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sh:z vom 29.12.2007


Von Andrea Paluch

Zu seinem fünften Geburtstag wünschte sich mein jüngster Sohn eine römische Galeere einer bekannten Spielzeugfirma. Er bekam sie und mein Mann und er saßen den halben Vormittag, setzten den Mast, rüsteten die Mannschaften aus, verteilten Schwerter, luden das Katapult, setzten Segel, stachen in See und führen übers Mittelmeer nach Britannien. Von dort, genauer von der irischen Insel, die die Römer nie zu erobern gesucht hatten und vermutlich auch nie hätten erobern können, kam an diesem Tag ein Glückwunschschreiben von einem Mädchen, das meinen Sohn gar nicht kannte. Und was schreibe ich „Mädchen“? Genau betrachtet ist Sarah eine junge Frau. Sarah war das älteste Mädchen der Familie, bei der ich nach der Schule ein Jahr als Au Pair verbrachte. Als unser jüngster Sohn geboren wurde, schickte ich ihnen eine Geburtsanzeige, ein Foto der ganzen Familie, um den alten Kontakt nicht ganz abreißen zu lassen, vielleicht aber auch aus irgend einem metaphysischen oder abergläubischen Bedürfnis heraus, denn damals hatte ich erstmals intensiv mit Kindern zu tun und eine mutterähnliche Verantwortung. Fünf Jahre später kam nun die Antwort. Sarah war jetzt so alt wie ich damals, als ich mit ihr auf dem Fußboden kniete und zwar keine Römer, aber doch Reiterhöfe und Feuerwehrstationen aufbaute, Figuren auf Plastikgäule setzte, Männer mit Gasmasken versorgte. Jetzt war sie gerade mit der Schule fertig und wollte als Au Pair ins Ausland gehen. Sie hatte kein Foto beigelegt. Ich stellte sie mir so vor wie ich damals aussah, obwohl sie blond ist. Oder blond war.
Ich erinnere mich an mich, damals. Irgendwie erwachsen und weg von Zuhause, aber irgendwie das Leben auch noch nicht angenommen. Es ist nicht leicht zu beschreiben, wie ich mich damals fühlte. Irgendwie dazwischen. Etwas Altes war vergangen, etwas Neues hatte noch nicht begonnen. So gab es ein Gefühl der Fremde. Und das hatte nichts damit zu tun, dass ich im Ausland lebte. Höchstens war das Ausland eine Art Bild dafür. Das Leben war fremd – und ich war neugierig und ließ mich voll darauf ein. Auf Irland. Ich hatte einen Freund, aber mir war klar, dass er nur in diese irische Zeit passte. Manchmal blieb ich die ganze Nacht weg, tanzte oder traf mich in einem Pub mit einer Freundin, nahm dann den ersten Bus morgens nach Hause, stieg zwei Stationen früher aus, um den Fahrpreis zu drücken und war, als Sarahs Wecker klingelte, grad so eben frisch geduscht und Au Pair einsatzfähig. Irgendwie war ich mittendrin im Leben und hatte doch keinen Überblick und wusste auch nicht, wo genau ich mich befand.
Ich überlegte kurz, ob ich Sarah anbieten sollte, Au Pair bei uns zu machen. Aber wir haben kein Zimmer, das wir ihr anbieten könnten. Nein, das mit dem Zimmer war es nicht. Ich blickte auf meinen Mann und meinen Sohn. Beide spielten versunken. Als Hilfe hätte ich ein Au Pair gut gebrauchen können, aber als Erinnerung, wie es damals war, wie es sich anfühlte, als ich neunzehn war, war es uninteressant. Das Gefühl der Fremdheit zwischen mir und meinem Leben ist verschwunden. Erwachsen sein, das ist eher wie wieder Kind werden. Konzentriert auf die Dinge, mit denen man sich beschäftigt, eins mit dem Leben um einen herum.
Die Galeere landete an einem unbekannten Strand. Die Römer gingen von Bord. Sie hatten keine Angst, sich zu verlaufen.