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sh:z vom 16.05.2009


Von Andrea Paluch

„Auf Sicht fahren“ – den Spruch haben Sie sicher schon mal gehört und vielleicht sogar in letzter Zeit. Politikerinnen und Politiker benutzen ihn gern, um die Art ihres Regierens zu beschreiben. Besonders in Zeiten der Finanz- und Wirtschaftskrise wurde „auf Sicht“ zum Schlagwort dafür, dass Sicherheit, Umsicht und Vertrauen nach wie vor möglich sind. Allerdings sind die Politikerinnen damit unfreiwillig komisch. Denn „auf Sicht fahren“ bedeutet in der Sprache der Seeleute gerade, dass man nicht weiß, wo man sich befindet, dass man den Kurs verloren hat und unter Land fährt, immer entlang der Küste, um sich nicht zu verirren. Im Grunde ist „auf Sicht fahren“ ein Eingeständnis des Scheiterns. Aber ich will mich nicht über Politikerinnen lustig machen. Auch mir bescherte diese Metapher kürzlich eine kleine sprachliche Karambolage.
Wir waren in Italien und hatten uns ein Auto gemietet. Ich fuhr nicht. Schon grundsätzlich nicht gern, aber erst Recht nicht gern in italienischen Turbostädten, wo die Einbahnstraßen nichts gelten, die Hupen dafür alles, wo die Busse auf der linken Spur überholen und die Motorroller rechts, um sich dann ohne zu blinken vor einem einzufädeln. Andere mögen das als Herausforderung empfinden, das Monte Carlo-Rennen endlich einmal nachspielen zu können, ich nicht.
Dafür hatte ich die Karte auf den Knien – und konnte damit wenig anfangen. In so kurzem Wechsel führte uns der Verkehrsfluss durch das Straßengewirr, dass ich bald nicht mehr wusste, wo überhaupt Norden war. Die Stimmung im Auto war schnell gereizt. Die Kinder, die sich eben noch so schön gestritten hatten, verstummten plötzlich, weil ihre Eltern im Begriff waren, es ihnen nachzutun. Ich packte die Karte weg und versuchte mich zu erinnern, wo wir waren, erkannte die Brücke über den Arno, im Hintergrund den Dom, die Mauer, an der wir – noch ohne Auto - an einem glücklicheren Tag Picknick gemacht hatten, den Kreisel mit der gelben Tankstelle. Ich konnte plötzlich Hinweise geben, wie wir uns einordnen mussten und in welche Richtung es gehen sollte. Nur auf die gereizte Frage, „wo wind wir?“ konnte ich nicht antworten. Und auf die vorwurfsvolle Aufforderung, „schau doch auf die Karte“, sagte ich: „Das bringt nichts. Ich erkenn das besser anders. Ich fahre nach Sicht.“
Dann waren wir irgendwann draußen aus den Häusern. Dafür jetzt Weinberge, noch im Winterbraun, die Hügel der Toskana, die Erdfarbe, die an antike Terrakotta-Vasen erinnert. Und dazwischen eine Landstraße mit Schlaglöchern, die jede deutsche Diskussion über den Zustand unserer Straßen beenden würde, andauernder Wechsel der Tempobegrenzung, Überholverbote und die Gleichgültigkeit der Italiener gegenüber den Schildern in ihrem Land. Die Kinder waren wieder da und lasen die Geschwindigkeitsbegrenzungen laut mit und ich ließ mich anstecken und tat es ihnen nach: „Sechzig!“, sagte ich. Wir fuhren Neunzig. „Siebzig“ als wir hundertzehn fuhren. Und: „Da war jetzt Überholverbot“, als wir am Laster Rache für die Überholmanöver der Roller nahmen. Unser Fahrer schwieg. Halb konzentriert, halb vergrätzt ob der Kommentare. Und als ich das nächste Mal „achtzig“ sagte, wir fuhren vermutlich das Doppelte, kam die Antwort: „Vergiss die Schilder. Ich kann die nicht auch noch lesen. Ich fahre auf Sicht.“ Es ging alles gut. Wir gaben das Auto am nächsten Tag unzerstört wieder ab. Hoffentlich wird es den anderen Auf-Sicht-Fahrern-und-Fahrerinnen ähnlich gehen.