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sh:z vom 07.06.2008


Von Andrea Paluch

Unser ältester Sohn war noch keine drei, als wir für ein paar Monate die Chance bekamen, in Dänemark zu leben. Im Rahmen eines Stipendiums wohnten wir in dem alten Strohdachhaus, das Bertolt Brecht 1933 auf seiner Flucht vor den Nazis bezog und bis 1938 bewohnte. Es liegt direkt am Svendborg Sund, hat einen eigenen Steg und einen großen Garten und richtet seine Fensterfront direkt nach Süden aufs Meer. Schöner, dachten wir, kann man in Mitteleuropa eigentlich nicht wohnen. Bis ein Fernsehteam der Deutschen Welle kam, das auf den Spuren Bertolt Brechts einen Dokumentarfilm drehte. Die Regisseurin war weniger euphorisch, kam gerade aus Finnland, wo Brecht in einer unglaublich feisten Villa Exil genommen hatte, und wollte danach nach Santa Monica in Kalifornien, wo Brechts Zuflucht nun wirklich auf der Sonnenseite lag. Schriftsteller reicht nicht, Kommunist muss man sein, dachten wir.
Im Brecht Haus fanden wir ideale Produktionsbedingungen, wie Brecht wohl gesagt hätte. Man musste sich um wenig mehr als um sich selbst kümmern. Einziger Nachteil war die begrenzte Menge Spielzeug, die wir für unseren Ältesten hatten mitnehmen können, dem zudem seine Freunde verlustig gegangen waren. Um ein wenig Ausgleich an Material und Menschen zu schaffen, radelte Robert eines morgens mit ihm zu einem Kindergarten, um zu fragen, ob unser Filius die verbleibenden Monate als Gast ab und an vorbei schauen dürfe. Sie hatten kaum ihr Fahrrad abgeschlossen und die ersten Schritte hinter den Zaun gesetzt, als panisch gackernd ein Huhn an ihnen vorbei raste, gefolgt von einer Meute Kinder, deren Geschrei die Ängste des Huhns sowohl auslöste wie übertönte. Dieser Kindergarten beherbergte neben seinen menschlichen Küken auch noch eine Anzahl Hühner. Leicht irritiert setzten Sohn und Vater den Weg zur Leiterin des Kindergartens fort und erhielten ohne viel bürokratischen Aufwand eine mit viel Lächeln und großer Selbstverständlichkeit ausgesprochene Bleibeerlaubnis.
Das gesellschaftspolitische Modell Dänemarks gilt als viel emanzipierter als das deutsche, die Gleichberechtigung von Frau und Mann als viel selbstverständlicher. Verschieden lautende Nachnamen von Eheleuten sind in Dänemark stark verbreitet, weil die Männer einen Identitätsverlust befürchten, wenn sie den Namen der Frau annehmen. Es gibt spezielle Kinovorstellungen, wo die im Kinderwagen schlafenden Babys im Foyer beaufsichtigt werden und bei Geschrei dank Nummerierung direkt an ihre Mutter durchgereicht werden.
Statt die Kindererziehung in der eigenen Küche zu subventionieren, fließt viel Geld in die Kindergärten, die bereits Babys aufnehmen. Da liegen dann die kleinen Würmchen oder watscheln später im Schneeanzug einer Erzieherin im kalten dänischen Wind hinterher und man fragt sich - politisch unkorrekt - ob man die Kleinen nicht doch genau dahin wünschen sollte, wo sie seit Beginn des Patriarchats hingehörten: zu Muttern in die Küche. Aber von solch weitgehenden Fragen lenkte Vater und Sohn das Indiandergekreische der Huhn-Jäger ab. Vom Huhn hingegen war nicht mehr viel zu hören. Robert und Sohn folgten dem Gebrüll und landeten in der Küche. Dort hing das Federvieh, blutete aus dem kopflosen Hals in die Spüle aus und wurde von den Kindern gerupft. Okay, auch so lernt man den verantwortungsvollen Umgang mit der Natur und dass Filets nicht in der Kühltruhe wachsen, dachte mein Mann.