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sh:z vom 05.07.2008


Von Andrea Paluch

Vor ungefähr zwei Jahren war es soweit. Mein jüngster Sohn war so groß geworden, dass er ein kleines Privatleben entwickelte und mir peu à peu mehr Zeit für meine eigenen Belange ließ. Die Kindervollzeitbetreuung neigte sich dem Ende zu. Eine Lebensphase, die dann doch zehn Jahre gedauert hatte, wurde abgelöst von einer neuen, verheißungsvollen. Ich fing an, mich wieder in die Außenwelt zu mischen, mich weg zu bewegen vom häuslichen Schreibtisch und Alltag. Ich lernte neue Menschen kennen, es entspannen sich viele Beziehungen, die nicht nur fruchtbar und kreativ, sondern auch ausgesprochen nett waren. Aber immer gepaart mit einem bestimmten Projekt. Und Projekte gehen zu Ende. Leute, mit denen man phasenweise viel und intensiv zusammen war, verschwinden einfach aus dem Leben, obwohl sie gar nicht weit weg und eigentlich noch da sind. Bisher war das nicht weiter schlimm, ganz normal eben. Als ich den Sportbootführerschein gemacht habe zum Beispiel, hatte ich eine gute Zeit mit einigen sympathischen Menschen und meinem Käpten. Nach der Prüfung war das natürlich vorbei, erwartbar und auch ersehnt. Trotzdem weiß ich, wenn ich abends in Flensburg bin, dass im Hafenbecken gerade Fahrstunde ist. Die Erinnerung ist wie eine Narbe auf meinem Bewusstsein, etwas abwesendes. Das gleiche Gefühl gibt es auch andersherum. Eine Freundin erzählte mir neulich, dass sie ihre ehemalige Firma besucht habe, wo sie jahrelang gearbeitet hatte. Sie war ein Teil des Betriebes gewesen und hatte mit den Ereignissen dort gelebt und ihre Lebenszeit dort verbracht. Eine schöne Zeit, wie sie fand. Sie war etwas betroffen, weil sich die Lücke, die sie hinterlassen hatte, so vollkommen geschlossen hatte, sie so gar keine Spuren hinterlassen hatte, als wäre sie nie dort gewesen. Man wird zu einer Erinnerung. Etwas Ähnliches erlebe ich momentan auch, ein Abschied, der seine traurigen Schatten schon etwas länger voraus wirft, obwohl ja eigentlich gar nichts Schlimmes passiert. Vor zwei Jahren beschloss ich, Gesangsunterricht zu nehmen. Rockgesang, genauer gesagt. Und wo sonst wenn nicht bei Rockvoice, der einzigen Rockgesangsschule im Norden. Ich habe unheimlich viel gelernt seit dem, nicht nur über meine Stimme und mich, ich habe natürlich auch meinen Gesangslehrer kennen gelernt. Wir haben zwei Jahre lang jede Woche eine Stunde miteinander verbracht, für mich fast schon ein Ritual. Wir haben nicht nur gearbeitet und gesungen, sondern auch geredet. Wir waren quatschig oder haben uns unterhalten wie erwachsene Leute. Ich hab gesehen, wie man noch so sein kann, wenn man nicht grad so ist wie ich oder wie die Menschen, die ich gut kenne. Es gab erfolgreiche Phasen, gestresste Phasen, schwierige Phasen. Mein Gesangslehrer hat mich durch alle begleitet. Das verbindet. Nun ist es für mich so weit, mit dem Unterricht aufzuhören. Nicht, weil ich so besonders gut geworden wäre. Es gibt einige andere, schwer auf den Punkt zu bringende Gründe. Ohne dieses Ritual jedenfalls gewinne ich nicht nur Zeit, sondern auch eine neue Erinnerung. Ich werde mich bald verabschieden, nicht mehr wieder kommen und doch immer wissen, dass in Adelbylund gerade Gesang unterrichtet wird. Ich werde damit nichts mehr zu tun haben. Die Zeit dort hat mir neue Türen geöffnet, jetzt muss ich nur noch lernen, die Türen hinter mir auch zu schließen. Und ich werde nicht mehr mit meinem Gesangslehrer Kaffee trinken und klönen. Ich werde es wahrscheinlich nie wieder. Das ist traurig. Und doch nur Alltag.