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Süddeutsche Zeitung, 01.02.2005

Wie man weiß, endete die Ehe mit Sylvia Plath tragisch: Den deutschen Übersetzern hat Ted Hughes manches erklärt

Für die einen ist Ted Hughes der wichtigste englische Dichter nach dem Zweiten Weltkrieg. Für andere ist er ein Schürzenjäger, Mörder und Faschist, ein Mann, der Frauen in den Tod treibt. Die einen schauen auf seine Literatur, die anderen vor allem auf seine Beziehung zu der amerikanischen Schriftstellerin Sylvia Plath. Mit ihr lebte Hughes sechs Jahre zusammen, Jahre, in denen Hughes zum Star am englischen Lyrikhimmel aufstieg, und Plath sich von einer Schaffenskrise zur anderen hangelte, unter ihrem Dasein als Mutter litt, von Hughes betrogen wurde, sich von ihm trennte und Selbstmord beging, indem sie den Kopf in den Backofen steckte, während ihre Kinder im Nebenzimmer schliefen.

Fünf Jahre später imitierte die Frau, mit der Hughes Sylvia Plath betrogen hatte, die eher mittelmäßige Schriftstellerin Assia Wellvill, Sylvias Selbstmord, brachte aber diesmal das gemeinsame Kind gleich mit um. Hughes wurde bei Lesungen niedergeschrien, in Zeitungen beschimpft und zog sich zurück, lebte auf dem Land in Devon, publizierte wenig und lehnte jede Stellungnahme zu Plaths Tod ab, galt als menschenscheu und weltabgewandt, nahm Preise nicht mehr selbst entgegen, war nur noch über seinen Agenten zu erreichen. An diesen richteten wir einen Brief mit der Bitte, ihn an Hughes weiterzuleiten. Wir waren gerade mit der Übersetzung von Hughes’ letztem Gedichtband „Birthday Letters“ beschäftigt und konnten für einige strittige Punkte keine plausible Lösung finden. „Birthday Letters“ ist nicht Hughes stärkstes Buch. Aber es ist das Buch, das, wie eine Zeitung in seltsam schräger Metaphorik schrieb, „in die literarische Welt wie ein Donner einschlug“. Mit 88 sehr persönlichen Gedichten bricht Hughes sein Schweigen über seine Beziehung zu Sylvia Plath.

Lyrisches Drehbuch
Unsere Fragen an Hughes hatten wir im Stil eines Multiple-Choice-Bogens formuliert, um den großen, einsamen Mann nicht zu belästigen. Er hätte bloß die richtige Lösung ankreuzen müssen, mehr wollten wir ihm in seiner tragischen Weltabgewandtheit nicht zumuten.

Nun ist mit dem Film „Sylvia“ die Tragödie der beiden in die deutschen Kinos gekommen. Eine Premiere ist dabei auch, dass vielleicht erstmals in der Geschichte Hollywoods ein Gedichtband die Grundlage für ein Drehbuch geworden ist. Manches Bild der „Birthday Letters“, manche Szene und manche Selbstdeutung sind in den Film eingeflossen.

Drei Tage, nachdem wir unseren Brief abgeschickt hatten, kam die Antwort: „Ich hoffe, euch machen die ,Birthday Letters‘ ein wenig Freude“, begann der Brief. Es folgten sieben engbeschriebene Seiten. Wir antworteten, er schrieb zurück.

„Ich schrieb die Gedichte ohne jeden Gedanken an eine Veröffentlichung über einen Zeitraum von zwanzig Jahren, immer mal wieder nur ein oder zwei Gedichte. Ich wollte eine Sprache finden, die so einfach und psychologisch ungekünstelt und schutzlos ist, dass mein Gefühl des Gesprächs mit ihr sich sozusagen direkt, frei und un-selbstbewusst fühlen konnte. Und insofern ich diese intime Wellenlänge fand, sind die Stücke Träger jenes Lebens, das mich sie zurückhalten ließ. Es ging mir darum, mir gewisse Sachen von der Seele zu schreiben – aber auf eine persönliche, direkt an sie adressierte Weise. Ich musste es einfach tun. Und es wäre für mich viel besser gewesen, wenn ich es bereits vor fünfundzwanzig Jahren getan hätte. Alles was ich wollte, war mich selbst zu entblößen wie ein Kind und die Sache durchzustehen.“

Das Beschwören von Ehrlichkeit und Natürlichkeit ist eine der ältesten rhetorischen Figuren. Tatsächlich sind die „Birthday Letters“ aber genau das Gegenteil: Die entblößte, persönliche Zwiesprache mit seiner toten Frau ist hochgradig artifiziell. Sie bedient sich der Bilder, Motive und Rollen, die bereits in beider Literatur angelegt sind. Diese Verschränkung wird besonders deutlich, wenn Hughes das Verhältnis von Plaths Gedicht „Ariel“ und seinem Antwortgedicht erläutert: „In dem Titelgedicht von Sylvia Plaths Buch ,Ariel‘ reitet sie ein Pferd, das in die Sonne abzuheben scheint, ,selbstmörderisch‘, wie sie sagte. Trotzdem ist es ein ungeheuer frohlockendes Gedicht. Sie reitet dieses Pferd in die Morgendämmerung – die Sonne, wie sie gerade aufgeht. In ,Ariel‘ stellt sie sich die Sonne, in die sie ihr Pferd reitet, als ihren Vater vor. In meinem Gedicht ,Night-Ride‘ stelle ich sie mir vor, wie sie durch den Nachthimmel fliegt, ihrer Mutter und den anderen guten Feen entgegen, die einflussreiche Rollen in ihrem Leben innehatten. In Plaths Vorstellungswelt werden diese dunklen Frauen mit dem Mond identifiziert. Wenn sie in ,Ariel‘ ihr Pferd durch die Luft in die Sonne reitet, kann man ihren Ritt auch als Flug sehen. Und in meinem Gedicht ist ihr Flug zugleich ein Ritt, aber er endet im Morgengrauen.“

Deutlich wird, dass die Bewunderer der Literatur und die Verächter des Lebens übersehen, dass für Hughes – wie für Sylvia Plath – beides zusammen gehörte, Leben und Schreiben. Und zwar nicht als Summe von Teilen, sondern als Ableitung eines ganzheitlichen Lebenskonzeptes. Das Besondere dabei ist, dass das Schreiben nicht auf das Leben folgt und von seinen Ereignissen berichtet, sondern das Leben nach literarischen, mythischen oder psychologischen Mustern, Stoffen und Figuren eher entworfen als gedeutet wird. Eine Ulme, die in Plaths und Hughes’ Garten stand, deutet Hughes in seinen Briefen „zu dem Baum am Tor zur Unterwelt, ein Totenbaum, und der merkwürdige Zufall – für den verehrten Leser wie für mich – ist, dass SPs erstes Ariel-Gedicht „Ulme“ heißt und von einer riesigen Ulme handelt, eigentlich waren es jedoch drei, dicht beieinander, die unseren Hofplatz überragten.“

Ein Leben im Totenreich wird immer mehr zur zentralen Figur in Hughes’ und Plaths literarischer Beziehung. Das Spannende an der Korrespondenz mit Ted Hughes sind nicht so sehr Aufschlüsse über einzelne Textstellen, die sich auf Bildkomplexe der Plathschen Lyrik beziehen, interessant ist vielmehr, wie sehr beide die Wirklichkeit als nur fadenscheinig erlebten. Todesvisionen bestimmten ihr Schreiben und Leben.

Stirb und werde
In der Nacht vom 27. auf den 28. Oktober 1998 stirbt Ted Hughes. Achtzehn Monate vor seinem Tod wird ein Darmkrebsleiden diagnostiziert. Mit diesem Wissen hat sich Hughes vermutlich an die Sichtung und Edition seiner „Birthday Letters“ gemacht – und an die Titelgebung. So groß die Aufmerksamkeit für dieses Buch auch war, so genau Anspielungen, Zitate und Querverweise untersucht worden sind, den Titel hat bislang noch keiner erklärt.

Folgt man aber Hughes’ Briefen, dann wird der Geburtstag zu einem Sterbetag, der ein Leben lang andauert. Die „Birthday Letters“, Geburtstagsbriefe, sind eigentlich Totenbriefe, der Übergang von einer Daseinsebene in eine andere. Akzeptiert man die besondere Inszenierung der Beziehung von Hughes und Plath bis zu diesem Punkt, dann nimmt es auch nicht Wunder, dass Ted Hughes ausgerechnet in der Nacht nach dem 66. Geburtstag von Sylvia Plath stirbt.

ANDREA PALUCH/ROBERT HABECK