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sh:z vom 26.09.2009


Von Andrea Paluch

Viggo Vampir ist die Hauptfigur eines Buchs, dessen Lektüre ich neulich das Vergnügen hatte, beizuwohnen. Und es war tatsächlich ein Vergnügen. Denn Viggo, bereits sechzig Jahre alt, ist nach Vampirjahren noch immer ein Kind, gerade alt genug, um in die Schule zu gehen. Und – er hat noch nie Blut getrunken. Blut, das muss für ihn so etwas sein wie Fernsehen und Chips für Menschenkinder. Für ihn war die Nacht der Tag und jedes Mal vor dem Einschlafen wünschte ihm seine Mutter einen „guten Morgen“. Es entspann sich ein lebhaftes Gespräch über die Analogie des Tierreichs mit Vampiren (Fledermäuse), über aktuelle Bestseller und der größte meiner Jungs zapfte (das sagt man so in diesem Fall) sein scheinbar nie enden wollendes Geschichtenrepertoire an und gab Graf Dracula zum Besten, inklusive Pfählung von Gefangenen und dem Treiben eines Holzpflocks durch das Herz des schlafenden Vampirs. Es ging um Verstümmelungen und Aberglauben. Die Begeisterung bei denen, die noch unterhalb der Alterbeschränkung für solche Grausamkeiten waren, kannte keine Grenzen. Und einen halben Tag lang tauschten Jungs und Halbmänner (sagt man so, in diesem Kontext) Halbwissen aus, wie fest das Gewebe eines Menschen ist, ob man das Herz sicher treffen könne und wie viel Blut man verlieren könne, bevor man sterben würde.
Die Probe aufs Exempel wurde in der Nacht gemacht. Eigentlich hätten mich die vielen Kadaverreste an der Zimmerwand vorwarnen müssen. Zerquetschte Mückenleiber sprenkelten Decke und Tapete. Meist waren sie gerahmt von einer orange-roten Corona: Menschenblut. Hier waren meine Artgenossen gefoltert und ausgesaugt worden. Aber ich las die Zeichen an der Wand nicht, jedenfalls nicht achtsam genug. Und als ich in der Nacht wach wurde, lag das noch nicht einmal am Jucken meiner eigenen Stiche, sondern am Wälzen der Kinder, die sich die Arme und Beine rieben. Ich machte Licht. Und sah eine Mücke direkt auf dem Arm des Mannes neben mir, schlug drauf und weckte ihn damit. Das war der Beginn eines Nachtkriegs. Ob es die Geschichten über Massaker und Pfählungen waren oder sportlicher Ehrgeiz. Jetzt ging es den Mücken an den Kragen und die Wand bekam eine Reihe von Flecken hinzu. Das ließ sich leider nicht bewerkstelligen, ohne die Kinder ebenfalls zu wecken. Also beendeten wir die Aktion bald wieder. Zu bald. Denn kaum war das Licht gelöscht, irrte der Fiepton wieder durch den Raum, an mein Ohr. Ich schlug mir selbst auf die Backe und konnte nicht sagen, ob ich das Vieh erwischt hatte oder nur der Knall meines Schlags das Fiepen übertönte. Inzwischen juckten auch meine Arme. Ich suchte die Salbe, mit der ich eben noch die Kinder eingecremt hatte. Die Lichtpause wurde eiskalt für eine zweite Mordwelle an den Blutsaugern genutzt, aber es waren noch immer welche entkommen. Und eine Mücke reicht, obwohl so unendlich viel kleiner, einem Menschen den letzten Nerv zu rauben. Bis morgens um halb fünf wogte der Kampf. In den erschöpften, genervten, gereizten Phasen deckten wir uns T-Shirts über das Gesicht und atmeten nur noch durch ein Luftloch wie Seehunde im Eis. Am nächsten Tag holte ich einen Staubsauger und saugte die letzten Winkel ab – mit gutem Erfolg. Ein Blick an die Wand machte mich froh, dass wir zwar für die Endreinigung, nicht aber für eine Zwischenrenovierung bezahlen mussten.
Als wir endlich einschliefen, wünschte ich allen einen „Guten Morgen“, packte aber das Viggo-Vampir-Buch beiseite. Opfer von Blutsaugern sind abergläubisch.