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Vortrag zum Ernst Wilhelm Händler Symposium, Frankfurt 2004
veröffentlicht: Literaturzeitung Volltext 2004, und in: Lutz Hagestedt / Joachim Unseld (Hg.): Literatur als Passion.
Zum Werk von Ernst-Wilhelm Händler


Von Robert Habeck

Ausgehend von der Irritation, die Händlers Romane ausgelöst haben (1), werden einige Besonderheiten seines Prinzips, verschiedene Diskurse mit unterschiedlichen Sprachhaltungen nebeneinander zu stellen, herausgearbeitet (2), um dann die poetologische Rechtfertigung für dieses Verfahren zu analysieren(3). Diese lässt sich als eine Engführung von Sprache und Ökonomie begreifen. Händlers Texte verkehren jedoch die Interpretationsbeziehung und gehen zudem von einem entmaterialisierten, selbstreferentiellen und synchron verstandenen Begriff des Ökonomischen aus (4). Dieser eröffnet jedoch nicht nur unbegrenzte stilistische Variationsmöglichkeiten, sondern führt zu speziellen stilistischen Eigentümlichkeiten, die quer durch alle Stile Händlers festzustellen sind (5).

1. Publikum und Subjektivität

Die Verblüffung, die Händlers Romane in weiten Teilen der literarisch interessierten Öffentlichkeit auslöst, macht sich, neben den umfangreichen und detaillierten Kenntnissen des Autors von abgelegenen Betätigungsfeldern, vor allen Dingen an dem stilistischen Variantenreichtum von Händlers Texten fest. Die vielfachen Wechsel in der Erzählhaltung, die Sprünge und Brüche im Erzählfluss, die temporale wie kausale Verkehrung von Handlungslogiken, der Rekurs auf eine Vielzahl von Diskursen und Fachsprachen, die gemeinhin als nicht literaturtauglich und literaturfähig gelten, sowie die reflexive Beziehung von Händlers Literatur auf Literatur haben den Eindruck erweckt, dass hier ein Autor mit vielen Zungen schreibt. Das, gepaart mit Anekdoten und Hinweisen auf die Biographie des erfolgreichen mittelständischen Unternehmers, findet sich in fast jeder Besprechung Händlerscher Bücher und löst ein Gutteil der Bewunderung aus, die das Feuilleton bei der Betrachtung und Beschreibung von Händlers Romanen und Erzählungen durchzieht.
Die Biographie des Autors und das Stilprinzip des „Wechsels der Stimmen“ sind deshalb irritierend, weil sie zwei Stereotypen der Literaturbetrachtung widerstreiten, die noch immer fröhliche Urstände feiern. Das erste Stereotyp lautet, dass Romane eine stark subjektive Prägung haben, und zwar sowohl was die Rezipienten- wie die Produzentenseite angeht. Lesend folgt man einer Geschichte und den handelnden Figuren mit Interesse, weil sich eine Beziehung zum eigenen Leben, eigenen Wünschen, Verdrängungen oder Problemen ergibt. Schreibend entwirft ein Autor eine zu seiner Existenz oder den Erfahrungen seiner Zeit exemplarische Parallelwelt. Zumindest zu ersterem stehen Händlers Romane quer. Die vorgeführten Menschen entbehren in vieler Hinsicht dem, was einer Person, die zum Mitfühlen und Mitleiden anregt, eigen sein muss. Die Damen aus Wenn wir sterben bleiben, obwohl die Kapitel jeweils Aspekten ihres Seelenzustandes gewidmet sind, unnahbar. „Furchtbare Müdigkeit“ wird über eine Reihe von Mißgeschicken beim Aufstehen geschildert (Wenn wir sterben, 110 f.), existentielle Gedanken werden durch einen Wechsel ins Neutrum des „man“ auf Distanz gehalten (Wenn wir sterben, 450 f.), Georg Voigtländers Scheitern wird in der 3. Person und damit als fiktionale Reflexion erzählt (Fall, 393 ff.), Hants künsterlische Initiation wird in ihrer existentiellen Bedrohung ausgeblendet (Sturm, 201), statt Suttungs deprimierter psychischer Disposition wird dem Leser ein Buch über Astrophysik vorgestellt (Sturm, 55), die Verzweiflung eines demontierten Philosophen, des Freundes des Assitenzprofessors, kondensiert sich zu einer akademischen Grundsatzrede.

„ich werde niemals einer von denen sein, die alle Gründe der Welt anführen, um das zunichte zu machen, was sich gegen ihre Überzeugung stellt, ich werde niemals einer von denen sein, die alle Gründe gegen alles sammeln, um sich im Unzusammenhang dieser Gründe zu spiegeln, ich werde auch niemals einer von denen sein, die bis zu ihrer eigenen Erschöpfung versuchen, die Gründe aller Toten und Lebenden in eine lesbare Reihenfolge zu bringen. – Ich werde Gründe beschreiben, ich werde Gründe benennen, ich werde Gründe anführen!“ (Kongreß, 230)

Das läßt sich auch auf Händlers Literatur übertragen: keine Literatur gegen etwas, kein Versuch, Lesbarkeit zu erstellen, keine Orientierungshilfen in der Welt, keinem Menschen einen Spiegel vorhalten. Stattdessen „beschreiben“, „benennen“, „anführen“. So verweigern Händlers Figuren sich weitgehend der Innerlichkeit, kaum werden Gefühle geschildert, fast nie Motive für bestimmte Handlungen erzählt. Dafür frönen Händlers Protagonisten der Abstraktion, haben die Ursachen ihrer jeweiligen Situation intellektuell durchdrungen und ersetzen die Suche nach dem Rätsel der Existenz durch den theoretischen Diskurs.
Wie Händlers Charaktere eher Typen darstellen als Personen zu sein, entspricht auch der Autor so gar nicht dem Inbegriff des Literaten, dessen Genie sich in der Herzeinsamkeit entfaltet. Die schöpferische Weltabgewandheit ist durch vielfältige akademische, literarische und wissenschaftliche Querverweise, Zitate und Anspielungen von vornherein aufgebrochen, die gesellschaftliche Reputation des Autors ist groß, sein außerliterarisches Leben reich und sein Geschäft erfolgreich. Eine authentische Autorenbiographie sieht jedoch noch immer anders aus. Eine alleinerziehende Mutter lebt von der Sozialhilfe, und schreibt, ohne Aussicht auf Publikation, in einem Pub bei Kaffee, den sie, um Geld zu sparen, so langsam trinkt, dass er kalt ist, mehrere hundert Seiten einer so rührenden wie fantastischen Geschichte als Gegenentwurf zu ihrem verkorksten Leben. Dann wird aus Aschenputtel die Literaturprinzessin. Händler hingegen hat mehrfach beteuert, nicht finanziell auf den Verkauf seiner Bücher angewiesen zu sein, hat die Zusage seines Verlegers, ein komplettes Œuvre auch bei ökonomischem Misserfolg zu publizieren und ist – sofern die Homestories die Wahrheit sagen – auch in privater Hinsicht nicht unglücklich.

2. Subjektivität und Stil

Nach dem Schwund der Regelpoetiken und ihrer rhetorischen Domestizierung der Literatur wurde die Form der Sprache, ihre artifizielle Seite, ihre Ausdrucksart eng mit dem Subjekt verknüpft. Der Stil war der Mensch. Sich überstürzende Satzkaskaden deuteten auf ein überflutendes Herz, gesetzte, gleichmäßige Jamben auf einen im Bildungsbürgertum angekommenen, auch biographisch zur Ruhe gefundenen Geist. Ein Stil wurde entwickelt (wie sich ein Subjekt entwickelte), konnte variieren, aber innerhalb eines Werks nur, wenn auch sein Inhalt dialektisch über Varianten arbeitete. Selbst Stilbrüche und der Kampf gegen subjektive Innerlichkeit lassen sich auf das hermeneutische Doppel von Inhalt und Form beziehen, das von einer Vollendung im Werk ausgeht. Das Stildiktum des neunzehnten Jahrhunderts hat das Ende der Geschichte und der Geschichten, die Dekonstruktion der Metaphysik, den Strukturalismus und den Konstruktivismus im Refugium der literarischen Öffentlichkeit unbehelligt überstanden. Nach wie vor gelten Stile als ihrer Zeit angemessen, drücken Befindlichkeiten aus, sind der Kampfplatz, auf dem Autoren ihre Potenz messen. Dieses Kräftemessen hat Händler in vielerlei Hinsicht für sich entschieden, indem er sich ihm nicht gestellt hat. Stattdessen führen seine Bücher das Misslingen eines hermeneutischen Stildiskurses vor, nicht zuletzt, indem sie immer wieder aufzeigen, dass seine Voraussetzungen, ein vollständiger Subjektbegriff, ein gesicherter Weltzugang, ein ontologisches Literaturverständnis, intellektuell nicht belastbar genug sind. Der Freund des Assistenzprofessors sitzt einer akademischen Intrige auf, Stine intrigiert gegen Charlotte, Milla gegen Stine, Georg Voigtländer verkalkuliert sich – Händlers Helden unterliegen diversen Fehleinschätzungen und Täuschungen, aber sie sind immer in der Lage, ihre psychische Situation durch intellektuelle Strategien zu verobjektivieren. Ebenso tun es die Texte. Sie desavouieren herkömmliche literaturkritische Strategien, indem sie deren Erkenntnis von vornherein in Rechnung stellen. Sie sind gespickt mit zitatfähigen Äußerungen über ihr literarisches Verfahren, sie geben konstruktivistische Erkenntnisse in Form von langen Monologen wieder und sie stellen bereits vor, was bei anderen Büchern erst Ergebnis der Interpretation ist. Statt Brüche im Erzählfluß, in der Person, in der Poetologie aufzuzeigen, ist die Literaturkritik durch Händlers Bücher herausgefordert, weil ihre literarische Wirklichkeit bereits vielfach gebrochen ist.
Damit tut sich die Frage auf, vor welchem poetologischen Hintergrund Händlers Umgang mit der Sprache zu deuten ist, oder konstruktiv formuliert: In welcher Hinsicht lassen sich Händlers Sprachuniversen interpretieren, um die Diffusion der Stile nicht nur – in Wiederholung der Strategie der Texte – beschreibend zu konstatieren, sondern, was als amorphes Sich-Entziehen-des-Diskurses daher kommt, auf eine begrifflich zu umschreibende Ebene zu beziehen, vielleicht „als Grammatik der verwendeten Redefiguren“.

3. Stil und Ökonomie

Der Versuch, die verschiedenen Stile Händlers auf seine verschiedenen Inhalte zu beziehen und insofern abzuleiten, ist naheliegend, gleichwohl zum Scheitern verurteilt. Mal werden die Wirtschaftsabläufe bei der Umwandlung einer Firma von einer Personen- zu einer Kapitalgesellschaft in trockenen Aktenprotokollen wiedergegeben, mal in Kurzskizzen der an den Übernahmeschlachten beteiligten Frauenpsychen, mal wird Philosophie als pornographisches Machtspiel vorgeführt, mal als Zitat von Wittgenstein. Pornographie wiederum wird einmal als hard-core-Sex im schnoddrigen Ton geschildert, ein anderes Mal als Beiläufigkeit nur angedeutet.
Die Suche nach erzählerischen Kontinuitäten ist jedoch nicht müßig, sondern fördert neben dem Scheitern der Charaktere weitere Stetigkeiten in der Motivik Händlers zutage. Besagter Sex wird zum Beispiel regelmäßig in seiner analgeschlechtlichen Variante praktiziert („Sprachspiel“, Kongreß 315, 227; Wenn wir sterben 125, Sturm 281ff, Kongreß 227ff.) das Frauenbild der Romane ist wenig emanzipiert (vgl. Sturm, 285f., Kongreß, 227ff., Fall 74; Wenn wir sterben 390f., 399f.), die gesellschaftlichen Zustände sind – mit Ausnahme einiger Erzählungen aus Stadt mit Häusern – gehobener Mittelstand, Armut und Leben mit existentiellen Nöten kommen nicht vor. In allen Romane frönen die Akteure wenigstens einem ästhetischen Pläsier. Figuren wie Johannes Stumpfegle treten in allen Texten auf, und mit ihm die Leidenschaft wenigstens einer Figur für Immobilien (-spekulationen) (Wenn wir sterben 54 ff., 305 ff., Kongreß 280 f., Fall 153, Sturm 73 ff., Stadt mit Häusern). Abgeleitet davon geht es in jedem Text wenigstens einmal um den Besitz und die Wahrung, bzw. den Erwerb eines Hauses. Viele dieser parallelen Konstruktionen bieten Einstiegsmöglichkeiten zur Interpretation, und da in der Literatur, erst recht aber in der Literaturwissenschaft und Literaturkritik alles mit allem in Beziehung steht, lässt sich argwöhnen, dass jedes Motiv auf eine gewisse Art alle anderen mit einbezieht. Für die Frage nach den Deutungsmöglichkeiten des Stils scheint die Motivik des Hauses vor anderen geeignet, weiterzuführen, verknüpft es doch metaphorisch die Sprache mit dem Menschen. Wie die eigenen vier Wände gilt die Sprache traditionell als Ort des Individuums, wo es sein kann. Eben dies hat die Affinität von Autor und Stil in der Tradition ausgemacht. Denkt man aber die Sprache nun nicht mehr nur als ontologische Behausung eines seienden Subjekts, sondern als arbiträren Diskurs, der dem Subjekt vorgängig ist, gibt es keine eigene, angeborene Stimme und Schreibe, geht es in der Literatur vor allen Dingen um Sprach“erwerb“, also um die Aneignung eines Vorgegebenen, wonach sich die Bedeutung des eigenen als nachträgliche Zuschreibung erweist. Genau diese Volte spiegelt sich im Titel von Händlers Erzählband Stadt mit Häusern wieder. Dort ist sein poetologische Prinzip bereits in nuce abzulesen. „Stadt mit Häusern“ ist entweder eine Tautologie oder eine Verschiebung des Sinns, eine Inversion, denn gemeinhin bilden ja die Häuser im geographischen wie vulgären Verständnis die Stadt. Eine Stadt ohne Häuser wäre keine Stadt. Die Abweichung, die Händlers Titel ausdrückt, besagt aber genau das: Die Stadt existiert auch ohne Häuser, bzw. das, was die Stadt ist, ist mehr als die Summe ihrer Häuser. Die Häuser sind der Stadt nur mehr als Attribute beigeordnet. Das Individuelle ist der Struktur untergeordnet. Damit wird die metaphorische Übertragung, wonach die Sprache dem Menschen ein Haus ist, so umgewandelt, dass die Beziehung zwischen der allgemeinen Struktur (der Stadt) und den Individuen (den Häusern) arbiträr wird. Es gibt keine einsichtige, natürliche Kopula zwischen Struktur und Individualität mehr.
Damit wird das letzte ontologische Refugium, das Subjektivität zwar als nachträgliche, gar fiktionale Zuschreibung dachte, geschleift. Die Stadt ist die Matrix, und da die Sprache sich nach ihrer Logik richtet, hat das Subjekt keine Sprache mehr, in das es sie übersetzen könnte. Ihm werden Sprachen zugewiesen: „Ich bin für die Häuser. Mit den Menschen kann man machen, was man will, es kommt nie das heraus, was man will. Häuser kann man so herrichten, wie man will. Das heißt nicht, Haus ohne Bewohner“ (Stadt mit Häusern, 28).
Wie eine eigene Sprache wird privater Besitz der persönlichsten Sphäre des Menschen zugerechnet. Das Haus ist die Metapher für Eigentum wie für individuellen Stil. Insofern es bei Händlers Romanen um die Besitzverhältnisse („Die neuen Herren“, Fall, Wenn wir sterben), bzw. um die Konstruktionsprinzipien (Sturm) von Gebäuden geht, sind sie in diesem doppelten Sinn ökonomisch. Im griechischen Begriff für Haus (Oikos) hat die Ökonomie als die Kunst, ein Haus zu verwalten, ihren Ursprung. Erwerb, Verlust, Eigenes, Fremdes, Eigentliches, Eigentümliches, Verfremdung sind zumindest der Metapher nach auf eine ökonomische Prozessualität zurückzuführen. Der Begriff Metapher braucht dabei weniger die Annahme einer vorgeblichen und eigentlichen Bedeutung, als vielmehr das Verweisungsgefüge zweier sprachlicher Signifikanten, einem ausgesprochenen und einem kodierten. Was Händlers Literatur nun als Ganzes ausmacht, ist das Aussprechen und Offenlegen ökonomischer Prozesse, und das durchaus nicht nur in dem engen Sinn, in dem bei Voigtländer in Fall Wirtschaft und Literatur „hart aufeinander treffen“. Bei ökonomischen Prozessen ist nämlich nicht nur inhaltlich an die steuerrelevante Umwandlung der Firma Voigtländer zu denken, sondern an die Erkundung und Ausleuchtung verschiedenster Verhältnisse von Selbst-Ansprüchen und Inbesitznahmen. Insofern aber die Metapher mit einigem Recht und mit einiger Tradition als exemplarisch für das Funktionieren literarischer Sprache insgesamt angesehen werden kann, lassen sich Händlers Texte als Entmetaphorisierung der literarischen Sprache deuten. Und so wie die allmündige Deregulierung des Arbeitsmarktes offenkundig macht, dass die soziale Marktwirtschaft nicht mehr vorrangig dem Zweck dient, einen vielleicht gerechten Ausgleich zwischen Kapital und Arbeitskraft zu schaffen, sondern dass das Arbeitsrecht umgeschrieben wird, um das Arbeitsrecht zu erhalten, ohne dass das Kapital davon großartig betroffen wäre, führt die Dechiffrierung des Entstehens literarischen Bedeutungsüberschusses bei Händler zu einer Abkoppelung altehrwürdiger Begriffe und Kriterien der Literaturkritik von der Literatur. Von einem Gelingen im Sinn einer Harmonie von „Form und Inhalt“ (Fall, 113), von der runden Darstellung einer wie immer gearteten mini- oder makrologischen Welt, von kritischen Gegenentwürfen zu realexistierenden Verhältnissen, von Glücksversprechen oder katastrophischen, bzw. katalytischen Erfahrungen, die ein Held macht, kann bei Händler nicht sinnvoll gesprochen werden, weil die Form immer als vielstimmiges Experiment angelegt ist, weil die agierenden Personen wenig von ihrer Seele preisgeben, weil der eingeschobene Gedankenessay ein Mitfühlen verhindert, weil die Welten immer auch Theorien sind, deren Relevanz sich nicht durch ihre Existenz in der Gegenwart, sondern ihrer Möglichkeiten in der Zukunft erweist.
Da nun bei Händler weder die Subjektivität noch die Sprache ursprünglich sind, sondern die allgemeine Struktur (die Stadt), erhält auch der Begriff der Ökonomie seine Richtung nicht im Sinn des Liberalismus basisdemokratisch aus der Zusammenschau der gleichen Rechte und Pflichten aller, sondern tritt selbst an die Stelle der „Stadt“. Die Ökonomie ist die vorgegebene Struktur, die den Individuen Rechte läßt oder beschneidet, bzw. Sprache einsetzt oder entzieht.

4. Ökonomie und Selbstreferenz

In der Tradition der Aufklärung steht der Stil jeweils für den Menschen. In Händlers Romanen öffnet die stilistische Vielfalt gerade die Einheit der Individualität, der Stil entspricht einer „systemischen Logik“, die „Persönlichkeiten umprogrammiert“.
Wo Händler von Kapitalismus, von Sex und Theorie schreibt, analysiert er sie als Maschinen, die sich alles einverleiben können und sich alles anverwandeln, indem sie es in einen ihnen gemäßen Wert übersetzen. Die Firma wechselt die Besitzerinnen, ohne dass sich ihre Arbeitsabläufe ändern (Fall, Wenn wir sterben). Eine Frau prostituiert ihre Schwester, ohne dass der pornographische Markt überhaupt bemerkt, wer da zur Schablone männlicher Wichsphantasien wird („Sprachspiel“). Grundstücke und Häuser haben keine Geschichte und keine Zukunft, sie sind Objekte des Marktes. Dem vergleichbar speist sich das Selbstbewußtsein in Kongreß aus einer fehlgeschlagenen intellektuellen Extension. Das Ich der Hauptfigur ist rückblickend immer einer philosophischen Fiktion aufgesessen, und wird da eigentlich, wo es allem Eigenen entsagt. Der Philosophen-Kongreß ist keine demokratische Zusammenkunft, bei der im Streit der Ideen ein intellektueller Austausch stattfindet, sondern eine durch unsichtbare Regie geführte Intrige. Bezieht man dies auf eine allgemeinere, poetologische Ebene und denkt an die klassische Verschränkung von Stil und Individuum, dann sind die Menschen vor allen Dingen durch Abwesenheiten charakterisiert. „Je mehr ich schrieb, desto sicherer wurde ich, zu keinem Zeitpunkt würde mir etwas klarer sein als zu irgendeinem Zeitpunkt, als ich noch kein Tagebuch geführt hatte“ (Stadt mit Häusern, 143). Wie Erkenntnis organisiert sich auch Kunst zunächst als Nehmen, bevor sie ein Geben sein kann. „Meine Arbeit ist auf Zerstörung aufgebaut. Ich bin ein Zerstörer. Ich zerstöre immer, es geht nicht anders. Es gibt viele Formen der Zerstörung. [...] Ich zerstöre die Erwartungen aller, die meine Gebäude betreten, bis in alle Ewigkeit. Das ist meine Baukunst“ (Sturm, 113 f., vgl. 206 ff.). Die Beschreibung von Austauschbarkeit, Entindividualisierung und auf ihr Funktionieren reduzierte Weltzusammenhänge wird auf die Sprache übertragen. Bei Händler gleicht ihr Anspruch dem anderer Teilsysteme, ubiquitär zu sein, sich alles zu erschließen und alles zu Zeichen zu machen. Die potentielle Gleichwertigkeit von verschiedenen Diskursen bedeutet, dass es ein Medium geben muss, das „wie das Geld“ alle miteinander verrechnet. „Das mit den vielen Stilen könnt ihr machen, weil es ein monolithisches Gegengewicht gibt: das Geld. Der Markt kann sich alles anverwandeln, weil er alles ausdrücken kann“ (Wenn wir sterben, 105). Alles Tun, alle Wahrnehmung, aller Sex ist mit und im ökonomischen Medium verzahnt. Statt aber einen tatsächlichen Gegenwert, einen Gehalt zu haben, rekurriert dieses Medium nunmehr auf seine Medialität. Es selbst ist die Botschaft. So wie der Neue Markt Ideen bewertet und entwertet, haben Händlers Romane sozusagen keinen materiellen Gegenwert. Sie beziehen sich auf philosophische Theorien, zitieren Abhandlungen, verweisen auf andere Bücher, kompilieren Stile, ohne dass man über das jeweilige Feststellen des Dass hinausgelangen und zu einer kritischen Gegenlektüre gelangen würde. Insofern gleichen sie in ihrer Gesamtanlage einem vernetzten Kosmos, in dem Ursache-und-Wirkung-Relationen nicht mehr eindimensional zu berechnen, sondern multivektoriell und vielschichtig sind. Ist der klassische Rekurs eines Erzählers auf seine Person in dem Sinn zielgerichtet, dass er von der Grundform einer festen, abgeschlossen Identität ausgeht, und soll sich das möglichst in einem sprachlichen Ausdruck widerspiegeln, der unverwechselbar von einem Autor zeugt, sind bei Händler die Subjekte als Imitat ihrer Attribute konzipiert. Sie prosperieren in dem Grad, in dem sie sich fremdes Material, fremde Schrift oder fremde Stile aneignen. Wie bei einem Zinssatz ist der Ertrag, mit der eine Person auf sich reflektiert, gleich der Reflexion. Der Stil und seine poetologisch am ökonomischen Transfer ausgerichteten Prinzipien ist wie das Geld, vom Mittel, das den Zweck der Kommunikation hatte, selbst zum Zweck geworden. Literatur ist Literatur so vor allen Dingen durch die Differenz zu dem, was zuvor Literatur war.
Movens der ökonomische Sphäre, wie Händler sie vorstellt, ist ein Widerspruch. Er ist abzulesen, wenn Hant, der für seine Umwelt „Vollkommenheit“ (Sturm 83, vgl. 141, 191, 193, 204) symbolisiert, sich weigert, je von sich zu berichten und sein Leben zu erläutern, diese Weigerung aber ausgesprochen redselig vorträgt (Sturm 198ff.) Deutlicher noch ist sie Suttungs Auftrag abzulesen, mit einem „schöpferischen Automaten“ (Sturm, 210) das Genie zu verdoppeln, bzw. wie Suttung reflektiert, Vollkommenheit abzuändern. Indem Suttung ein „System entwerfen soll, das die Entwürfe von Hant erzeugt“, wird das Subjekt als leere Menge ausgewiesen, die lediglich über ihre Entwürfe existiert. Diese Entwürfe von Gebäuden aber wurden wiederum zuallererst als Zerstörung gekennzeichnet, so dass es scheinbar nichts Festes gibt, als die unendliche Regression von ontischen oder ontologischen Entitäten. Das Kunstsystem wird einzig vom ökonomischen System stabilisiert (vgl. Sturm 42, 44, 81, 92 f., 97,105, 110, 117, 243), nicht zuletzt weil gerade der Geniegedanke, die Einzigartigkeit des Künstlers, als eine Verknappung von Wert zu deuten ist. So ist im Künstlerroman Sturm der „Wirtschaftsroman“ enthalten. Schon die ästhetisch-erkenntnistheoretische Ebene des Romans ist von einem engen Geflecht wirtschaftlicher Interessen durchzogen. Da sind der Kunst nur kapitalistisch wahrnehmende CFO, der Stammbaum Suttungs, der vom Maler Gilling über den Kunsthändler Kvasimir zu den Ärzten und Sammlern Fjalar und Galar reicht, und schließlich die Interessen Arbogasts zu nennen. Allen genannten Personen ist Geld im Grunde egal (vgl. Sturm 93) – weil sie es im Überfluss haben – und doch ihr Antrieb zum Handeln.
Die Ökonomie bestimmt den Wert des Ästhetischen und dieser bemisst sich nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage, nach dem Begehren zu besitzen, nicht nach einem Eigenwert. Spiegelbildlich lesen sich Händlers Ausführungen zur Architektur wie eine Beschreibung globalisierter Finanzmärkte. „Er beherrscht alle Gestaltungsweisen. Für ihn sind alle Gestaltungsweisen gleichberechtigt. Deswegen kann Gestaltung kein Inhalt für ihn sein.“ (Sturm 257, vgl.124 f., 246).
Wie Geld in systemtheoretischen Arbeiten gerade wegen seiner Anonymität als einziges unontologisches und damit unkorrumpierbares und neutrales „symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium“ begriffen wird, ist bei dem literarischen Verfahren nicht das Ergebnis, der Gewinn oder Verlust, entscheidend, sondern die Sachlichkeit und Funktionalität der literarischen Ökonomie. Wie personengebundenes Eigentum zu einem immateriellen Wert wird, wird die literarische Bedeutung auf ihrere Performanz reduziert. Die ökonomische Beziehung setzt sich gegen die ontologische durch.
Das Fehlen einer materiellen Basis, der Wert, der sich selbstreferentiell verzinst, die Perfomanz einer Fortentwicklung aus sich selbst und die Wertschöpfung durch Reflexion kennzeichnen die Art von Architektur, die Händler Hant unterstellt und diese Eigenschaften lassen sich auch seinen Romanen, inhaltlich wie stilistisch, zuschreiben. Die Fiktionalität der Kunst wird durch die Fiktivität des ökonomischen Systems abgelöst, dessen Regeln auf der Annahme der Zeichenhaftigkeit und Transkribierbarkeit jeder Bedeutung ruhen. Auf einen fortentwickelten Ökonomiebegriff antwortet Händler mit der Entgrenzung enger literarischer Kriterien, dem „Erzählen nach den Mustern des Marktes“.

5. Selbstreferenz und Individualität

Wenn wie in Fall Literatur nicht nur geschrieben, sondern auch zitiert und der Literaturbegriff an sich in Frage gestellt wird, wird die Bedeutung der einzelnen Bezugnahme relativ. Literatur ist nach Händlers alter ego Voigtländer der Ort für kontemplative Betrachtungen und Satzschlüsse, nimmt also die Stellung eines philosophischen Essays ein.

Die erzählende Form bietet zum Beispiel die Möglichkeit, all diejenigen Betrachtungen auszuformulieren, die man nicht im Rahmen einer wissenschaftlichen oder kommerziellen Werbebotschaft verbreiten kann, weil es (noch) keine entsprechende Zielgruppe für diese Betrachtungen gibt. Die erzählende Form erlaubt weiter, (noch) die eine oder andere unleugbar philosophische Zielsetzung in die Welt zu setzen, deren Überlebenschance darin besteht, dass sie nicht mit einer philosophischen Saugglocke ans Licht gezerrt wird.
(Fall, 156)

In diesem so eröffneten und erweiterten Raum des Literarischen und seiner ökonomischen Paradigma nähern sich die verschiedenen Diskurse, Methoden oder Textgattungen einander wie weltweit operierende Firmen dergestalt, dass es schwierig wird, Unterschiede zu erkennen. Architektur und Psychoanalyse, Philosophie und Pornographie, Literatur und juristische Korrespondenz schließen sich zusammen wie Konzerne (auch in der Bücherwelt). Wie der weder durch Nationalökonomien noch durch Verschuldungsgrenzen noch durch Ethik oder Schamgefühl gehemmte Kapitalmarkt, werden Werte der Literarizität nicht mehr an den Entitäten der Moderne, den Subjekten, den Begriffen der Verantwortung oder Eigentlichkeit bemessen, sondern von der Größe des Systems abgeleitet, auf das sie sich beziehen. Hier wie da aber ist nicht zu ermessen, wie weit die formulierten Sätze Richtigkeit haben, bzw. ihre Gültigkeit andere Sätze tatsächlich relevant korrigiert. Genau hier jedoch liegt die Chance, überkommene und zum Teil verkommene Begriffe der Literatur und ihrer Wissenschaft zu reformulieren. Gerade die Megastrukturen nähren die Illusion, dass durch ihre Größe die Unabhängigkeit und Individualität des Eigenen gewahrt wird und bewahrt bleibt. Weil Finanzkreisläufe jedem Ding und jedem Menschen seinen Eigenwert nehmen, ihn nach eigener Nomenklatur neu festlegen und jede Individualität in ein System aus Tausch und Austauschbarkeit überführen, so wie der Großkonzern d’Wolf die Firma Voigtländer einfach schluckt, liegt in ihnen auch die Chance, Zwänge und Bedürfnisse zu Freiheiten und Selbstbestimmungen umzuinterpretieren. Wo die literarischen Bezüge manigfaltig sind, bietet sich die Chance, auch traditionelle Formen der Leseerfahrung beizubehalten, allerdings mit dem tragischen Wissen um ihre Fiktivität. Vergleichbar Georg Voigtländers kühler und leidenschaftsloser Literaturhinwendung ist gerade die Erkenntnis der Dominanz eines ökonomischen Systems die Möglichkeit, einen ökonomiefreien Raum zu erschaffen. Dieser ist, wenn man an Voigtländers geschäftliche Ausbootung und den Ruin seines Verlags denkt, jedoch kein innerliches Refugium, wie es die gescheiterten Helden des bürgerlichen Realismus noch aufsuchen konnten, sondern die Veräußerung des „unglücklichen Bewusstseins“, indem es „mit Vielfliegerkarte“ ausgestattet wird. Wenn Charlotte ihre Firma als Sohn wahrnimmt, so ist die Zeugung, die ihn hervorbrachte, eine Beziehung zwischen Kapital und Idee. Die ästhetisch-architektonische Äußerlichkeit, die Kunst, wird als Persönlichkeit angenommen. Folglich „erzeugt“ die „Fabrik“, also der Ort der Produktion, „Menschenähnliche, die geistiger waren als die jetzigen Menschen und die zugleich über größere technischen Fähigkeiten verfügten“ (Wenn wir sterben 102). Die Häuser sind zu Menschen geworden, zu solchen „ohne Antlitz, ohne Person, als Gegengewicht zum Unverwechselbaren“ (ibd.). Da Charlotte die Fabrik als ihren Sohn auch noch quasi inzestuös liebt, liebt sie mit ihr im Grunde eigentlich sich selbst. Ihr Selbstverständnis, insofern es durch die Fabrik geprägt ist, ist also eine Wertschöpfung aus Repräsentanz. Die Stilvielfalt und die Haken, die der Erzähler Händler immer wieder schlägt, zeugen nicht davon, dass es keine Theorie des Erzählens gäbe, sondern von einer sehr speziellen. Sie ist als Ableitung von Individualität aus einem übergordneten System zu verstehen, einer Individualität, die kein Ding, kein Sein, kein ichhaftes Etwas sein kann, sondern der Abstand zwischen verschiedenen Sprachentwürfen.
Der Weg zum Erwerb eines eigenen Ausdrucks und damit konkreter Bedeutung führt, wie oben gesehen, über den Verlust einer vorgelagerten Ursprünglichkeit.

6. Individualität und Spatialität

Was den Begriff Globalisierung ausmacht, nämlich dass Entwicklung nicht wie bislang in ihrer zeitlichen Auswirkung, sondern in ihren räumlichen Dimensionen betrachtet wird, dass sich ihre Bedeutungshaftigkeit also synchron entfaltet, lässt sich auch auf Händlers Texte übertragen. Auch die Ökonomie der Literatur ist traditionell und mit hoher Dignität entlang der Zeitachse ausgerichtet. Über den Entwicklungs- zum Kaufmannsroman, von der Lebensgeschichte bis zur Sozialstudie, immer ist die Zeitlichkeit das maßgebliche Kriterium zur Bewertung. Ja, die vornehmsten Theorien der Literatur leiten ihre Relevanz aus der grundsätzlichen Parallelität von zeitgerichteter Sprachlichkeit und dem modernen, reflexiven Bewusstsein des Menschen als endlichem Wesen ab. Um die Reflexivität zu erhöhen, um dem ökonomischen Prozessieren etwas entgegen zu setzen, ist die Literatur der Moderne vielleicht nur als ein einziger großangelegter Versuch zu lesen, Zeit nicht allein linear zu denken, sondern zu krümmen, zu stauchen oder zu verzögern, um transzendental zu sprechen, zu verräumlichen. Verschwendung, Sucht, Traum, Liebe, Selbstmord, Trauer, Unglück und Kunst selbst sind weitgehend ein Aussetzen progressiven Fortschrittdenkens.
So vielfältig und so vielschichtig die Diskurse und Paralleltexte sind, die Händler heranzieht, so deutlich lassen sich quer durch seine Bücher markante Eigenheiten des Stils feststellen. Zwar bedient sich Händler eines ganzen Arsenals unterschiedlicher formaler Ansätze, variiert Typographie und Syntax und erzielt große Effekte, was die Instanz des Erzählers angeht, doch ist die breite Anlage und die Vielfältigkeit des Erzählansatzes keine Bestätigung dafür, dass es keine „markante Handschrift“ gäbe, sondern zeigt lediglich, dass hier ein Autor eine hohe Experimentierfreude und einen ausgeprägten Formwillen besitzt.
So lassen sich auch Stilfiguren als Spatialisierungen zeitlicher Prozesse beschreiben. Hierbei sind drei Ebenen spatialer Ordnung zu unterscheiden.
Erstens bauen Händlers Texte auf einer starken und detaillierten Beschreibung äußerer Ansichten auf.

„Suttung betrat das Sprechzimmer durch die große Tür in der Trennwand: Er ging an einem stoffbespannten Paravent und einem riesigen Kleiderständer aus verchromtem Metall mit schwarzen Holzkugeln an den Haken vorbei. Während die Kleiderhaken einen Halbkreis beschrieben, standen die Huthaken in einem 45°-Winkel ab. Suttungs Schritte hallten über den diagonal angeordneten Kachelboden. Wie ein kleines Kind versuchte er, beim Auftreten genau die in größeren Abständen zwischen den weißen Kacheln verlegten schwarzen Kacheln zu treffen“ (Sturm 91 f.).

Unabhängig von dem jeweiligen Sprachmuster finden sich in allen Texten Händlers diese sehr genaue Raumbeschreibungen (vgl. Kongreß 39,7 ff., 191, 174 f., 226; Fall, 53, 61 ff., 67,174, 244). Genaue Beschreibungen von Äußerlichkeiten sind zudem anhand geometrischer Muster organisiert (vgl. Sturm 72, 89, 91 f, 120, 167, 194; Kongreß 37, 39; 227 Wenn wir sterben 362,) d. h. die Ansichten werden nach statischen Mustern vermessen (45°-Winkel, diagonal, rechts, links etc.) und die Rechtwinkeligkeit von Mustern wird hervorgehoben.

„Die weit offen stehende Wohnungstür gab den Blick auf die überschwemmte Diele frei, von der es rechts der Reihe nach in die Küche, in das Bad und in das Wohnzimmer ging, hinter der geschlossenen Tür am Ende der Diele befand sich das Schlafzimmer. Der Boden der Diele war mit groben blaugrünen Teppichfliesen belegt“ (Kongreß 37, vgl. Wenn wir sterben 159).

Selbst der Mond, romantischer Inbegriff für diffuses Begehren, wird zum Stabilisator der Bewegung:

„erst der mond macht leben auf der erde möglich denn er hält die drehachse der erde stabil auf ihrem neigungswinkel von 23° ohne den mond würde die erde im raum taumeln“ (Wenn wir sterben 259; vgl. Sturm 76, 88, 248)

Die Geometrie lässt sich schließlich noch in Händlers Sprach- und Satzmuster nachweisen. Wie in Sturm an Hand von Bildbeschreibungen Figuren eingeführt und charakterisiert werden (Sturm 7 ff.), wird die psychische Dispositionen der Charaktere insgesamt anhand von Zuordnungen im Raum abgeleitet.

„Stines linke Brustwarze wird aufeinmal steinhart, was ist mit der anderen Brustwarze, irgendwo anders? Vielleicht beißt jemand anderes in die andere Brustwarze hinein und deshalb wird diese hier so hart? Ihre linke Schamlippe ist ein wenig angeschwollen, ob die rechte Schamlippe, ganz woanders, auch anschwillt?“ (Wenn wir sterben 227)“.

Auch optische und psychische Verhältnisse werden räumlich nach Dimensionen, die Vergleichbarkeit ermöglichen, kategorisiert.

„Koby begriff nicht, dass die Symmetrie, die darin lag, dass Welka sich in der Welt der Bücher und er sich in der wirklichen Welt zurecht fand wie niemand sonst, ihn in ihren Augen mehr als gleichwertig machte“ (Stadt mit Häusern 58).

„Sie fuhren auf einer gut erhaltenen, breiten Straße, rechts daneben auf den Hügeln die verkohlten, noch nicht endgültig in sich zusammengefallenen Skelette ehemals sehr hoher Häuser, vor ihnen die Senke mit den kaum mehr erkennbaren, weil von der Vegetation bedeckten Überresten der flachen Häuser, unter den Hügeln zum Fluss hin der erhaltene Dom inmitten der gleichfalls erhaltenen Straßenzüge, jenseits des Flusses nur Trümmer“ (Stadt mit Häusern 34)

Dieses Schema ist besonders markant, weil die Figuren Händlers einen starken Hang zur Selbstbespiegelung haben. Sie beschreiben nicht nur ihr Selbst im Verhältnis zum äußerlichen Raum, sondern erklären auch ihre Psyche nach geometrischen Modellen der Anordnung. In allen Romanen geht es um die Konstellation zwischen Figuren, wobei weniger die Entwicklung der Geschichte im Vordergrund steht, als vielmehr der „einzige[r] Weg, innere Widersprüche zu vermeiden, [...] aus den in Frage stehenden Annahmen wirklich alles zu folgern“ (Kongreß 163). Die Variation der Erzählhaltungen läßt sich so gesehen als stilistische Ermöglichung von stillgestellter Gegenwärtigkeit deuten. Der abrupte oder allmähliche Wechsel der Sprechinstanz führt immer einen Abstand zum Geschehen ein und bricht so den direkten Fortgang der Zeit. Noch die Formulierung von indiviuellen Sätzen zu bestimmten Personen ist an ein System von Ermöglichung und Stockung gebunden, das die Satzbewegung immer wieder rück und quer verweist und so staut. So sind die temporalen Verhältnisse im Satz nicht organisch sondern organisatorisch geordnet. Dabei wird die Möglichkeitsform des Modus durch die Organisation des Satzes nach dem Prinzip eines Oxymorons statisch. „Sie hätte doch wissen müssen, dass sich der untertänige Carlo nur einem entgegen stellen würde: dem Ende der Untertanenschaft“ (Stadt mit Häusern 75).
Die „Zeit“ wird „eins mit allen anderen Zeiten“ (Wenn wir sterben 412; vgl. Sturm 125, 207, 221, 250).

„Wenn ich einmal etwas schreibe, was über meine Aufgaben geht, kann ich nichts mehr schreiben, was nicht über meine Aufgaben geht“ (Wenn wir sterben 208, vgl. ibd. 195, Kongreß 277).

Vergleichbar der Reflexion des Individuellen sind auch Satzverhältnisse, bei denen allgemeine Betrachtungen hart mit gnomischen Feststellungen korrelieren.

„Hant wolle solche Bauten erstellen, für die der Abstand zwischen dem Plan und seiner Verwirklichung möglichst gering sei und die zugleich nicht mehr tote Hüllen wären, sondern das Leben des Entwurfs besäßen. [...] Hants Architektursprache stelle deshalb eine Art Körpersprache da.“ (Sturm 83, vgl. ibd. 47)

Die Sequenzen sprechen aus, wofür die Beschreibungen stehen, sie übersteigen sie nicht durch eine Interpretation, sondern verdoppeln sie in dem Sinn, wie man Händlers Romane auch als Dechiffrierung von Metaphorizität (Literarizität) lesen kann. Postulierende Passagen wie „Wahrheit ist kein Kriterium für gute Literatur“ oder „Man sollte nur nach außen projizieren, wenn es erstens schlüssig ist – unter irgend einem Gesichtspunkt, nur nicht unter dem Gesichtspunkt der eigenen Ahnungslosigkeit – und wenn es zweitens irgendeine Entsprechung außen hat“ (Stadt mit Häusern 23; vgl. Sturm 170) werden jeweils durch besondere Konkretion vorbereitet werden, in diesem Fall durch Anekdoten zu Einzelpersonen (Stumpfegle, Birgit), häufig aber auch durch Witze oder Plattitüden, also die Überdrehung des Verallgemeinernden hin zum Trivialen. So wird für den Einsatz des Allgemeinen gerade der dramatische Monolog zum prädestinierten Feld. Dort, wo Händler sich der Jargonsprache des Alltags bedient, sind verallgemeinernde temporale Adverbien wie „immer“ oder „nie“ häufig (vgl. Wenn wir sterben 126, Stadt mit Häusern 12, 13, 15), die dem scheinbar flüchtigen Ausspruch den Anspruch von Gültigkeit einschreiben. In gegenläufiger Bewegung durchbricht der Ausruf häufig interpretierende Passagen (vgl. Sturm (Pleeze!) 170).
Die Logik solcher „querschlagenden Sätze“, nicht die Sätze selbst, der Bruch, nicht die Substanz, sind die stilistische Konstanz in Händlers Sprache.
Auch die häufig vorkommende Wiederholung der gleichen Satzstruktur (meist im Subjekt-Prädikat-Objekt-Stil) begründet nur dem Anschein nach eine Fortentwicklung des Gedankens. Tatsächlich findet keine Steigerung oder keine Ableitung statt, sondern eine Parallelisierung, die Inhalte nach dem gleichen Muster nebeneinander stellt.

Ich saß die ganze Nacht an dem wackligen Tisch neben dem Bett. Ich schrieb etwas nieder und ich strich es durch. Ich schrieb etwas nieder, und ich strich es wieder durch. Ich schrieb etwas nieder und strich einen Teil davon durch und fasste diesen neu. Ich strich alles wieder durch und schrieb es in veränderter und ergänzter Form erneut auf. Ich habe den ganzen Tag und die ganze Nacht durchgestrichen, geschrieben und durchgestrichen. (Kongreß 167 vgl. Kongreß 15, 278, 287, Fall 337, 387, Sturm 412, 429, Wenn wir sterben 297, 442)

Der Spatilaität der händlertypischen Stilfiguren korrespondiert nun die ausgesagte und dessen literarische Verfahrensweise begründende Systematik eines ökonomischen Systems, das raumstatisch organisiert ist. So gesehen haben die Mittel der Verfremdung, die Händler anwendet, so avangardistisch sie anmuten, den Zug des Gegenentwurfs zur Realität verloren, durch Formveränderung eine andere Wahrnehmung der Welt zu ermöglichen. Um einen aufklärerischen Effekt zu erzielen, wären heute Strategien notwendig, die literarische Zeit wieder als desavouierende Kraft zu installieren. Händlers Stilpalette verfestigt jedoch gerade die Synchronizität des weltanschaulichen Überbaus. Das Verhältnis der Häuser zueinander entspricht – um die Entmetaphorisierung einmal rückgängig zu machen - dem großen Plan der Stadt. Seine Romane spiegeln die Wirklichkeit, in der die Menschen sich in den „Städte[n] mit den Häusern“ spiegeln (Stadt mit Häusern 71).