Textversion

Suchen nach:

Allgemein:

Startseite

sh:z vom 15.05.2010


Von Andrea Paluch

Ein Vulkan qualmt. Millionen Menschen können nicht fliegen. Die Kanzlerin steckt irgendwo im Stau, Nina Eichinger kann nicht am Finale von „Deutschland sucht den Superstar“ teilnehmen, weil sie in Amerika fest hängt. Tausende von Menschen sitzen in Urlaubsländern fest und die ersehnten Reiseziele verlieren plötzlich ihren Reiz und werden zu Orten der Langeweile, die man nicht schnell genug verlassen kann. Vermutlich wird die wahre Langzeitwirkung der Wolke nicht der Wirtschaftseinbruch der Luftfahrtbranche sein, sondern dass die Menschen nicht mehr so weit reisen, weil sie entdeckt haben, dass das Ausland auch nur ein anderes Land ist. Komisch, wie sich alles völlig umdrehen kann. Und nicht nur die persönliche Wahrnehmung.

Sinngemäß sagt Phileas Fogg in Jules Vernes „Reise in 80 Tagen um die Erde“, dass die Welt durch den technischen Fortschritt geschrumpft ist. Er meinte die Eisenbahn durch den amerikanischen Kontinent und die Dampfschifffahrtslinien über Atlantik und Pazifik. Von Flugzeugen hat er im besten Fall nur geträumt. Und nun zeigte ein Vulkanausbruch, dass die Erde noch immer ganz schon groß ist. Plötzlich war ein drei Stunden Flug wieder eine 3000 Kilometer-Distanz, für die man früher Jahre gebraucht hat. Ganz früher, meine ich. Heute gibt es wenigstens Busse, Bahn und PKW. Was als Verlangsamung empfunden wird, ist eigentlich immer noch eine Verzwanzigfachung der Grundgeschwindigkeit menschlicher Bewegung. Die Welt ist wieder gewachsen. Und das ist eine gute Nachricht, finde ich. Sie rückt die Perspektive zurecht, auch meine eigene. Nicht alles immer gleich verfügbar, schnell handhabbar, in Reichweite haben. Manchmal ist zuhause echt weit weg. Und in dem Maße, in dem die Erschwernisse steigen, sinkt wie in einer kommunizierenden Röhre der Pegel zwischenmenschlicher Distanz. Plötzlich gibt es Solidarität, plötzlich rückt Europa zusammen. In einer Art, wie es kein politischer Europawahlkampf je zu organisieren vermocht hätte. Es gibt spontane Fahrgemeinschaften an Autovermietungsständen, Menschen teilen sich Feldbetten und Wasser in Wartesälen. Vor allen Dingen gibt es eine geteilte Betroffenheit. Die Grenzen zwischen den Ländern sind weniger wichtig als die Frage, wie man sie überwindet. Die Schlange vor den Zügen betrifft alle und die, die einen Sitzplatz haben, wissen, dass sie nur Glück gehabt haben und dass sie das nächste mal selbst wieder stehen könnten. Diese geteilte Betroffenheit hat einen quasi mythischen Grund: Es ist die Hilflosigkeit des Menschen mitsamt all seiner Technik vor der Natur, wenn sie mal Ernst macht. Die großen Katastrophen – und die Aschewolke über Europa ist verglichen mit Erdbeben und Überschwemmungen oder Tsunamis keine – betreffen die Menschheit. Davon gibt es nun mindestens eine Ahnung, wenn sie auch im Alltag verdrängt ist und überdeckt. Aber diese Ahnung sollte wach gehalten werden und nicht einschlafen wie ein Vulkan. Sie schürt Misstrauen gegen das zu einfache. Denn letztlich fußt die Missachtung der Natur und die Verfügbarkeit der Welt auf der gleichen Tatsache. Dem Vergessen nämlich, dass wir auf einer verdammt dünnen Kruste leben.