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sh:z vom 14.02.2009


Von Andrea Paluch

„Du schreibst doch diese Kolumne – mach doch mal einen Blog“, wurde mir neulich gesagt. Meiner unmittelbar ausgelösten Abwehrhaltung zum Trotz fragte ich wie das gemeint war. Schriftsteller und Schriftstellerinnen haben ja ihren Preis und das heißt umgekehrt auch, dass sie in einem gewissen Maß käuflich sind. Aber mein Gegenüber hatte mir kein Job-Angebot gemacht sondern wollte, dass ich auf meiner Homepage täglich oder zweitäglich ein kleines Stückchen zu irgendwas schreibe. „Ich stell doch dauernd was Neues auf die Seite, unter anderem auch die Kolumnen“, antwortete ich. „Ne, das ist es nicht. Ein Blog, da kann jeder drauf antworten. Das ist interaktiv. Da kann jeder seine Meinung sagen.“ So sehen Idealisten das Internet: subjektiv, demokratisch und irgendwie anarchistisch, wild, cool. Und die Blogger, das sind Szene-Typen mit Ziegenbärten, Ohrringen und Punkfrisuren. „Und was, wenn die meine Kolumnen oder Blogs nicht mögen? Warum sollte ich jemanden auffordern, mir seine Meinung zu sagen, wenn ich auch ohne seine Meinung gut klar komme?“, fragte ich. „Weil das die Leute mögen. Weil du dann richtig viel traffic auf deine page kriegst. Nur 5% der Leute im Internet informieren sich über die klassischen Seiten. Die allermeisten holen sich ihre Infos aus Blogs. Und dann, wenn du ganz viele followers hast, dann kannst du auch Inhalte setzen. Zum Beispiel kriegen viel mehr Leute mit, wenn du ein neues Buch hast.“ Ich musste noch eine Weile auf traffic, page und followers rumkauen und war nicht sicher, dass ich alles verstanden hatte. „Ich hab grad ein neues…“, sagte ich unkonzentriert. „Eben!“, sagte er. „Ja, aber jetzt ist es für das Buch schon zu spät.“ Ich wusste nicht, was Ursache und was Wirkung war, seine krude Sprache, die mir das Thema Blog verleidete oder mein Misstrauen gegen Blogs, das mich plötzlich mit Sorge erfüllte, die Internetkommunikation könnte unsere Freundschaft zerstören. Und schließlich konnte ich den Gedanken nicht abschütteln, dass nicht jeder alles sagen muss. Ziemlich undemokratisch, ich weiß. Dennoch las ich einige Blogs. Und einige waren tatsächlich witzig, ironisch, persönlich, fast wie Literatur. Anarchistisch und utopisch schien mir das alles jedenfalls nicht zu sein. Eher ein neues Geschäftsfeld. Die Hälfte der Blogs, die ich mir anschaute, war professionell und klar in eine Kommerzstrategie eingebaut, genau wie mein Freund gesagt hat. Was sie unterschied von einer Kolumne, einem kleinen Essay wie diesem, war der Ton. Er war irgendwie schrill, irgendwie reißerisch, irgendwie so, als sei das, was jetzt erzählt würde, das einzig Interessante, was an diesem Tag passiert ist. Eine Kolumne wie ich sie mag folgt einem Gedanken auf seinen Wegen und Umwegen, aber immer in der Bescheidenheit, dass er keine Nachricht ist. Zu einer Kolumne passt ganz gut eine warme Tasse in der Hand und vielleicht der Geruch von Brötchen. Den Laptop hochzufahren um sie zu lesen, das passt nicht zu ihr. Und jeder und jede soll seine oder ihre Haare so tragen, wie er oder sie will.