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sh:z vom 08.03.2008


Von Andrea Paluch

Früher spielte ich Querflöte. Als Schülerin tingelte ich mit Freundinnen durch die Urlaubsbäder an der Nordsee und machte Straßenmusik. An den Uferpromenaden sammelten wir das Wechselgeld der Touristen nach dem Eiskauf und kauften uns davon selbst ein Eis (und manchmal ein Bier). Großartig war es, in den Bettenburgen-Schluchten der Hotels Haydn zu spielen, wenn der Hall unsere Musik zwischen den Wänden hin und her warf. Und einmal, in Cuxhaven, kamen alle Urlauber auf die Balkone und ließen aus zehn oder zwölf Stockwerken Münzen auf uns herabregnen. Es war wie in einem Amphitheater.
Wir fegten das Geld zusammen und sammelten es in einen schwarzen Hut, dem wir ein buntes Band umgebunden hatten.
Den gleichen Hut hatte ich dabei, als ich in meinen ersten Semesterferien nach Italien trampte, mit meinem damaligen Freund und späteren Mann. Ich spielte vor dem schiefen Turm von Pisa, diesmal solo. Und der Hut füllte sich erstmals auch mit Geldscheinen, was allerdings der damaligen italienischen Währung und ihrer hohen Inflation zu verdanken ist, weniger dem Wert meiner Kunst. Jedenfalls konnten wir ohne Geld reisen, für Brot, Wein und Tomaten, die wir auf den warmen Steinstufen des Doms schnitten, reichte es allemal.
In Lucca, wohin wir wanderten, kam nach zehn Minuten eine Polizistin und forderte eine offizielle Straßenmusikerlaubnis. Einmal noch wich ich an einen anderen Ort aus, aber Lucca besteht im Grunde nur aus dem großen, ovalen Marktplatz und ruckzuck stand die Polizistin wieder vor mir. Ich packte Hut und Querflöte ein und das war’s. Nur noch ein einziges Mal machte ich Straßemusik, vor der kleinen Meerjungfrau in Kopenhagen im November bei bissigem Ostwind. Mir taten die Finger beim Spielen weh und die Japaner gingen achtlos an mir und meinem Hut vorbei.
Jetzt fiel er mir wieder in die Finger. Beim Aufräumen einer Verkleidungskiste, in der meine Kinder Schwerter, Leopardenmasken und Indianerkopfschmuck horten. Ich rettete ihn auf meinen Schreibtisch. Ich könnte nicht genau sagen, warum.
Am nächsten Morgen sah mein Mann den Hut. Er grinste. Ich ging davon aus, dass er an unsere erste gemeinsame Reise nach Pisa dachte. Aber da habe ich ihm wohl zu viel Sentimentalität unterstellt. Er dachte an ein Missverständnis. (Das allerdings hatte dann doch etwas mit Pisa zu tun.) Als ich nämlich damals, bevor wir lostrampten, meinen Hut einpackte und er mich fragte, was ich damit wolle, antwortete ich: „Mit dem Hute in der Hand, kommst du durch das ganze Land!“ Das hat meine Oma immer gesagt, eine von vielen Lebensweisheiten, mit denen ich aufgewachsen bin. (Allerdings nicht die beste. Die beste heißt: „Gibt Gott Häschen, gibt er auch’s Gräschen“.) Als wir dann abends in Pisa die Tomaten schnitten, wiederholte ich ihn. Mein damaliger Freund und jetziger Mann blickte mich scheel an und wischte sich das Tomatenmesser an der Hose ab. Er war nämlich mit dem gleichen Spruch aufgewachsen. Allerdings mit einer komplett anderen Bedeutung. Hieß er für meinen Mann – und ich befürchte, das ist die richtige Interpretation – „wenn du höflich bist und immer den Hut ziehst, dann ist dir Erfolg und Achtung sicher“, hieß er für mich: „Wenn du jemanden um etwas bittest, hilft er dir auch.“ Wir stritten uns damals ein wenig darüber. „Lieber Bettler als Spießer“, sagte ich. Und er sagte, dass er mich genau wegen dieser Haltung liebt. An dem Morgen im Arbeitszimmer sagte er jedoch: „Darüber solltest du mal eine Kolumne schreiben.“ Und hier ist sie.