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sh:z vom 03.07.2010


Von Andrea Paluch


Süden – das steht für Urlaub, Entspannung, langes Lesen, spätes Schlafen und Aufstehen, für einen prassenden Sternenhimmel, Felsen, Meer, ausgedörrte Erde. Für Norddeutsche ist der Süden wie ein Versprechen. Einige übersetzen das mit den Worten Sonne, Saufen, Sangria, mit Bikini und Ballermann. Ich übersetze es mit Thymian, Salbei und wildem Knoblauch. Denn das ist für mich das Beste am Süden: die Gewürze und Pflanzen, die es hier nur in homöopathischen Dosen gibt, in Tüten getrocknet im Regal, sie wuchern dort über die genannten Felsenhänge, in einer Opulenz und Fruchtbarkeit, die man dem kargen Stein und der kargen Landschaft nicht zutraut. Und eben deshalb passen sie so gut hierher. Die kleinen, harten Blätter und Stängel des Thymians sind wie die Essenz von Stein und Staub und zerreibt man sie zwischen den Fingern, riechen sie nach Sonne. Ich habe diesen Geruch bis zum Abend an den Fingern behalten, die ganze Wanderung lang, die uns – das Mittelmeer links von uns und die Berge, auf denen von Alters her die Götter lebten, rechts – durch die unbestellten und üppigen Felder der Gewürze brachte.

Ich sammelte Salbeiblätter in eine leere Brottüte, so eine braune aus grobem Papier, wie es sie bei deutschen Bäckern schon lange nicht mehr gibt. Abends warf ich sie in zerlaufene, gesalzene Butter und sie gaben den Geschmack des Tages in das Fett, mit dem wir unsere Kartoffeln übergossen. Selbst den Kindern schmeckte die spartanische Mahlzeit, weil sie wussten, wo der Geschmack her kam. Das ist das Geheimnis vom Essen – zu wissen, wo es herkommt und dass es durch Arbeit zustande kommt. Das ist der wahre Kern des Mythos Ackerbau – dass aus Erde, Wasser und Licht Nahrung entsteht. Und vielleicht muss man erst in den Süden fahren, um das auch für den Norden zu erkennen. Vielleicht braucht man die Fremde, um das Eigene sehen zu können. Seit ich Kinder habe, koche ich Früchte- und Kräutertees. Sie werden mal lieber, mal unlieber getrunken. Mein Mann sagt, die Kinder haben sich dran gewöhnt und gibt einen Löffel Honig dazu. Dann lieben sie Tee. Und wenn ich sage, dass sie nicht Tee, sondern Honig lieben, antwortet er, Hauptsache ist doch, dass sie die Wirkstoffe zu sich nehmen.

Nach der Wanderung, nach den Kartoffeln in Salbeibutter, kochten wir aus gepflückten Blüten Kamillentee, der strenger schmeckte als gekaufter in Beuteln und trotzdem getrunken wurde, denn in dem Tee schwammen, wie als Andenken an den Tag, die Kamillenblüten. Und ich erzählte meinem Mann vom Besten am Süden, von der Essenz, von Sonne und Erde in Früchten und Kräutern, vom Geschmack des Wachstums.
Er stand auf und kam mit einer Flasche Wein zurück. Lose abgefüllt, ein Landwein, trocken und erdig.

Und als die Kinder protestierten und darauf hinwiesen, dass sie bei Tee mit schwimmenden Blüten saßen, holte er ein Glas Honig, Bergblütenhonig, dem Land abgetrotzt, die gesammelten Geschmäcker der Blüten und Gewürze des Tages, tunkte je einen Teelöffel hinein und steckte sie in die Teebecher. Nicht nur die Erde steckt in den Essenzen des Südens, auch die Belohnung, wenn man die Mühe auf sich genommenen hat, sie für sich fruchtbar zu machen. Denn was sind nicht Honig und Wein anderes, als kondensierte Bemühungen um das Leben. Und das wussten schon die alten Griechen. Genau genommen handeln die alten Mythen davon. Von der Entbehrung und ihrem Lohn. Und ganz eigentlich steckt der Lohn gar nicht nur in dem Geschmack, sondern in den Namen: Thymian, Salbei, Kamille….