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sh:z vom 27.09.2008


Von Andrea Paluch

Abseiten, das sind unter dem Dach verborgene Stauräume. Auf unserem Dachboden gibt es derer einige. Darin lagern Kartons, deren Inhalt mir nicht mehr gänzlich klar ist, Kinderschuhe, die noch zu gut waren, um weggeworfen zu werden, inzwischen aber keinem mehr passen, die Bruchstücke einer Carrerabahn, die einmal von einem großelterlichen Dachboden auf diesen hier verfrachtet wurden etc.
Aber Abseiten, das klingt auch irgendwie „abseitig“, und das meint: der Sichtbarkeit entzogen, verborgen. Und auf Meinungen bezogen meint es irgendwie auch skurril, schräg, gewöhnungsbedürftig.
Neulich kam der Wind so böig aus Westen, dass er den Regen unter die Dachziegel drückte und es zu allem Überfluss rein regnete. Dass dieser Wasserschaden auch wieder trocknen würde, war das eine. Das andere der Heimwerkerstolz des Mannes, mit dem ich zusammen lebe, der flugs damit begann, die Rigipsplatten und die Rockwolle des Dachbodens abzumontieren, um einem erneuten Einbruch bei gleichem Wind mit Silikon und Plastik vorzubeugen. Und so mussten auch die Kartons aus den Abseiten geschafft werden. Gut die Hälfte wurde bis Abschluss der Baumaßnahmen entsorgt. Ich schaute die Kisten durch, während oben der Akkuschrauber summte. Und ich wunderte mich, was ich alles einmal weggepackt hatte, also einmal besessen hatte. Hüte, meine alte Blockflöte, Kissenbezüge, die Heringe des Zeltes, das uns 1992 in Apulien weggespült worden war, jede Menge Gebrauchsanweisungen für Maschinen, die ich seit Jahren nicht mehr habe, eine Kiste mit Zeugnissen, vom Freischwimmer bis zur Bundesjugendurkunde. Und eine Kiste mit Briefen. Alten Briefen. Die meisten an mich adressiert, viele von ihnen Liebesbriefe. Ein paar von Verehrern aus der Schulzeit, der allergrößte Teil von dem akkuschraubendem Mann auf meinem Dach. Ich las sie nicht. Davor hütete ich mich. Aber ich sah sie mir an. Und irgendwie hatte ich zu jedem Brief eine Erinnerung. So viel hatten sie mir bedeutet. Die Handschrift, immer etwas zu fest aufgedrückt, als wir noch nicht zusammen waren, dann mit mehr Schwung, geknickte Ecken bei den Briefen, als ich in einer WG wohnte, die den Briefkastenschlüssel verbaselt hatte, so dass wir die Briefe stets mit einem Kochlöffel bis zum Schlitz wieder hoch bugsierten, und das Wissen, dass dies gut zu der Krise passte, die wir damals durch machten. Briefmarken und Stempel wie Fotos, Bilder der Jahre. Dann wurden die Briefe weniger. Wir waren zusammen gezogen. Und dann kamen welche von mir. Wenn es schon merkwürdig war die Handschrift eines anderen zu sehen, meine eigene Schrift vor mir zu haben verschlug mir auf eine merkwürdige Art die Sprache. Jetzt wusste ich genau, was ich damals gedacht und gefühlt hatte und warum ich diese Briefe schrieb und wo ich sie schrieb. Und ich wusste, dass sie ein Teil meines Lebens waren, ein Teil meines Ichs. Aber ein Teil, der Vergangenheit war. Und also nicht mehr zu mir gehörte, weder die Briefe mit dem Liebeskummer noch die mit der Sehnsucht. Wenn man aber glaubt, dass ein Mensch die Summe seiner Erfahrungen ist, war mein Gefühl rätselhaft. Ich wusste, dass das, was ich einmal erlebt hatte, bis in meine Gegenwart reicht. Aber was ich einmal geschrieben hatte, das waren nur noch Abdrücke, Spuren von etwas, das es nicht mehr gab. Wie Häute von Schlangen, Fußabdrücke am Strand, bevor das Meer sie fortwischt. Der Schritt bringt einen zwar weiter. Aber wenn man zurück blickt, sieht man nur den Weg, den man gegangen ist.