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sh:z vom 15.08.2009


Von Andrea Paluch

Vollständiger Titel: Autos ohne Dach und das Ding, um Eierschalen zu brechen

„Ich hol dich ab“, sagte mir neulich jemand. „Ich hab ein Auto ohne Dach.“ Es gibt Menschen, die weigern sich das Wort „Cabrio“ auszusprechen. Und das ist aller Ehren Wert. Denn es gibt andere, die bauen wahre Wortungetüme.
Während ich dies schreibe, ist mein Liebster unterwegs zu einem Kongress über „Polyamourösität“. „Das ist bestimmt was Unanständiges, kriegst du wenigstens Geld dafür?“, fragte ich zum Abschied. Er meinte, diese Frage sei selbst wiederum unanständig „renditeorientiert“. Auch so ein Adjektiv. Können die Banker nicht einfach sagen, dass sie reich werden wollen? In diesem Kontext noch ein paar Schönheiten, alle abgeschrieben aus den Papieren, die bei uns durchs Haus fliegen und Spuren von Beschäftigung oder Achtlosigkeit hinterlassen, ich bin mir da noch nicht ganz sicher, was es ist. „Kreditrisikomanagement“, „Risikoquantifizierung“, „Risikostrukturausgleichsfonds“- also mit Risiko, da haben sie es ja derzeit. Man muss aber offensichtlich mindestens drei, vier Worte dran klatschen, um zu verheimlichen, dass die Lage echt bescheiden ist. In diesem Zusammenhang ein Satz aus einem Geschäftsbericht einer Bank, den ich neulich las und der echt Mut macht: „Insgesamt wird die Risikolage als beherrschbar beurteilt“. Na denn.
Schön ist auch „Solardachflächenkataster“ – da weiß man sofort, was gemeint ist und hat so richtig Lust auf Sonne. Eine wahre Fundgrube sind die Namen der Gesetze, die unsere Politiker verabschieden. Man liest sie und weiß, da sind Leute mit höchstem literarischem Fingerspitzengefühl am Werk. Wer würde sonst darauf kommen, ein “Bürgerentlastungsgesetz“ einzuführen, ein Gesetz also, das regelt, dass es weniger zu regeln gibt. Oder das „Infrastrukturplanungsbeschleunigungsgesetz“, das den schnelleren Netzausbau für erneuerbare Energien regeln soll. Wenn allerdings die Bauphase so lange dauert wie die Lesezeit, dann werden die Windmüller noch ein Weilchen ihren Strom umsonst produzieren (während wir unseren teuer bezahlen).
Vielleicht sind diese Wortungetüme Reaktionen auf die Tendenz zur Verkürzung im umgangssprachlichen Bereich. Inspiriert von SMS-Kürzeln höre ich bei mir zuhause Sachen wie „Lol“ (Laughing out loud), „NP“ (no problem), aber auch „KoB“ (Kämpfen ohne Berühren), das meistens in „KmB“ (Kämpfen mit Berühren) endet. Am witzigsten finde ich eigentlich „NAs“ (Nicht Andrea sagen). Der Kreativität in jede Richtung sind eben keine Grenzen gesetzt.
Die einen fahren zu Polyamourösitätskongressen, die anderen kümmern sich um die Risikoquantifizierung. Ich packe ein Geburtstagsgeschenk ein (gleich, wenn diese Kolumne fertig ist). Ich habe es auf einer Lesereise („Lesereise“, das geht noch) in Leipzig gefunden und weiß eigentlich nicht genau, warum ich es gekauft hab. Ich kann nicht ausschließen, dass es mit seinem Namen zu tun hat. Wahrscheinlich meine ich es ironisch. Was es ist? Eier kann man auf drei Arten öffnen: köpfen (das ist ein Wort!), pellen (das auch) oder man setzt ihnen eine Art Haube auf und lässt entlang eines Stabes eine Kugel auf die Haube sausen, so dass die Schale knackt und man sie vom Eiweiß ziehen kann, ohne dass es beschädigt ist. Dafür braucht man natürlich einen Eierschalensollbruchstellenverursacher – oder besser ESSBSV.