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sh:z vom 04.04.2009


Von Andrea Paluch

Wenn man auf einer Leserreise, sagen wir nach Dortmund, Aurich oder Erfurt ist, dann weiß ich nur eines sicher: Bahnchef Hartmut Mehdorn ist nicht mein Freund. Dass man an Adventssamstagen nur halbe ICEs einsetzt, dass Leute stundenlang in überfüllten Waggons stehen müssen, dass man ab 22.30 von Hamburg nur über Kiel nach Flensburg kommt, vom Umsteigen nachts in Neumünster nicht zu reden, das ist einfach alles unglaublich. So vertrieb ich mir die Warte- und Leidenszeit mit Lesen (oder wie jetzt grad mit dem Laptop auf den Knien). Für ein Seminar, das ich kürzlich gab, las ich eine Biographie über Bertolt Brecht. Und plötzlich begriff ich, mit eingeklemmten Beinen und gestauchtem Blutfluss, was Brechts Flucht, was das Leben nach 1933 wirklich bedeutete. Nicht nur, dass Brecht mit seiner ganzen Familie, die ja bekanntermaßen aus mehr als einer Frau bestand, nicht nach Westen fuhr um nach Amerika auszuwandern, sondern mit der Transsibirischen Eisenbahn quer durch Russland nach Wladiwostock. Was er wohl über die Wartezeiten und die Überfüllung der Züge gesagt hat… Neben der Reise durch ein von Stalin geknechtetes und von Hitler bedrohtes Land ist daran vor allen Dingen besonders, dass die Welt nach Westen sozusagen abgeschnitten war. Ich wusste natürlich ungefähr den Front- und Kriegsverlauf im zweiten Weltkrieg, aber welche Auswirkungen das auf die Weltperspektive derjenigen hatte, die um Deutschland herum wollten, das hatte ich mir so genau nie klar gemacht. Überhaupt – die Perspektive auf und aus Deutschland. Brecht floh 1933 nach Svendborg in Dänemark. Immer wieder besuchten ihn Freunde, Bekannte wie Walter Benjamin oder Hanss Eisler. Aber die Perspektive war die, dass die Freunde nicht kamen, sondern starben. Nach dem Sieg von Franco in Spanien und dem Schulterschluss Stalins mit Hitler im Jahr 1939 schwanden alle Hoffnungen auf eine Eindämmung des europäischen Faschismus und unzählige Freunde Brechts begingen Selbstmord oder wurden in der Haft ermordet.
Die, die nicht starben, flüchteten in die USA. Die meisten Migranten versuchten ihr Glück in Hollywood. Los Angeles oder „New Weimar“ beherbergte 1940 deutsche Intellektuelle einer ganzen Epoche. So auch schließlich Brecht, nachdem er die Odyssee im Zug nach Wladiwostock geschafft hatte, nachdem er seine ganze Gruppe auf einem Frachter untergebracht hatte, der allerdings keineswegs direkt nach Kalifornien dampfte, sondern den Umweg über die Philippinen nahm (was klag ich über den Umweg über Kiel…) und schließlich in Mexiko landete. Sonderlich erfolgreich war Brecht jedoch in den USA nicht. Er sprach schlecht Englisch und seine Stücke wurden nur in kleinen Theatern gespielt, vom Broadway keine Rede. Dabei bemühte er sich durchaus um größeren Erfolg, litt unter Prestigeverlust und Geldknappheit. Den großbürgerlichen Thomas Mann konnte er auch deshalb nicht gut leiden, weil dieser erfolgreicher war als er selbst. Als Brecht vor das McCarthy Tribunal geladen wurde und des Kommunismus beschuldigt wurde, sagte er, dass er nie Kommunist gewesen sei. Bis heute streiten sich die Literaturgelehrten, ob er gelogen oder „Mitglied der kommunistischen Partei“ gemeint hat. Letzteres war er zweifellos nicht. Ich meine jedoch, dass er auch ersteres nicht war. Er war nur ausgehungert nach Anerkennung. Die wurde ihm dann in der DDR zuteil. Und auch seine Rückreise war eine Katastrophe, jetzt weil Deutschland in Besatzungszonen aufgeteilt war und man Stunde um Stunde am Grenzübergang warten musste. Die Zugfahrten verschleppten sich Stunde um Stunde, Tage um Tage. Als dann schließlich die Kommunisten sagten: „Hier bist du am Ziel, hier bist du willkommen“, da sagte Brecht: „Okay, ich gehöre dazu.“ Und die Moral meiner Brecht-Lektüre im Zug: Die Bahn sollte vorsichtig sein, was sie uns alles zumutet.