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sh:z vom 07.02.2009


Von Andrea Paluch

„Abwrackprämie“ ist mein neues Lieblingswort. Es hat alles, was ein Lieblingswort braucht. Es klingt dreckig und nach Schweiß, gleichzeitig gebildet, fast überheblich. Bisher war mein Lieblingswort „Schabrackenschakal“ – aber der Schabrackenschakal hat nichts Lateinisches und kann mit „Prämie“ einfach nicht mithalten.
Ob diese Prämie ökologisch oder sozial wirkt, will ich hier nicht diskutieren. Bei uns hat sie funktioniert und wir wracken einen zwölf Jahre alten Kleinwagen, ich würde sagen, Kleinstwagen, ab. „Wracken ab“ – das klingt wie abrocken, wie etwas unglaublich cooles. Ich werde wohl versuchen es in meinen Sprachgebrauch zu überführen. Vielleicht helfen meine Kinder ja im Haushalt wenn ich sie auffordere: „Hey, könnt ihr bitte mal den Tisch abwracken!“ Andererseits werden sie ihre zerschlissenen Lieblingshosen nun gar nicht mehr hergeben, sondern immer nur antworten: „Hey, die sind grad so schön abgewrackt.“ Abwracken, so viel steht fest, wird unsere Welt verändern. Vielmehr es hat unsere Welt verändert. Nicht nur, weil ich nun tatsächlich und erstmalig während meiner 38 Jahre auf dieser Welt Teil der Neuautokäufer geworden bin – sarkastisch kommentiert von meinem Mann auf der Rückfahrt vom Autohaus mit den Worten „Jetzt haben wir es geschafft!“ – sondern auch, weil der Autokauf zu mancher Erkenntnis und Offenbarung geführt hat. Zum einen brach da plötzlich eine verpönte und unterdrückte Lust am Automobil heraus. Bei unseren Kindern offen und krass – alle Quartett-Kenntnisse über Beschleunigung und Umdrehungszahlen wurden zum Besten gegeben, beim ältesten meiner männlichen Mitbewohner leicht verschämt. Zum anderen und entgegengesetzten waren da plötzlich Zweifel. So sehr unser alte Schese zuvor verflucht wurde, weil man sich darin vor Motorengeräusch kaum unterhalten konnte, weil die Kupplung ausgeschlagen war, weil das Auto einfach nicht beschleunigen wollte, wenn ein Trecker überholt wurde, so sehr schien es doch plötzlich noch ganz okay, sparsam im Verbrauch, geringer CO2 Ausstoß und erstaunlich praktisch.
Der Verkäufer, ein ausgesprochen fairer und unaufdringlicher Vertreter seines Standes, erzählte von der Zeit nach der deutschen Wiedervereinigung. Als Millionen ehemalige DDR-Bürger, durch den Umtausch der alten Währung im Verhältnis 1:1 mittelmäßig solvent, die westdeutschen Altautos aufkauften. Von einer Goldgräberstimmung, dass sein Chef am Wochenende ins benachbarte Ausland fuhr, die Taschen voller Bargeld, und an Gebrauchtwagen aufkaufte, was er kriegen konnte und dass die Wagen ihm schon bei der Einfahrt auf den Hof abgekauft wurden. Es werden nun zu einem nicht geringen Teil diese Autos sein, die jetzt abgewrackt werden – doppelt staatlich gefördert.
Es war dann schließlich nicht die Vernunft ausschlaggebend, ein neues Auto (das sparsamste und preiswerteste dann doch) zu bestellen, als vielmehr der Geschäftssinn. 2500,- würden wir nie für den kleinen, silbernen Blechbolzen bekommen. 2500,- für Abwracken. Wenngleich dafür knapp 10.000 bezahlt werden mussten. Die Erkenntnis wäre, dass ein durch und durch kapitalistisches Anliegen zu erhöhten Ausgaben führen kann. Und wenn man das verallgemeinert kapiert man, wieso die Wirtschaft immer weiter wächst (außer im nächsten Jahr) und wenn sich Banken so verhalten, dann kapiert man, wieso es zu der Finanzkrise kommen konnte. Das ganze Wirtschaftssystem ist – mit einem Wort - abgewrackt.