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sh:z vom 08.08.2009


Von Andrea Paluch

Wenn man wandert, schärft sich der Blick für die Kleinigkeiten am Wegrand. Hitze, Gerüche, Farben, alles nimmt man genauer auf und versucht ihnen Namen und Beschreibungen zu geben. Und die Namen, die man quasi am Wegrand aufliest, die versucht man zu deuten und auf die gesehenen Eindrücke zu beziehen. Nicht immer ist das richtig, aber es ist unterhaltsam, wenn man sich mal die Ortsnamen ansieht.
Ich finde, die Endungen der Ortsnamen im Norden gehören zu dem Schönsten und Ungewöhnlichsten in dieser an Ungewöhnlichem reichen Landschaft überhaupt. Neustadt und Oberdorf, ja, das hat jeder. Aber wer wohnt schon in einem Ort, der –büll heißt? Niebüll, Wallsbüll, Pobüll, Dagebüll – und in dem die Hunde einem hinterher laufen, wenn man ihn durchwandert. Und wie bellen die Hunde da? Richtig, sie bellen nicht, sie büllen. Kommt also der Name Wallsbüll von seinen Hunden? In dem dicken Buch meines schlauen Mannes (das schreibe ich jetzt nur wegen des Witzes. Besser so als anders rum: das schlaue Buch meines dicken Mannes… In Wahrheit ist das Buch beides, dick und schlau und mein Mann spielt keine Rolle, außer dass er es mal angeschafft hat) steht nichts von Hunden, sondern von „bo“, dem Wikingerischen „bauen“, im Dänischen heute noch „wohnen“, im Englischen heißt es noch „to build“. –bülls sind also menschliche Behausungen, aber eben noch keine Burgen oder Städte.
Nisse kennt man, von Nis Puk und den dänischen Weihnachtsnissen. Leben die alle in Habernis oder Arnis? Und gleichen nicht die Landzipfel mit diesen Namen ihren Zipfelmützen? Vielleicht ja, doch haben Nisse auch Nasen und es ist unschwer zu erraten, dass die –nisse Landnasen sind. Landnasen? Na ja, vielleicht sagt man eher Halbinseln oder Landzungen. Aber warum eigentlich? Ein anderes Wort für –nis ist –huk. Es meint das gleiche und ist mit dem „Haken“ verwandt, also ein Landhaken, oder, nimmt man Nase und Haken zusammen, ein ganz schöner Land-Zinken!
Lustig war die Erkenntnis für alle Orte, die auf –bek enden. Das hat nichts mit Ziegen zu tun, die beken, mit Bäckern, deren Tun vielleicht in einer altsächsischen Form nicht „buken“ sondern „beken“ hieß und auch nichts mit dem Nachnamen meines Mannes, der schon Großgrundbesitzergelüste bekam, als wir durch ein –bek nach dem anderen wanderten. Bek ist ein anders Wort für Bach. Und all die Orte verkünden im Namen, dass sie am Wasser liegen. Dass –burg „Burg“ bedeutet, -dal „Tal“ und „-büttel“ nichts mit dem verächtlichen Wort für einen unterwürfigen Knecht zu tun hat, sondern Ähnliches beschreibt wie –büll, darauf kann man kommen. Aber was hat es mit -holm auf sich? Stapelholm, Lindholm, Maasholm… Vielleicht irgendein Buchstabendreher verwandt mit dem Englischen „home“? Wieder ein Zuhause? Die alten Germanen schienen ganz schön viel Heimweh zu haben auf ihren Raubzügen. Andererseits, wir waren in Oslo mal am Holmenkolm, der Skisprungschanze. Die war ganz schön hoch. Holm – Höhe? Volltreffer, sagt der Wälzer (nicht mein Mann jetzt). Holm bezeichnet einen höher gelegenen Ort, von Sumpf oder Wasser umgeben. Die Sümpfe oder Wasser heißen –noor, -moos, - siek. Sie bilden das Gegenteil von –lund (Hattlund, Ellund, Schafflund…). Das waren nämlich die großen Waldgebiete, von denen es, glaubt man den Namen, echt viele gegeben haben muss. Die ollen Vorfahren haben sie fast alle abgeholzt. (Eine Idee für RWE könnte doch sein, wenn sie ihr CO2 schon binden wollen, dies oberirdisch zu tun und die Eichenwälder wieder aufzuforsten…) In der Sprache jedenfalls bleibt die Spur der Vergangenheit erhalten.