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Über die deutsche Kinderlyrik 2002

Bulletin Jugend & Literatur 2000

Von Robert Habeck

Die Textmenge, die unter den Gattungsnamen Lyrik fällt, umfasst viel mehr als nur gereimte Gedichte. Bei Kinderlyrik jedoch ist der Reim, eigentlich ein Stilmittel unter anderen, synonym mit seiner Gattung, was vermutlich daran liegt, dass der Reim mehr als andere Formen zur Verdichtung sprachlicher Möglichkeiten beiträgt. Um so erstaunlicher, wie wenig intelligent er eingesetzt werden kann.

Was Poesie ausmacht? In ihrer Anthologie alter und neuer Kindergedichte „Dunkel war‘s, der Mond schien helle“ antworten die Herausgeber Edmund Jacoby und Rotraut Susanne Berner folgendermaßen: „Reim und Rhythmus zaubern eine Atmosphäre herbei, die auch das Unwahrscheinlichste wirklich werden lässt. Ein Gedicht kann Raum und Zeit und Ereignisse zusammenziehen und unsere Wahrnehmungen verdichten.“ Das ist schön gesagt und eine hehre Zielvorgabe für Lyrik. Für das titelgebende Gedicht ihrer Anthologie, das ihr Analysebeispiel im Vorwort ist, ist es indes nicht ganz zutreffend. Denn die Pointe von „Dunkel war’s, der Mond schien helle“ ist, dass durch Reim und Rhythmus mit dem Oxymoron gerade ein drittes poetisches Stilmittel vorgestellt wird – und in der Verballhornung viertens ironisch gebrochen auftritt. Es geht eben nicht darum, dass das Unwahrscheinlichste wirklich wird, sondern dass sich der vermeintliche Ernst als spielerischer Unsinn herausstellt. Das wäre vielleicht eine beckmesserische Unterscheidung, würde sie nicht auf ein allgemeines Problem von Gedichtbänden für Kinder hinweisen. Entgegen dem gängigen Geunke über die Unverkäuflichkeit von Gedichtbüchern in der Belletristik, sind die Kinderlyrik-Publikationen momentan zahlreich. Die meisten der im folgenden besprochenen Bücher sind ausnehmend schön illustriert, viele aufwendig hergestellt und fast alle sind an dieser Stelle schon besprochen worden. In diesem Artikel geht es jedoch nicht um das Buch als solches, sondern allein um den Reim, sein literarisches System, seine lyrische Handhabung.
Schaut man sich die große Menge gereimter Kinderbücher der letzten beiden Saisons genauer an, relativiert sich die Begeisterung über den verlegerischen Mut, Lyrik zu fördern, schnell wieder.

Mit James Krüss „Es war einmal ein Mann“ und Theodor Fontanes „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“, sowie etwas jüngeren Datums und famos übersetzt von Christa Schuenke, A.A. Milnes „Ich und Du, der Bär heisst Pu“ sind drei Klassiker druckfrisch aufgelegt. So verschieden und so gut, wie es Klassiker eben sind – und eine so sichere Bank für den Verkauf ebenfalls. Deutlich wird bei den klassischen Autoren, welch ausgezeichnetes Mittel der Reim für das Erlernen von Sprache ist. Statt verstehen zu müssen, was gesagt wird, spricht man gereimte Verse nach aus Freude am Sprechen. Reime sind eine starke Memorierhilfe und fördern so das Sprachgedächtnis, erweitern den Wortschatz und das Verständnis von Satzstrukturen. Sie sind eine Einübung in die Sprache der Erwachsenen und in die Kunst. Denn Reime machen ja auch deutlich, dass es sich hier um eine ungewöhnliche Sprachverwendung handelt, eine nicht alltägliche, eine verdichtete. Insofern sind Gedichte immer auch eine Hinführung zum Kunstcharakter von Geschichten, Sprache und Ausdrucksmöglichkeiten, die etwas anderes meinen können, als sie sagen. Milnes Gedicht über das Wachsen „Zum Schluss“ führt an den Zahlen die Identitätswerdung von Menschen vor. Bei Fontanes Ballade von den Birnen im Havelland ist die höhere Moral der Geschichte durch den Reim auch für die junge Hörer zu fassen. Dass „Jahre auf und ab gehen“, „Herbsteszeit“ doppeldeutig auch für den nahen Tod steht, was „Pantinen“ sind, kann man von Fontane lernen, ohne es als Lernen zu begreifen und James Krüss, dessen Renaissance gerade auch die Pixi-Buch-Reihe eingeholt hat, weitet durch allen Nonsens auch das poetische Sprachverständnis, wenn das Meer „zu blau“ ist, die Reise des Mannes sich nicht um Ort und Zeit schert und dann noch heimtückisch „Mann“ auf „Zahn“ reimt.

Unter den Neuerscheinungen nehmen zweitens die Anthologien und Lyriksammlungen viel Platz ein. Neben dem genannten Buch von Jacoby/ Berner, dessen Verdienst es ist, Autoren wie Jandl, Schwitters oder die Romantiker als Kinderdichter vorzustellen, und so tatsächlich eine Fundgrube vielfältiger Reime bietet, haben Frank Helfrich und Silke Leffler ein Bilderbuch mit 26 Gedichten und Sprüchen gestaltet. Außerdem sind Otfried Preusslers und Heinrich Pletichas „Grosses Balladenbuch“, sowie die etwas ältere Sammlung „Wenn die weissen Riesenhasen abends übern Rasen rasen“ von Ursula Zakis und eine kleinformatige Reihe des Hanser Verlags zu erwähnen, in der Illustratoren je einen Kinderreim bebildern, sowie schließlich die CD „Ritze, Rotze, Ringelratz“ zu erwähnen.
Die verschiedenen Formen der Sammlungen erfüllen ihre verschiedenen Zwecke. Allerdings enttäuschen sie den Hunger auf neue Lyrik. Die beiden jüngsten Autoren der jüngsten Anthologie sind Wolfgang Hänle, Jahrgang 56, und Martin Auer, Jahrgang 51, beide je mit einem Gedicht vertreten, und dominiert von der schon fast klassischen Generation Nöslingers, Guggenmos‘, Gernhards, Manz‘. Weniger aber als um das biografische Alter geht es um die veraltete Themenstellung. Statt die Inhalte (Katzengedichte, Schlafgedichte) und Sprachhülsen („es war einmal“) der Vorgänger ungebrochen zu übernehmen, wäre es wert, die Ausdrucksmöglichkeiten der Gattung einmal auf ihren gegenwärtigen Mehrwert abzuklopfen. Was früher als Wiegenlieder, Geburtstagsgrüße, Gebete, Frühlingsgedichte die Eintracht und Harmonie des Lebens, der Natur und der Nacht beschwor, ist wunderschön und sollte natürlich weiterhin tradiert werden, aber im Zeitalter von Spacelab, Lichtverschmutzung, Erderwärmung und Gottlosigkeit fordern Kindergedichte auch eine neue Sprache, wenn eingelöst werden soll, was Jacoby und Berner als ihr Credo aufstellen: „Ein Gedicht kann Raum und Zeit und Ereignisse zusammenziehen und unsere Wahrnehmungen verdichten.“

Viele von den Büchern, die mit neuen Gedichten aufwarten, sind sicherlich in mancher Hinsicht künstlerisch wertvoll, in literarischer Hinsicht sind sie es weniger. Die Probe aufs Exempel ist leicht anzustellen, wenn man den Text einmal ohne Blick aufs Bild laut (vor-)liest. Schnell wird die so wohlgeformte Atmung des Reims wieder zu einer Luftblase.
Wolf Erlbruch dichtet schon 1995 das Lied von den „zehn kleinen Negerlein“ politisch korrekt, aber inhaltlich kontingent in „Zehn grüne Heringe“ um, die der Reihe nach an Heuschnupfen, an der Nacht, am Schwindel, durch Sturz von einer Echse, den Hut von Almut, dem Deckel eines Klaviers etc. hingerafft werden. Dieses Buch, eine Nonsensgeschichte im Paarreim nach Vorlage, eignet sich vortrefflich zum direkten Vergleich mit Krüss und zieht in allen sprachlichen Belangen den Kürzeren. Wo bei Krüss „Hölle“ auf „helle“ den reinen Reim schelmisch unterbricht, fügt Erlbruch der Almut einfallsloserweise den Nachnamen „Kümpf“ an, um die „fünf“ ins Schema zu pressen (gereimte Eigennamen sind fast immer armselig), wo Krüss zum Schluss die Pointe verkehrt und den Mann als kindisch erscheinen lässt, finden die Heringe bei Erlbruch endlich ins Meer, wo sie hingehören, ohne dass man allerdings davor das Gefühl hatte, ihre Abenteuer wären irgendwie mit der Problematik Fisch auf Land verwandt. Es scheint, dass die literarische Handwerklichkeit mit den wachsenden Möglichkeiten des sprachlichen Mediums zunehmen muss. Nur zu reimen, macht noch längst kein gutes Gedicht, was auch die Krux der Bücher ist, die sich an die Muster von Abzählreimen und Bauernregeln halten. „Sitzt vorm Haus ein dicker Hund/ bleibst du dreißig Jahr gesund“ kalauert Gerda Anger-Schmidt. Anke Kuhl malt schöne Bilder, liest man jedoch ihre Verse, kriegt man von den vielen rhythmischen Hopsern fast Schluckauf, davon abgesehen, dass die Gedichte viel zu langweilig sind, um die Spur einer Chance zu haben, hergebrachte Reime abzulösen. Vielleicht ist das gar nicht der Anspruch des Buches – welcher aber ist es dann? Ähnliches gilt für die Geschichte vom Schabernack von Margaret Klare. Bis auf den Schlussreim („Da kriechen alle wieder raus/ und so ist die Geschichte aus“ (auch keine Offenbarung)) ist das Buchdurchgängig auf die Silbe „ack“ gereimt. Die Geschichte, die sich aus dem Reim entspinnt, macht allerdings nicht deutlich, was diese Endsilbe vor anderen auszeichnet, zumal die Autorin immer wieder „Schabernack“ als Versende verwendet, was zu einer erheblichen Reimmonotonie führt. Wenn man ein Buch „Schabernack“ betitelt und eine Figur diesen Namen trägt, dann reicht es nicht, sich hinter die Bedeutung zurückzuziehen und zu hoffen, der geneigte Leser lässt einem alles durchgehen, weil es ja eben Nonsens ist (sonst könnte es genau so gut „Fritz, Blitz und Witz“ oder Lars, Lachgas und Spaß“ heißen). Um im obigen Sinn ein gelungenes Gedicht geschrieben zu haben, wäre es nötig, die verschiedenen Facetten des Namens durchzuspielen, sowohl inhaltlich wie sprachlich. Der Möglichkeiten gäbe es viele, von denen die einfachste wäre, den Quatsch bis in den Namen zu treiben und den Schabernack durch Silbendreher nochmals deutlich zu machen. Dann ist das Reimspektrum nicht ausgeschöpft. Weitere Reime auf „ack“ (Lack, Frack, Tomahawk etc.) würden die Monotonie durchbrechen. Schliesslich hieße von Krüss lernen, den Reim um Nuancen zu erweitern und unechte Reime einzubauen (Schlag, Vertrag, Donnerstag oder: Gequak, erschrak – na, abgehakt). Nadia Buddes Neuvertextung des Liedes „Morgens früh um sechs, kommt die kleine Hex‘“ zu „Kurz nach sechs/ kommt die Echs“ hingegen stellt einer geschichtlichen Gegenwart. Die Echse arbeitet den grauen Alltag lang in der Fabrik. Im Traum begegnet ihr dann die Vorfahrin des Gedichtes, in dem sie sich befindet, und hext ihr eine Reihe von Dingen herbei. Eine schöne Idee – doch die Wünsche der Echse lassen jeden literarischen Anspielungssinn fahren (und leider auch jeden Rhythmus). Den Charakter eines Liedes über die kindliche Welt hat das Buch „Ich kenn mich schon gut aus“. Lieder werden gesungen und müssen folglich gereimt sein, mögen sich die Verfasser Peter Geissler und Almud Kunert gedacht haben. Aber hier wäre weniger mehr gewesen, denn die Reime sind den Autoren echte Stolpersteine, die nur mit unnötigen Füllungen funktionieren („Geh ich aus dem Zimmer raus/ komm ich in ein andres rein“), Selbstverständlichkeiten wie „Der Spiegel hängt an meiner Wand“ nennen, dabei außer Acht lassen, dass Spiegel gemeinhin im Badezimmer und nicht in Kinderzimmern hängen und in dämlichen Schlüsse münden („Auf Wegen gehen ist nicht schwer“). Die literarische Idee dieses Buches ist eine ganz andere, nämlich dass sich aus vielen Dingen Begriffe ableiten lassen, die ihnen Eigenleben zu verleihen scheinen: Hosen haben Beine – und können von alleine laufen. Wege gehen vor einem her. Bäume haben Kronen. Hier hätte man anknüpfen können, Teekesselchen spielen und ein wunderbares Buch über die eigene Welt der Dinge, vielleicht die Kinderwelt schreiben können. Ob gereimt oder in Prosa wäre dann vielleicht sogar egal. So aber muss sich der Reim dem Urteil stellen und leider kennen sich die Autoren damit bedeutend weniger gut aus, als das Kind in ihrem Buch mit den Dingen. Zwei vergleichbare Bücher, die aus dem Englischen übersetzt sind, machen vor, wie man eine Geschichte mit Pointe und gleichzeitig wohlgestaltet erzählen kann. Julia Donaldsons Texte „Für Hund und Katz ist auch noch Platz“ und das ältere „Der Grüffelo“ geben (in ihren gelungenen Übersetzungen) den Geschichten durch die lyrische Diktion einen Mehrwert und Sprachüberschuss, den sie in Prosa nicht hätten. Dabei kommt der Reim in diesem Fall ohne große Kunstkniffe aus, ist relativ schlicht und ein Träger seiner Geschichte. Aber genau das scheint die Kunst auszumachen. Denn bei den erwähnten Büchern aus deutscher Provenienz stößt man sich dauernd an der Aufdringlichkeit der Sprachattitüde.
Auch der „Badewannenkapitän“ von Erwin Grosche und „Wasserhahn und Wasserhenne“ vom frisch gekürten österreichischen Staatspreisträger für Kinderlyrik, Georg Bydlinski bietet Durchwachsenes. „Kakao, ich trau/ mich kaum dich auszutrinken./ Bleib doch nicht heiss, ich weiß,/ da hilft nur pusten oder winken“. Wieso sollte winken helfen? Oder meint der Verfasser „fächern“? Wieso traut sich der Sprecher nicht? Das hat doch nichts mit Mut zu tun? Wieso austrinken? Nippen wäre doch bei einer so heißen Ware angebrachter. Und für einen „Zauberspruch“, der das Gedicht sein soll, ist die Form der Bitte unangemessen. Solche Zaubersprüche bietet Grosche einige. Man darf jedoch bezweifeln, dass ihr Zauber schon einmal wirksam geworden ist. Wie bei Geissler/ Kunert gibt es aber auch schöne, die Sprache ernst (oder eben heiter) nehmende Einfälle bei Grosche – und zum Glück für dieses Buch ist nicht alles gereimt. Es gibt konkrete Poesie („Der Parkplatz“) und Sprachwitz, wenn die Lautmalerei plötzlich Eigenleben bekommt („Der Feuerlöscher“). Bydlinskis Lyrik erstarrt all zu oft in der Sentenz: „Freunde sind wichtig“, „Was sich Gott alles ausgedacht hat – Regen und Sonne und Mond...“, „Der Mond heut Nacht ist hell und groß“. Die Reime lösen sich nicht von ihrer konkreten Aussage, werden nirgends witzig, sind immer nur die ersten Reime, die einem einfallen. Unterm Strich ist festzuhalten, dass Kinderlyrik in den allermeisten Fällen nur als Beigabe für Bilderbücher ihren Raum findet. Dem Anspruch der Bilder halten die lyrischen Beigaben meist nicht stand, wobei neben dem Unvermögen der Texter eine zu große Nonchalance auf Seiten der Verlage abzuleiten ist.

Also ein verlorenes Jahr für die Kinderlyrik? Nicht ganz. Unter den vielen Neuveröffentlichungen schafft es das Buch „Herr Jambus und der Elefant“ eine sprachliche Ebene zu erklimmen, die den Bildern eine zusätzliche, eröffnende und nicht nur ausstaffierende Dimension verleiht. Markus Spangs Reime erschaffen eine Welt jenseits der Bilder, sowohl was Inhalt und Witz angeht, als auch dort, wo die Sprache auf sich selbst hört und so in ihrem eigenen Raum wiederhallt, wo sie sich bricht und der Reim zum Echo wird, das im Kopf bleibt. Die Namensgebung des Zirkusdirektors Jambus ist dabei auch poetologisch zu lesen. Mit dieser Versschmiede ist die gedichtete Sprache zufrieden und kommt stilvoll daher.
„Perfekt! Herr Jambus ist zufrieden,
er prüft noch mal, ob auch nichts spannt.
Geschmäcker sind zwar oft verschieden,
doch elegant ist elegfant.“