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sh:z vom 04.10.2008


Andrea Paluch

Während der Sommerferien und dem dazu gehörigen Urlaub wurde uns aus einem verschlossenen Jugendherbergs-Familienzimmer ein Handy geklaut. Es war ein ziemliches Hochsicherheitsjugendherbergszimmer in einer skandinavischen Großstadt. Zum Beispiel fuhren die Aufzüge nur mit dem Schlüssel auf keine andere als die entsprechende Etage. Das Handy war vierzehn Tage alt und tot schick. Mein ältester Sohn hatte lange Zeit geduldig sein Taschengeld gespart und sich endlich, endlich seinen sehnlichsten Wunsch erfüllt. Da es in einer Handy-Socke steckte und diese im Zimmer lag, war es ausgeschlossen, dass es beim Schaufensterbummel verloren gegangen war. Wir hatten unserem Filius sogar noch geraten, das Handy im Hostel zu lassen, damit es in der Stadt nicht verloren gehen würde.
Nachdem wir den Verlust bemerkt hatten, in diesem Fall muss man wohl von Diebstahl reden, denn ein jemand hatte seine Mineralwasserflasche bei uns im Zimmer vergessen, meldeten wir das sofort bei der Rezeption. Dort wurde alles fleißig notiert. Dann gingen wir zur Polizei. Ein unwirklicher Spaziergang durch den Kopenhagener Morgen schon da – unwirklich, weil die Nachtschwärmer gerade nach Hause kamen, die Müllmänner die Arbeit aufnahmen, die Stadt noch döste. Unwirklich zum anderen, weil ich schon fühlte, was ich jetzt schreibe: Es war ein sinnloses Unterfangen. Die Polizisten notierten ebenfalls alles fleißig. Und uns war trotzdem klar, dass das Handy verloren war und das Suchen keinen Zweck hatte (das Gerät war allerdings gesperrt und der Dieb konnte es noch nicht mal benutzen). Was bemerkenswert war, war das Gefühl der Ohnmacht. Es bezog sich nicht darauf, dass wir beklaut worden waren, sondern dass wir nicht beweisen konnten, dass wir beklaut worden waren. Wer sagt denn, dass wir das Handy auch wirklich mit hatten? Oder wer hindert Betrüger, nicht noch eine Brieftasche mit 10000 Kronen drauf zu legen? Wie beweist man einen Verlust? Kann sein, dass routiniertere Tatort-Zuschauer als ich darauf eine Antwort haben. Ich sehe es eher philosophisch. Etwas zu beweisen, was es nicht mehr gibt, das ist schwer möglich. Liebe kann sich in Taten und Worten zeigen, dass man jemanden geliebt hat, ist nachträglich nicht mehr zu beweisen, nur zu behaupten. Glück zu haben, das kann man feststellen, kein Glück zu haben ist eine schwierige Aussage, jedenfalls so lange sie nicht in „Pech haben“ umschlägt.
Etwas nicht zu besitzen, schrieb einmal der dänische Philosoph Sören Kirkegaard, ist der Weg zur Freiheit. Und die großen Freigeister erlangten ihre Unabhängigkeit oft, indem sie sich von allem Besitz trennten. Diogenes lebte in einer Tonne, die Heiligen fasteten in der Wüste, Rimbaud, Hölderlin, Lenz gaben alles auf – sogar ihren Verstand. Na, denke ich mir, Kirkegaard schön und gut, aber etwas freiwillig nicht zu besitzen oder beklaut zu werden ist doch wohl ein Unterschied. Und es ist einer, der aufs Ganze geht. Bei mir und uns stellte sich jedenfalls keine positive Verlusterfahrung ein, stattdessen Hilflosigkeit. Die schlägt entweder in Wut um oder in Melancholie. Oder, wenn man das Glück hat wie ich darüber schreiben zu dürfen, in eine Kolumne.