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sh:z vom 07.03.2009


Von Andrea Paluch

Fernsehen gehört nicht zu meinen bevorzugten Beschäftigungen, wobei ich den Unterhaltungswert eines guten Spielfilms wie auch die Abhängephasen und das hirnlose Rumzappen kenne und manchmal auch zu schätzen weiß. Ersterer wird allerdings im Moment stark zurückgedrängt und letztere immer schwieriger. Die Zeit der Rosenmontagssitzungen und Karnevalsveranstaltungen hat begonnen und die ist für Norddeutsche einfach eine Zumutung und noch nicht mal als Aufreger unterhaltsam. Parallel dazu beginnen neue Staffeln der Privatfernsehen-Mitmachreihen. Die haben eine größere Verführungswirkung (dafür werden sie ja gemacht), aber im Grunde schaut man sie mit einer Mischung aus schlechtem Gewissen und dem Wissen, dass man jetzt ein schlechtes Gewissen haben müsste. (Meine Erklärung für ihren Erfolgt ist eben das: Menschen wollen einmal was halbwegs verpöntes tun). In einer dieser Sendungen, in die ich geraten war, wurde in der Werbepause eine dieser „Gewinnen sie ein Auto“-Frage gestellt, mit der die Sender Telefongebühren scheffeln. Die Frage lautete, wer denn die gerade geschaute Sendung moderiere, der Moderator (ohnehin bekannt genug), dessen Name die ganze Zeit eingeblendet war, oder irgend ein anderer Name, den ich noch nie gehört hatte (vielleicht war er zielgruppenbekannt). Sie kennen dieses Schema sicher aus diversen Sendungen (und ich meine nicht diese Mitternachtssendungen, wo armselige Männchen oder armselig bekleidete Weibchen idiotische Kreuzworträtsel mit Hilfe des Publikums zu lösen versuchen). In Fußballspielpausen wird gefragt, wie der Nationaltrainer heißt, a.) Jogi Löw oder b.) Thomas Gottschalk. Bei Wetten-dass wird gefragt wer Wetten-dass seit gefühlten 120 Jahren moderiert, a.) Thomas Gottschalk oder b.) Angela Merkel. Und so weiter und so fort (fehlt bloß noch, dass im Anschluß der Tagesschau gefragt wird, wer Deutschland regiert, a.) Angela Merkel oder b.) „ach, ich weiß auch nicht“). Und das brachte mich auf folgendes Gedankenspiel. Was würde passieren, wenn alle Zuschauer tatsächlich immer die so offensichtlich falsche Antwort wählen würden? Wenn die Fernsehleute dann verkünden müssten, wir konnten unser Auto leider nicht verlosen, alle Antworten waren falsch? Was würde die Boulevardzeitung mit den großen Überschriften am nächsten Tag titeln? „Deutsche zu doof für die einfachsten Fragen?“ Eher nicht. Vielleicht „Wir lassen uns nicht mehr für dumm verkaufen!“. Vielleicht aber würde diese Zeitung zusammen brechen, weil ihre Macher erkennen würden, dass ein Gutteil ihrer Meldungen nach dem gleichen Dummbachs-Schema funktioniert. Und vielleicht würden die Politiker aufschrecken. Wenn die Deutschen nicht mehr glauben, dass Thomas Gottschalk kein Bundestrainer ist, dann glauben sie den Schaufensterreden ja vielleicht auch nicht mehr. Und die Schule würde sich ändern, weil die Schüler und Schülerinnen, die das im Fernsehen erlebt haben, plötzlich erkennen, dass es nicht nur dumme Fragen gibt, sondern auch kluge Antworten. Vielleicht würden sich die Nachbarn morgens beim Bäcker zugrinsen, na, hast du auch Gottschalk gewählt? Eine Art Verschwörerkultur würde einziehen, aus der dann eine Vertrauenskultur erwachsen würde, eine, die die Ironie und Leichtigkeit dieses Streichs beibehalten würde. Vielleicht würde ein unsichtbares Band wachsen, ein Wissen, dass man Dinge einfach nur mal machen muss.