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Kieler Nachrichten, 16. Februar 2006

„Die Schulkonferenz vom 21.2.1980 hat sich mit einem Antrag beschäftigt, dem Kreisgymnasium Heikendorf einen individuelleren Namen zu geben, und einen Ausschuss beauftragt, Eltern, Lehrer und Schüler nach ihrer Meinung zu befragen.“ Damit fing alles an. Unterzeichnet ist der Brief von dem damaligen Rektor des Gymnasiums und als ich seine Unterschrift auf dem Brief sehe, kommt es mir wie ein Déjà-vu vor. Ich war damals in der siebten Klasse, der Quarta, wie etwas weihevoller gezählt wurde. Meine Klassenlehrerin hatte gerade ihr zweites Staatsexamen abgelegt, wir waren ihre erste Klasse. Als ich jetzt den Ordner mit den vergilbten Kopien aus dem Lehrerzimmer hole, erkenne ich sie wieder – aber sie mich nicht. Dass meine Lehrer älter geworden sind, damit habe ich gerechnet. Dass ich es auch geworden bin, ist immer wieder überraschend.
Wie ein Trophäe wird der Ordner mit den Dokumenten über den Namensstreit des Winters 1980/81 verwahrt. Und wen immer man an der Heinrich-Heine-Schule danach fragt, man wird zur Antwort kriegen: „Ja, der NDR berichtete sogar im Fernsehen. Und die ZEIT schrieb auch einen Artikel.“ Denn die ausgerufene Namenssuche war erfolgreich. Am 7.Mai beschloss die Schulkonferenz den Namen „Heinrich-Heine-Schule“ und reichte ihn vorschriftgemäß beim Kreistag ein, der ihn bestätigen musste. Der aber schob die Entscheidung erst auf die lange Bank und wies den Vorschlag dann im September 1980 zurück, mit der dämlichen Begründung, dass „Heine kein Vorbild für die deutsche Jugend“ sei. Und dann gings ab. In der Schule sammelten Schüler Unterschriften gegen den Namen, der SPD-Fraktionschef im Kreistag stellte eine eben so dämliche Analogie von dem Schreibverbot des Bundestags von 1835 für Heine, über das Totalverbot der Nazis 1933 zum Namensverbot der Kreistags-CDU von 1980 her. In Leserbriefen stritten sich Befürworter und Gegner, der NDR kam, die ZEIT berichtete. Mein späterer Tutor warf in der Schülerzeitung dem Rektor vor, sich nicht für die demokratisch gefassten Beschlüsse der Schulkonferenz einzusetzen. Die Schülervertretung lud alle 1200 Schülerinnen ein, die Kreistagssitzung zu besuchen. Der Vorsitzende der Kreis-CDU sprach von Kulturkampf, der von der SPD von Störung des Schulfriedens. Kultusminister Peter Bendixen wurde mit den Worten zitiert, er sei ebenfalls gegen die Umbenennung, tagsdrauf aber hieß es aus dem Ministerium, man mische sich nicht ein und könne mit Heinrich Heine leben. Der Kreistag musste nochmals beraten und verlegte seine Sitzung aus Platzgründen nach Heikendorf in Kählers Gasthof (wo wir früher in den Pfützen auf dem Parkplatz Wunderkerzenbomben zündeten). Ich erinnere mich an Sonderausgaben der Heulboje, unserer Schülerzeitung, an einen großen, blonden, schlaksigen Schülersprecher mit Vornamen Martin, der vor einer großen Versammlung Erwachsener frei, selbstbewusst und sympathisch reden konnte. Ich spüre die Stimmung des „Wir gegen sie“. Sie war nicht abstrakt. Sonst hätte ich es nicht verstanden. Sie war greifbar und konkret. Und ich wollte auch so werden wie dieser Schülersprecher Martin.
Und dann lud der CDU-Chef zehn Tage vor der entscheidenden Kreistagssitzung zu einer Diskussion ein, bei der ein Professor einen Vortrag hielt, der mit den Worten schloss „Heine macht Mut, die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse nicht einfach so hinzunehmen.“ Daraufhin teilte die CDU mit, dass auch sie für die Umbenennung sei. Und damit waren wir alle Heinrich-Heine-Schüler. Das wars gewesen. Nein, eins noch: Mein Englischlehrer schrieb in einem Leserbrief, dass der „öffentliche und parteipolitische Streit Heine am wenigsten gerecht wird.“ Bei aller Verehrung für meine alten Pauker, ich bin anderer Meinung. Man hätte Heine kein besseres Denkmal setzen können als diese Auseinandersetzung. Keine Büste und keine Bronzetafel könnte schöner an ihn erinnern, als die leibhaftige Borniertheit - und ihre Niederlage.