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Für „Bulletin Jugend & Literatur“, 2002

Von Robert Habeck

Als wir eine Zeit lang in Dänemark lebten und ich unseren Sohn dort zum ersten Mal in den Kindergarten brachte, kam uns ein entrüstet gackerndes Huhn über den Hof entgegen gerannt und hinter ihm her eine Horde kreischender Kinder. Sohn aber auch der Vater waren etwas verstört über den wenig zimperlichen Umgang dänischer Kinder mit der lebenden Kreatur und setzten ihren Weg zum Haus fort. Draußen verstummte das Gegacker, dafür kam nun aus der Küche Gekreische. Nachdem wir im Büro des Leiters vorgesprochen hatten, folgten wir dem Geschrei. Im Waschbecken lag besagtes gejagtes Huhn bereits kopflos und ausgeblutet im Waschbecken und wurde von den Kindern gerupft, bevor es dann zum Mittag verspeist wurde. In den deutschen Kindergärten, die unsere Kinder seitdem besuchten, ist uns diese ursprüngliche Form der Essensbeschaffung direkt von der Quelle nie mehr begegnet. Wohl aber in der dänischen Kinderliteratur. Eine schöne Foto-Bilderbuch-Serie des Verlags Klematis stellt die Jahreszeiten vor, indem Kinder in typischen Naturerscheinungen abgebildet werden. In dem Band „Herbst mit Pernille“ von Preben Kircholt steht das kleine Mädchen, nachdem sie Kastanien gesammelt und Blätterbilder geklebt hat, mit einem an den Beinen baumelnden Hahn da. Eine Seite später ist auch er tot.

Einzelbeobachtungen zu Wesenheiten verallgemeinern, ist im Fall von nationalen Eigenschaften heikel. Aber mit dem Mut zum Pauschalurteil kann man zur dänischen Kinderliteratur zweierlei sagen: Erstens ist sie grausamer als die deutsche, zum anderen ist sie pädagogischer. Und die Kombination beider Anteile macht ihren Reiz aus, wie im Fall des toten Hahns, den selbst zu erlegen in jeder Hinsicht besser und ehrlicher ist, als ihn immer nur vom Wienerwald zu holen.

Zurückzuführen ist die dargestellte Ehrlichkeit der menschlichen Nahrungskette nur zum Teil auf ein ökologisch korrektes Lebensmittelverständnis, zum anderen Teil geht sie auf ein anderes, archaischeres Brauchtum als in Deutschland zurück.
In Dänemark kommt zwar auch der Weihnachtsmann, aber die dominierenden Gestalten zum Fest der Liebe sind die „Julnisse“, die Weihnachtszwerge. Sie wohnen auf dem Dachboden und ihr Treiben besteht in erster Linie darin, sich um den größten Anteil der Hafergrütze zu streiten, die es zum Festtag gibt. Im Deutschen hat Boy Lornsen mit seinen Nis Puk-Büchern diese Wesen populär gemacht. Aber die Geschichten sind im Vergleich zu den dänischen stark domestiziert. Dort werden die Nisse-Kinder vom Vater schon mal mit dem Grützelöffel verdroschen, wenn er am Heiligen Abend seine Ruhe haben will. Nicht nur zur Weihnachtszeit bevölkern Zwergenwesen die dänische Kinderliteratur. Aber diese Trolle haben mit den Schneewittchen-Zwergen wenig gemein, außer dass sie unter der Erde leben und klein sind. Es sind fürchterlich aussehende Erdgeister, verwarzt, knollenasig und vom Charakter im Grunde alle Rumpelstilzchen. Gleichzeitig sind diese Trolle und Nisse nicht überkommene Wesen aus den Märchen der Romantik, sondern dänischen Kindern so aktuell wie deutschen die Biene Maja. Aber auch die Bücher zeitgenössischer Autoren wie Louis Jensen und Willy Sørensen treiben ihre grausamen Späße. Jensen erzählt in dem Buch „Das Skelett auf Rädern“ von einem Jungen, dessen Eltern seinen Hund erschlagen. Er löst in einem Säurebad das Fleisch von den Knochen und setzt dieselben als ziehbares Skelett auf einem Anhänger wieder zusammen. Sørensen weiß von einem kleinen Jungen zu berichten, der sich das Knie aufschlägt und dessen Bein von seinem großen Freund abgesägt wird, damit keine Bakterien in die Wunde kommen. So literarisch sozialisiert, ist es nur noch ein kleiner Schritt, beim Sankt Hans-Feuer, das zur Mittsommernacht entzündet wird und bei dem eine lebensgroße Hexenpuppe verbrannt wird, die dänischen Kinder singen zu lassen: „Jede Stadt hat ihre Hexe und jedes Dorf seine Trolle. Die wollen wir mit einem Freudenfeuer aus unserem Leben fernhalten.“ Überhaupt die dänischen Kinderlieder: Im Shantie „Von England nach Schottland“ wird die Frau des Kapitäns blau und gelb geprügelt und anschließend am Mast hochgezogen. „Nun war sie die schwedische Fahne“, schließt das Lied lakonisch. „Auf einem Baum ein Kuckuck“ heißt auf Dänisch „Auf einem Zweig `ne Krähe“. Sie wird vom bösen Jäger erschossen und das Lied ist aus. Kein nächster Vogel des kommenden Frühjahrs mildert die Grausamkeit der Bluttat. „Die kleine Krabbe liegt am Meeresgrund und ist so süß und blau“, heißt es in einem anderen Lied. Zum Schluss ist sie gekocht, süß und rot. Der kleine Elefant Jumbo wird mit dem Versprechen in den Schlaf gesungen, am nächsten Tag einen afrikanischen Jungen („Niggerjungen“) als Rassel zu bekommen und „Neger König Mika wohnt in Afrika, er isst Negerkinder mit Butter. Das machen nicht viele.“ Tatsächlich ist solches Liedgut – auf allen CDs und auch in den neusten Büchern immer wieder gern wiedergegeben – in Deutschland dann doch eher selten. In Dänemark scheint es vor allem ums Fressen und Gefressenwerden zu gehen.

Der Verlag Klematis, der schon den Tod des Hahns abbildete, ist der präsenteste in der Kinderbuchszene Dänemarks. Er hat sich auf Sachbücher spezialisiert, die solch trockene Themen wie „Getreidearten“, „Laubbäume“ oder eben „Jahreszeiten“ in Szene setzen, nicht wie ein „Was-ist-Was“ Band für Jugendliche, sondern mit dem Zielpublikum „ab drei“ vor Augen. Nirgendwo ist die Sachbuchproduktion so ausschließlich, wie bei Klematis. Aber geprägt von dem Trend sind fast alle Verlage Dänemarks, wobei auffällt, dass es meist naturnahe Themenkomplexe sind, die aufgegriffen werden. Raumfahrt, Eisenbahnen, die Besiedlung Amerikas, solche Bücher werden importiert. Selbst die Jugendliteratur lässt sich, setzt man erst einmal die pädagogische Brille auf, als Einübung in ökologische oder ethnologische Studien lesen.
Bodil Bredsdorffs Bücher über die Kinder von der Krähen-Bucht lassen sich trefflich als Natur-Aufklärungsromane lesen. Peter Seebergs Trilogie über einen Jungen in der Eisenzeit erklärt anthropologische Essentiales. Bent Haller beschreibt in der „Geschichte von Brage, dem Königssohn“ die historischen und religiösen Legenden der dänischen Volkswerdung (hier lassen sich blutige Riten trefflich jenseits der Schlägerei um die Weihnachtsgrütze der Nisse nachlesen).

Der immer noch und immer wieder aufgemachte Gegensatz zwischen unterhaltsamer und ernster Literatur ist leider immer noch typisch für den deutschen Umgang mit Literatur dagegen wird gerade im Bereich skandinavischer Belletristik eine andere Tradition verfolgt. Die dänischen Stars der Literatur aus Vergangenheit und Gegenwart, Hans-Christian Andersen, Karen Blixen und Peter Høeg verbinden ihre inhaltlichen Themen immer mit der Kunst, ein Publikum gut zu unterhalten. Ist also im Bereich der Erwachsenenbelletristik die dänische Literatur geradezu vorbildlich für die Nivellierung bildungsbürgerlicher und beckmesserischer Attitüden, ist es im Kinderbuchbereich umgekehrt.
In einem Land mit 4 Mio. Einwohnern gilt ein Buch, dass 3000 mal verkauft wurde, als Bestseller. Aber 3000 verkaufte Bücher reichen für die materielle Absicherung von Autoren natürlich hinten und vorne nicht aus. Die Antwort auf die kleine LeserInnenschaft ist ein System staatlicher Literatur-Subventionierung, das gleichzeitig eine Möglichkeit ist, aktive Kulturpolitik zu betreiben. Der Schlüssel dazu sind die öffentlichen Büchereien und Schulbüchereien, die in Dänemark viel besser ausgestattet sind als hierzulande und vom Kindergarten an einen präsenten Anteil im Leben Heranwachsender einnehmen. Seit 1946 gilt in Dänemark ein Gesetz, das allen dänischen AutorInnen, IlusstratorInnen, ÜbersetzerInnen und HerausgeberInnen ausgeliehene Bücher nach einem Punksystem validiert, das mit der Ausleihhäufigkeit multipliziert wird. So wird für Autoren ein Marktanteil errechnet und ihnen nach einem Schlüssel Geld zuteil. Kinder- und JungendbuchautorInnen zählen traditionell zu den bestverdienden AutorInnen in Dänemark, da der Anteil der ausgeliehenen Jugendbücher hoch ist, die Bücher meist schmal, dafür häufig in Klassensätzen angeschafft werden. Bestverdienender Autor Dänemarks war in den letzten Jahren mit einigem Abstand Bjarne Reuter mit fast 100 000 Euro. Ebenfalls gut dabei sind Cecil Bødeker und Dennis Jürgensen. Fast 19.000 Dänen bekommen Geld aus dem staatlichen Topf, der insgesamt 20 Mio Euro groß ist, wobei nur 8 Prozent der Schriftsteller mehr als 2500 Euro bekommen. Inkorporiert in das System, ist die Ausrichtung auf Sparten und Sachthemen. Es sind, jedenfalls am Anfang, ja häufig die Eltern, die die Bücher für ihre Kinder oder mit ihren Kindern ausleihen. Und die werden meist eher ein Buch über Pflanzen, Vulkane, Baustellen, den menschlichen Körper ausleihen, als über Modethemen aus dem Fernsehen. Neben diesem systemimmanenten Lernfaktor spielt ein Gesetz von 1965 eine wichtige Rolle, das einen verbindlichen Kanon von Kinder- und Jugendliteratur für alle öffentlichen Bibliotheken und Schulbibliotheken festlegte. Die Verlage nahmen diese Steilvorlage auf und begannen, ihre Kinderbuchproduktion zu vervielfachen. 1979 wurden erstmals über 1000 Kinderbuchtitel publiziert, heute sind es ca. 1100, über die Hälfte der überhaupt herausgegebenen Bücher. Für ein so kleines Land eine gewaltige Menge, die nur produziert werden kann, wenn auch nicht professionelle Autoren zur Feder greifen. Und die, die sich immer zutrauen ein Buch zu verfassen, meist aber nicht die Gelegenheit haben, es zu veröffentlichen, sind Lehrer und Lehrerinnen. So drücken in Dänemark Pädagogen, entgegen der dortigen Literaturtradition, den Kinder- und Jugendbüchern ihren Stempel auf. Erzieherische Aspekte und damit auch ein höherer politisch-moralischer Impetus bestimmen das Erscheinungsbild der kinderliterarischen Landschaft bis in die Mitte der neunziger Jahre (Bodil Bredsdorff, Cecil Bødkers Silas-Romane). Dementsprechend ist das künstlerische Bilderbuch, das in Frankreich und nun auch in Deutschland immer höhere Wertschätzung erfährt, in Dänemark relativ wenig zu finden. Die PISA-Studie allerdings zeigte, dass dieser Weg der Lehrliteratur nicht der goldene sein muss. Dänemark rangiert im Bereich des Leseverständnisses auf Platz 17, unterhalb des Mittelwertes, da, wo sich Bayern findet (und sich dafür lobt). Was in Dänemark besonders gut gelungen ist, ist die Parität des Leseverständnisses von Jungen und Mädchen (in Finnland, dem Vorzeigeland, sind die Jungen weit abgeschlagen). In der öffentlichen Wahrnehmung wird das damit begründet, dass in Dänemark die Hierarchiengläubigkeit viel schwächer ausgeprägt ist, also nicht Wissen, sondern Kritikfähigkeit durch das Lesen erworben wird, was sich u. a. in einem emanzipierteren Geschlechterverhältnis widerspiegelt. Aber als weiterer Grund mag angeführt werden, dass die dänischen Kinder- und Jugendbücher mit ihrer Sachthemenbezogenheit eher (unemanzipierte) Jungen bei ihren männlichen Sachthemen-Vorlieben abholen und mitnehmen.

Auf dem Gebiet der Jugendliteratur ist hingegen der Wandel weg von der pädagogischen Aussageliteratur bereits eingeleitet, was daran liegen mag, dass auch viele stilistisch ehrgeizigeren Autoren die relativ leichten Einstiegsbedingungen des Jugendliteraturmarktes genutzt haben, um sich erst einmal eine materielle Grundlage zu schaffen, später dann Erwachsenenbelletristik schrieben, und nun die literarischen Qualitätsansprüche und auch ihren im öffentlichen Ansehen aufgewerteten Namen nutzen, im Kinder- und Jugendbuchbereich alte Form-Inhalt-Fronten aufzubrechen. Bjarne Reuter, Kim Fupz Aakeson („Der Irre“), Peter Mouritzen („Todespuppe“) und Louis Jensen („Die Magische Stadt“) treten mit dem Anspruch an, Literatur zu schaffen, die für Kinder geeignet ist, die Erwachsenen aber mit im Auge behält, was sich leicht auf die Einebnung des U- und E-Aspektes übertragen lässt.
Aakesons Jugendroman „Der Irre“ spielt 2010. Biotechnologie dominiert das Leben. Aber dieses wird kein Bio-Ethik-Sachbuch, sondern eine Studie über Macht, Gewalt, Chaos und Vernichtung. In Mouritzens „Todespuppe“ vermischen sich die Wahrnehmung der Wirklichkeit und Einbildungen zu einem Horrorroman, die dem Autor der Geschichte, der gleichzeitig ihre Hauptfigur ist, das Blut in den Adern gefrieren lässt. Dorte Karrebæks „Das Mädchen, das viele Dinge konnte“ ist uneigentlich ein Bilderbuch. Eigentlich aber ist es eine Geschichte über die harte Realität der Kindheit. Ein Mädchen, Einzelkind und immer allein, hat niemanden, der ihr hilft. Nach einer Party, zu der das Kind seine Eltern einlädt, und zu der der Vater als Hund, die Mutter als Katze und das Mädchen als Mädchen gehen, bleiben die Masken der Eltern fest auf ihren Gesichtern sitzen. Moral: Es gibt keine Möglichkeit, Hund oder Katze zu verändern, man muss selbst erwachsen werden. Letzter Satz: „Alle Kinder verlassen früher oder später ihr Zuhause. Das Mädchen verließ es früher.“ Folgerung: Dieses Buch bringt auch deutsche Kinder dazu, Autoritäten zu hinterfragen.
Heftigstes Beispiel ist vielleicht Svend Åage Madsens Roman über die Jagd jugendlicher auf Arbeitslose, die in der Zeit von 9-16 Uhr zum Abschlachten freigegeben sind (einen Vorschlag Jonathan Swifts von 1729 aufgreifend, dass Irlands Überbevölkerungsprobleme durch Kinderkannibalismus gelöst werden könnten).
Wenn die dänische Kinderliteratur nicht pädagogisch sondern literarisch ist, dann ist sie grausam.