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sh:z vom 12.07.2008


Von Andrea Paluch

Heinrich von Veldeke war ein mittelalterlicher Dichter. Sein bekanntestes Werk ist der Eneas-Roman, sozusagen die Fortsetzung des Homerischen Epos mit deutschen Mitteln. Wobei, „deutsch“ waren sie gar nicht, eher „mittelhochdeutsch“, eine literarische Kunstsprache des höfischen Adels. Nur leider ist gar nicht sicher, dass Heinrich Mittelhochdeutsch beherrschte. Der Eneas-Roman ist eine Abschrift. Andere Schriften aus seiner Hand sind auf Limburgisch überliefert, so dass Forscher eine Zeit lang der Meinung waren, auch der Eneas-Roman war in der mutmaßlichen Mundart seiner Heimat geschrieben. Und sie rückübersetzten ihn, um das Original zu imitieren. Es entstand ein Text, den es so nie gegeben hatte. Die Idee, den Ursprung zu rekonstruieren, wurde zu einer abenteuerlichen Fiktion.
Wie entstand die Welt? Am Anfang war, so lehrt die Physik, der Urknall, die Einheit von Masse, Raum und Zeit, aus der erst Raum und Zeit entstand. Klingt irgendwie wie die Schöpfungsgeschichte, nach Wunder oder Gott. Vorstellen kann man sich eine Verdichtung ohne Raum, Zeit oder Materie jedenfalls nicht und so eine richtig gute Erklärung, wie alles anfing, scheint mir das auch nicht zu sein. Denn wie sollte etwas aus nichts entstehen? Die Idee, den Ursprung der Welt gegen die Religion physikalisch zu erklären, führte zu einer mythischen Formel, deren Ergebnis immer länger auf sich warten lässt.
Bekannt ist, dass viele alte Kulturen, vor allem die rund um das Mittelmeer, ähnliche Grundmuster in ihren Legenden haben. Ein göttliches Kind, ein ausgesetztes Kind, eine Sintflut, Kometen als Boten von Unheil, jungfräuliche Geburten – woher stammen diese erstaunlichen Parallelen? Es wurde ein Urmythos ersonnen, eine Zivilisation vor allen anderen Zivilisationen, Atlantis, dessen Untergang durch einen Kometeneinschlag besiegelt wurde und dessen Flutwelle sich als Sintflut ins Gedächtnis der Menschheit eingrub. Um die Legenden zu erklären, wurde eine neue Legende ersonnen – eine fiktionale Rolle rückwärts, ganz wie bei Heinrich von Veldeke.
Aber könnte es nicht auch sein, dass verschiedene Kulturen die gleichen Erzählmuster für ganz unterschiedliche Ereignisse fanden? Dass Wasser und Überschwemmungen als Strafe für Sünden begriffen wurden, kann so universell sein wie das Inzestverbot. Wissen wollen ist das eine. Das andere ist die Fixiertheit, das Starren, der Glaube an die Einmaligkeit, Unteilbarkeit und Einzigartigkeit von Ursprüngen. Viel beruhigender finde ich, dass alles immer irgendwie ungeordnet war, ein großes Kuddelmuddel, das man aushalten muss und nicht künstlich auf einen Ursprung zurückführen. Ich glaube nämlich, dass das Festlegen auf eine klare und eindeutige Wahrheit eines der Grundübel ist, die unsere Leben so schwierig machen.
Neulich stritt ich mich mit einem mir sehr lieben Menschen. Es war ein dummer Streit um nichts, was Bedeutung hätte. Aber wir steigerten uns rein, weil wir beide immer weiter analysieren wollten, wer denn eigentlich Schuld habe, wer denn angefangen hatte, wer denn als erstes einen Fehler gemacht hatte. Aber wie weit sollten wir zurückfragen? Bis an den Anfang des Streits? Bis zum Mittag, wo wir dem Streit noch ausgewichen waren? Bis zu unserem letzten Treffen vor zwei Jahren, weil wir ihn da nicht führten? Das kommt zu keinem Ende und ist eben deshalb sinnlos. Der Glaube nach einer eindeutigen Wahrheit bedeutet meistens nichts anderes, als dass man Schuld auf sich lädt.