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sh:z vom 26.01.2008


Von Andrea Paluch

Er gehört zu den ältesten Weisheiten. Und er hat bis heute nichts von seiner schönen Schlichtheit eingebüßt, der Spruch: „Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss.“ Überliefert wurde er von dem griechischen Philosophen Heraklit. Und seine Bedeutung ist gleichzeitig klar und vielschichtig, wie es große Literatur eben ist. Zunächst einmal meint er, dass ein Fluss sich ständig erneuert, weiter fließt, sich verändert. Das Wasser des Flusses ist nie das gleiche. Darin gleicht er dem Leben. Kein Morgen gleicht dem anderen. Kein Tag verspricht so zu werden wie der vorherige. Im Trott des Alltags bemerken wir es oft nicht und wir klagen darüber, dass wir nun schon seit 14 Tagen das gleiche Mistwetter haben – falsch ist es trotzdem. Denn auch der Regen ist nie der gleiche, auch die Arbeit nicht, das Essen nicht, noch nicht mal der Schlaf. Es ist wohltuend, sich daran zu erinnern. Manchmal, wenn einem die Decke auf den Kopf fällt, hilft die Ermahnung, auf die Unterschiede zu achten und nicht die scheinbare Gleichheit zu sehen. Klar, das hat etwas von Selbstsuggestion. Aber schlau ist es trotzdem.
Doppeldeutig wird Heraklits Satz, wenn man die Veränderung nicht nur auf den Fluss bezieht, sondern auch auf das „man“, auf den Menschen, auf sich selbst. Denn in der Zeit, durch jedes Bad, durch jeden Tag, durch jede Handlung verändern wir uns ja auch. An Kindern sieht man es gut, bei Erwachsenen achtet man nicht mehr darauf. Dennoch, derjenige, der jetzt diese Kolumne liest, ist nicht derselbe, der sie letzte Woche las – auch wenn die Fingerabdrücke die gleichen sind. Über die Frage, was denn den Kern des Menschen, seine Identität bei aller Wandlung und aller Veränderung ausmacht, haben die Philosophen seit langem gestritten und so manches Buch geschrieben. Heraklit gibt eine so faszinierende wie schwierige Antwort: Das Baden im Fluss macht den Mensch aus. Seine Erlebnisse, seine Erfahrungen, seine Taten, seine Entscheidungen, sein Sich-dem-Leben-Stellen ist es. Der Mensch ist nicht immer der gleiche, kein fest gefasstes Individuum, das unveränderlich ist, er ist der, der er ist, durch sein Leben. Und damit wird es kompliziert. Denn wenn der Lebensfluss selbst in beständiger Veränderung begriffen ist und wenn eben jener Fluss es ist, über den sich der Mensch begreifen kann, dann hat man zwei veränderliche und veränderbare Größen, die sich stets zu einer neuen Antwort treiben und aufschaukeln. Eine ein für allemal gültige Aussage ist so nicht zu treffen. Ständig muss man sich und sein Leben neu überprüfen, neu finden. „Alles fließt.“ Das ist der zweite überlieferte Satz von Heraklit. So simpel wie weise. Was auf den ersten Blick als paradox und problematisch erscheint, ist auf den zweiten eine großartige Einsicht, eine Chance. Es ist eine Herausforderung, vielleicht eine Überanstrengung, es ist ziemlich viel verlangt. Aber letztlich ist er eine andere Formulierung dafür, dass der Mensch frei ist. Denn wenn das Leben klar umrissen wäre, abgesteckte Grenzen hätte und sich nicht ständig erneuern würde, mit neuen Chancen, neuen Möglichkeiten überraschen, dann wäre es ein Schwimmbad, kein Fluss. In einem Schwimmbad steigt man öfter als zweimal in das gleiche Wasser. Es wird lediglich regelmäßig nachgechlort – je nach dem Grad der Verschmutzung.