseinander, bei der Silberbirke stand,
mit einer lebenden, purpurnen Wurzel in der Hand. Der Anblick
ließ Geräusche zurückbrausen; Vögel, ein ferner Rasenmäher,
seine heiseren, furchtbaren Koseworte, während ich zurückwich,
dann den ganzen Weg nach Hause lief; in ein Spiel herein,
wo Kinder auseinanderstoben und kreischten
und die Zeit vom Himmel fiel wie ein roter Ball.

(Übersetzung: Margitt Lehbert)

Wegen des Bezugs auf die Geschlechterdifferenz und der expliziten Beschreibung lesbischer Beziehungen in einigen ihrer Liebesgedichte ("Ich wärme ihre Perlen", in: "Selling Manhattan"; "Freundinnen", in: "The Other Country") wird Duffy oft als feministische Autorin charakterisiert. Genauer wäre es zu sagen, daß sie unter anderem in Fragen der Geschlechterpolitik die Abhängigkeit von der Sprache als wahrnehmungsleitende Instanz hervorhebt. In dem Gedicht "Poems in Oil" (Gedichte in Öl, in: "Standing Female Nude") fragt das lyrische Ich: "Ist dies das, was ich sehe?" Und antwortet selber: "Nein, das ist der Prozeß des Sehens". Nicht die Erfahrung ist der authentische Vorgang, sondern der Prozeß ihrer Vermittlung. Wenn Sprache also Bedeutung erst konstruiert, dann gilt es, die Entstehungsbedingungen der gegenwärtigen Welt zu analysieren. Diese Betonung einer sprachabhängigen Wirklichkeit bedient nicht ausschließlich feministische Standpunkte, wie z. B. die Gedichte "Erziehung zur Muße" (in: "Standing Female Nude") oder "Die Delphine" (in: "Selling Manhattan") zeigen:

Welt ist das, worin man schwimmt oder tanzt, es ist einfach.
Wir sind in unserem Element, aber wir sind nicht frei.
Jenseits der Welt kann man nicht lange atmen.
Der andere hat meine Gestalt: Die Bewegung des anderen
formt meine Gedanken. Und meine ebenfalls. Es gibt einen Mann,
und es gibt Reifen. Es gibt eine dauernde, fließende Schuld.

(Übersetzung: Margitt Lehbert)

Die Delphine assimilieren sich schließlich vollständig an ihren Wärter, lernen seine Sprache. Der Verlust von Differenzen und Unterscheidungen, der in diesem Gedicht exemplarisch dargestellt wird, ist vor allem möglich durch den Einfluß und die Wirkung sprachlicher Repräsentation.
Die wenigen gereimten Gedichte in Duffys Werk drehen sich mehrheitlich um poetologische oder selbstreferentielle Themen. In "Poet for Our Times" etwa wird der Schlagzeilen-Stil der Boulevardpresse imitiert. In dem Gedicht "Alphabet for Auden" (Alphabet für Auden, in: "Standing Female Nude") wird der Wirkungsgrad von Lyrik und der Vorbildcharakter poetischer Vorgänger am Beispiel des Gedenkens an Wystan Hugh Auden thematisiert. Audens Bemühen um unmittelbare Verständlichkeit und um Annäherung an die gegenwärtigen Lebensbedingungen entpuppt sich angesichts der Wirkungslosigkeit von Lyrik als völlige Illusion. Duffy stellt sich damit scheinbar gegen eine sozial engagierte Lyrik und tritt für eine sich der Reichweite und Begrenzung ihrer poetischen Mittel bewußte Sprachkunst ein. Tatsächlich wird jedoch das Engagement, das ihre Dichtung offenkundig besitzt, als ein poetisch reflektiertes ausgewiesen: In „Alphabet for Auden“ reimt sich jedes der sechsundzwanzig couplets des Gedichtes auf den ihm analogen Buchstaben des Alphabets. Mehr Zweizeiler als es Buchstaben im Alphabet gibt sind durch dieses Reimschema nicht möglich, das Ende des Gedichtes also zwangsläufig. Diese Konstruiertheit lenkt die Aufmerksamkeit des Lesers auf die verwendete Sprache, die vorsprachliche Ereignisse oder Gefühle beschreibt. Wenn Duffy in "Worte, weite Nacht" (in: "The Other Country") schreibt: "Denn ich bin verliebt in dich und ich// beschreibe, wie das ist oder wie es in Worten ist", so ist die Liebe von ihrer Kommunikation abhängig.
Die Abstraktion der Kunst, die das Individuelle in eine allgemeingültige Form überführt und so die Authentizität preisgibt, ist auch Thema des Gedichtes, das Duffys Sammlung "Standing Female Nude" den Namen gibt. Durch den Mund des Mädchens, das dem französischen Maler Georges Braque Model steht, wird die Kluft zwischen Kunst und Leben beschrieben:

Sechs Stunden steh ich für ein paar Francs.
Bauch Brust Hintern im Fensterlicht,
entzieht er mir die Farbe. Weiter nach rechts,
Madame. Und versuchen sie doch, stillzuhalten.
Ich werde analytisch abgebildet und dann in großen Museen
ausgestellt. Gurren wird die Bourgeoisie beim Anblick
einer so dargestellten Flußhure. Man nennt es Kunst.

Kann ja sein. Ihm geht es um Volumen, um Raum.
Mir um die nächste Mahlzeit. (...)

Wenn er fertig ist,
zeigt er es mir stolz, zündet sich eine Zigarette an.
Ich sage:
Zwölf Francs und hole meinen Umhang. Es ähnelt mir nicht mal.

(Übersetzung: Margitt Lehbert)

Duffys Sprache ist auch in den reimlosen Gedichten von einem rhythmischen Stakkato unterlegt, das eine gewisse Härte suggeriert, aber den Vortrag sehr erleichtert. Duffy selbst gilt als hervorragende Leserin. Hierin steht sie der performance poetry der siebziger Jahre nahe, deren wichtigste Vertreter die Liverpool Poets sind.
Das kritische Erkenntnisinteresse ist bei Duffy in eine sprachliche Gestalt gekleidet, die nur selten den unverstellten Blick auf das Ursprüngliche zugesteht ("Ich erinnere mich an mich", in: "Standing Female Nude"; "Liar", "Lügnerin", in: "The Other Country"). In "Frau Tiresias" (in: "The World’s Wife") verwandelt sich der mythische blinde Seher von einem Mann mit Tweed-Jacke zu einer Frau. Im Spiel von Täuschung und Perspektiven ist schwer zu entscheiden, was Begehren und Vorstellung ist und was tatsächlich gesehen wird. Daß dieses Gedicht, das die dann entstehende 'lesbische' Beziehung zwischen Tiresias und seiner Frau beschreibt, als Würdigung wie als Unmöglichkeit der lesbischen Liebe gelesen werden kann, ist eine für Duffy typische Öffnung hergebrachter Klischees.
Wo Duffy die Konstruktionsleistung von Sprache und ihre wahrnehmungsleitende Funktion betont, sind ihre Gedichte zweifellos am stärksten. Dort erweist sie sich als virtuose Sprachartistin, und diese Könnerschaft weist sie wiederum als kritische und eigenständige Stimme jenseits postmoderner Beliebigkeit oder sinnlicher Verhaftetheit aus. Wo sie mit der ihr eigenen Distanz und Ironie bricht, drohen ihre Gedichte allzu pädagogisch zu wirken. "A Healthy Meal" endet gnomsich mit: "Man ist, was man ißt", und "Geld verdienen" (in: "The Other Country") belehrt durch seine Kapitalismuskritik. Meist aber hält Duffy das Oszillieren zwischen den Polen Erkenntnis und Irreführung durch. Und das macht sie zu einer der exponiertesten und wichtigsten Dichterstimmen im englischen Sprachraum. Seit dem Gedichtband "Mean Time" sind von ihr drei Veröffentlichungen gesammelter Gedichte und zwei Gedichtbände für Kinder erschienen. Ihre neuen Gedichte werden unter dem Titel "The World’s Wife" erscheinen. Es handelt sich dabei um dramatische Monologe von Frauen bekannter oder mythischer Männer, wie etwa "Frau Tiresias" oder "Queen Kong".


A Originalausgaben

"Fleshweathercock and Other Poems". (Fleischwetterhahn). Walton-on-Thames (Outposts) 1973.

"Fifth Last Song". (Fünftes letztes Lied). Gedichte. Liverpool (Merseyside's Headlands Press) 1982.

"Standing Female Nude". (Stehender Weiblicher Akt). Gedichte. [Enthält u.a.: "Standing Female Nude" ("Stehender Weiblicher Akt"); "You Jane" (Du Jane); "I Remember Me" ("Ich erinnere mich an mich"); "A Provincial Party, 1956" (Ein Fest in der Provinz, 1956); "Oppenheims Cup and Saucer" ("Oppenheims Tasse und Untertasse"); "Till Our Face" (Bis unser Gesicht); "Poems in Oil" (Gedichte in Öl); "Education for Leisure" ("Erziehung zur Muße"); "Girl Talking" ("Ein Mädchen spricht"); "A Healthy Meal" ("Ein gesundes Mahl"); "Comprehensive" ("Gesamtschule"); "Alphabet for Auden" (Alphabet für Auden); "Shooting Stars" ("Sternschnuppen")]. London (Anvil) 1985.

"Thrown Voices". (Geworfene Stimmen). Gedichte. London (Turret) 1986.

"Selling Manhattan". (Der Verkauf von Manhattan). Gedichte. [Enthält u. a.: "Selling Manhattan" ("Der Verkauf von Manhattan"); "Strange Place" (Fremder Ort); "Model Village" ("Musterdorf"); "Yes Officer" (Ja Offizier); "The Dummy" ("Die Bauchrednerpuppe"); "The Dolphins" (Die Delphine); "And How Are We Today" ("Und wie geht's uns heute"); "By Heart" (Auswendig); "Homesick" (Heimweh); "Every Good Boy" (Jeder gute Junge); "I Live Here Now" (Hier wohne ich jetzt); "Sanctuary" (Heiligtum); "Dies natalis" ("Dies natalis"), "Psychopath" ("Psychopath"), "Warming her Pearls" ("Ich wärme ihre Perlen"); "Stealing" ("Klauen"), "Three Paintings" ("Drei Gemälde"); "The Virgin Punishing the Infant" ("Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind"); "Away" ("Meilenweit weg"); "Searching for Moons" (Monde suchen); "Space, Space" (Raum, Raum)]. London (Anvil) 1987.

"The Other Country". (Das andere Land). Gedichte. [Enthält u. a.: "Talent Contest" (Talentwettbewerb); "Boy" ("Junge"); "Survivor" (Überlebender); "Poet for Our Times" (Dichter für unsere Zeit); "Originally" ("Ursprünglich"); "The Way My Mother Speaks" ("Wie meine Mutter spricht"); "Girlfriends" ("Freundinnen"); "Losers" (Verlierer); "Hometown" (Heimatstadt); "River" ("Fluß"), "Making Money" ("Geld verdienen"); "Liar" ("Lügnerin"); "Dream Of A Lost Friend" ("Traum von einem verlorenen Freund"); "Two Small Poems of Desire" (Zwei kurze Gedichte über die Sehnsucht); "Hard to Say" (Schwer zu sagen); "The Kissing Gate" (Das Kußtor); "Words, Wide Night" ("Worte, weite Nacht"); "Who Loves You" (Wer liebt dich); "Weasel Words" ("Wieselworte"); "In Your Mind" ("In deinem Kopf")]. London (Anvil) 1990.
"Mean Time". (Mittlere Sonnenzeit). Gedichte. [Enthält u. a.: "Valentine" ("Valentinsgruß"); "Adultery" ("Ehebruch"); "Stafford Afternoons" ("Stafforder Nachmittage"); "Moments of Grace" ("Augenblicke der Gnade"); "Prayer" ("Gebet"); "Nostalgia" ("Nostalgie"); "Away and See" ("Geh fort und sieh"); "Litany" ("Litanei"); "The Captain of the 1964 Top of the Form Team" (Der Kapitän des Teams der Besten 1964); "Like earning a Living" (Seinen Unterhalt verdienen); "Close" ("Nah")]. London (Anvil) 1993.

"Selected Poems". (Ausgewählte Gedichte). London (Penguin) 1994.

"Penguin Modern Poets 2". [Enthält eine Auswahl der Gedichte aus "Standing Female Nude", "Selling Manhattan", "The Other Country", "Mean Time" und "Selected Poems"]. Zusammen mit Vicky Feaver und Eavan Boland. London (Penguin) 1995.

"Stopping for Death. Poems of Death and Loss". (Für den Tod anhalten. Gedichte über Tod und Verlust). London (Holt Henry) 1996.

"I Wouldn't Thank You for a Valentine. Poems for Young Feminists". (Ich würde dir nicht für einen Valentinsgruß danken. Gedichte für junge Feministinnen). London (Holt Henry) 1997.

"The Pamphlet". (Das Pamphlet). Gedichte. London (Anvil) 1998.

"The World's Wife". [Enthält u.a.: "Mrs Tiresias" ("Frau Tiresias"); "Queen Kong" ("Queen Kong")]. London (Anvil). Im Erscheinen.


B Übersetzungen

"Die Bauchrednerpuppe". [Enthält u. a.: "Stehender Weiblicher Akt" ("Standing Female Nude"); "Ich erinnere mich an mich" ("I Remember Me"); "Oppenheims Tasse und Untertasse" ("Oppenheims Cup and Saucer"); "Der Verkauf von Manhattan" ("Selling Manhattan"); "Musterdorf" ("Model Village"); "Die Bauchrednerpuppe" ("The Dummy"); "Die Delphine" ("The Dolphins"); "Und wie geht's uns heute" ("And How Are We Today"); "Dies natalis" ("Dies natalis"); "Psychopath" ("Psychopath"); "Ich wärme ihre Perlen" ("Warming her Pearls"); "Klauen" ("Stealing"); "Drei Gemälde" ("Three Paintings"); "Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind" ("The Virgin Punishing the Infant"); "Meilenweit weg" ("Away"); "Junge" ("Boy"); "Wie meine Mutter spricht" ("The Way My Mother Speaks"); "Traum von einem verlorenen Freund" ("Dream of a Lost Friend"); "Worte, weite Nacht" ("Words, Wide Night"); "Wieselworte" ("Weasel Words"); "Valentinsgruß" ("Valentine"); "Eheburch" ("Adultery"); "Stafforder Nachmittage" ("Stafford Afternoons"); "Augenblicke der Gnade" ("Moments of Grace"), "Gebet" ("Prayer"); "Nostalgie" ("Nostalgia"); "Geh fort und sieh" ("Away and See"); "Litanei" ("Litany"); "Ein gesundes Mahl" ("A Healthy Meal"); "Nah" ("Close"); "Lügnerin" ("Liar"); "Frau Tiresias" ("Mrs Tiresias")]. Übersetzung: Margitt Lehbert. Salzburg und Wien (Residenz Verlag) 1996.


C Theater

"Take my Husband". (Nimm meinen Gatten). Uraufführung: Liverpool Playhouse, 1982. Regie:?

"Cavern of Dreams". (Die Höhle der Träume). Uraufführung: Liverpool Playhouse. 1984. Regie?

"Little Women, Big Boys". (Kleine Frauen, große Jungs). Uraufführung: London, 1986. Regie:?


D Sekundärliteratur

Lanchester, John: "Specific Strength. Carol Ann Duffy". In: Poetry Review. 75. 1986. H. 4. S. 58. (Zu: "Standing Female Nude").

Nye, Robert: "Bright New Panes Broken". In: The Times, 13.2.1986. (Zu: "Standing Female Nude").

Scannell, Vernon: "Voice-Overs". In: Poetry Review. 1987. H.4. S.? (Zu: "Selling Manhattan").

Jenkins, Alan: "Lonely Heart’s Club". In: The Observer, 17.1.1988. (Zu: "Selling Manhattan").

Jennings, Elizabeth: "Carol Ann Duffy: A Curious Music". In: The Independent, 21.4.1988. (Zu: "Selling Manhattan").

Mackinnon, Lachlan: "Dramas of Decline". In: Times Literary Supplement, 18.3.1988. (Zu: "Selling Manhattan").

Thomas, Jane E.: "The Intolerable Wrestle with Words. The Poetry of Carol Ann Duffy". In: Bête Noire. 6. 1989. S. 78-88.

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Horovitz; Michael, "Lyric Peaks and Bluesy Pits of the Mersey Sound". In: Financial Times, 19.1.1991. (Zu: "The Other Country").

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Hulse, Michael: "Mean Time". In: Guardian, 27.7. 1993.

O'Brian, Sean: "Illuminating Manuscripts". In: Sunday Times, 18.7.1993. (Zu: "Mean Time").

Forbes, Peter: "Carol Ann Duffy. Mean Time". In: Poetry Review. Special Issue. 84. 1994. H. 1. S. 111.

Hühn, Peter: "Postmoderne Tendenzen in der britischen Gegenwartslyrik. Formen, Funktionen, Kontexte." In: Literatur in Wissenschaft und Unterricht. 1995. H.4. S. 295-331.

Gregson, Ian: "Carol Ann Duffy: Monolog as Dialogue". In: Ders.: Contemporary Poetry and Postmodernism. Dialogue and Estrangement. Houndsmill (Macmillan Press) 1996. S. 97-107.

Kennedy, David: "Finding an Adequate Measure". In: Ders.: New Relations. The Refashioning of British Poetry 1980-1994. Bridgend (Poetry Wales Press) 1996. S. 214-235.

Lehbert, Margitt: "Gehäutete Zunge. Die irisch-schottisch-englische Dichterin Carol Ann Duffy". In: Neue Rundschau. 107. 1996. H. 1. S. 113-117.

Mackay, Shena: "Top of Her Form". In: Times Literary Supplement, 19. 11. 1996. (Zu: "Mean Time").

Smith, Stan: "The Things that Words Give a Name to: The 'New Generation' Poets and the Politics of the Hyperreal". In: Critical Survey. 8. 1996. H. 3. S.?

Görner, Rüdiger: "Wortkörper". In: Neue Zürcher Zeitung, 7.2.1997. (Zu: "Die Bauchrednerpuppe").

Neber, Ingeborg: "Die Bauchrednerpuppe". In: Das Gedicht. 1997. H. 5. S. 94.

Scherer, Burkhard: "Tagewerk einer Perlenwärmerin". In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.5.1997. (Zu: "Die Bauchrednerpuppe").

Zum Thema:
http://www.etk-muenchen.de/artikel/3604?_nav=1