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sh:z vom 28.08.2010


Von Andrea Paluch

Das erste Mal, als meine Jungs in ein richtiges Live-Konzert wollten, war ein Reinfall. Aber so richtig einer. Und dies ist eine wahre Geschichte.

Sie begann mit einem Osterurlaub, in der es zum Kult wurde, diese unsäglich dämliche Sendung zu schauen, in der die (angeblich) ganze Nation einen (angeblichen) Superstar sucht. Der älteste meiner Männer drückte sich vor diesem Kollektivgucken mit den Kids und ging stattdessen Joggen – eine Angewohnheit, die sich noch als schwerer Fehler seinerseits herausstellen sollte. Ich aber begleitete meine Jungs bei einer Reise in die Pop-Welt. Ich kann mich noch gut erinnern, wie es war, als ich früher die Hitparade (Dschingis Khan!) mit Dieter Thomas Heck sehen wollte, weil alle in meiner Klasse sie sahen, und das nicht durfte. Und am nächsten Tag war ich die einzige, die nicht mitreden konnte. Nein, so sollte es meinen Kindern nicht gehen und die Restprogramme im Fernsehen waren eh griechische Ratesendungen und geschwommen, gewandert, gespielt, gelesen hatten wir schon den ganzen Tag. Also Superstar. Irgendwann, die Sendung dauert ja ewig, kam der Jogger zurück aus den Bergen und machte Sprüche über das unterirdische intellektuelle und musikalische Niveau, bis wir ihn raus warfen bzw. beauftragten, Getränke vom Kiosk zu holen. Und dann stand der Sieger mit dem Ende unseres Urlaubs fest. Und kurze Zeit später sah ich ein Plakat, das ihn und einen früh ausgeschiedenen aber kinderlustigen Sänger live im Norden ankündigte. Nicht nur, dass ich meinen Männern das Anschauen erlaubt hatte, ich schenkte ihnen eine Konzertkarte zum Geburtstag. Und die Freude und Vorfreude war riesig. Und dann, zum Sommerferienanfang, kam der große Tag. Mit Schirmmütze und Sonnenbrille machten wir uns auf den Weg. Dummerweise goss es an diesem Tag wie aus Eimern. Wir kehrten um und nahmen die Fahrdienste des Kioskjoggers in Anspruch. Das Konzert sollte um 16 Uhr beginnen, Einlass sollte 15 Uhr sein. 15.30 waren wir da. Ich sah die Schlange vor dem Eingang und wir verabschiedeten uns von dem privaten Taxi. Aber die Schlange wurde nicht kürzer. Der Veranstalter hatte den Eingang nicht geöffnet. Und tat es auch nicht, als der Regen erneut und heftig einsetzte. 50% der Wartenden waren Kinder, 48% junge Mädchen in dünnen Hemdchen. 2% waren Eltern, die es wie ich nicht fassen konnten, dass die Veranstalter ihr jugendliches Publikum aussperrten. Doch die Vorfreude der Fans machte aus Ärger Galgenhumor. Dann, kurz nach Vier, ging es endlich rein. Im Saal Bullenhitze. Alle drängelten sich an die Bühne. Und nichts passierte. Gegen 17 Uhr machte sich die Kunde breit, dass der Hauptact erst um 20:30 anfangen würde. Davor gäbe es zwei Vorbands und den kinderlustigen Vogel, auf den meine Kids besonders standen. Geraume Zeit später wurde auch das Vorprogramm abgesagt, so dass wir lediglich ein paar Stunden warten müssten.

Denjenigen, die nicht aus der Stadt kamen, blieb nichts anderes übrig. Wir riefen unseren Taxi-Fahrer an. Mehrfach. Ich glaube 9 Mal. Denn er war Joggen, hatte die Gunst der Konzertfreiheit genutzt und sich ohne Handy in die Öde der norddeutschen Tiefebene verabschiedet. Also machten wir uns zu Fuß (wie immer im Regen) auf. Endlich wieder trocken und mit heißem Kakao zuhause warm gemacht, versuchten wir die Enttäuschung mittels Vorfreude auf 20.30 zu verdrängen. Um 20.15 waren wir wieder da. Und es kamen uns Scharen von Mädchen in dünnen Hemden entgegen. Sie zeigten sich auf den Handys ihre Fotos vom Konzert. Der Sänger war früher erschienen und hatte um 19.00 angefangen. Wir waren fassungslos, irgendwie gelähmt. Aber der Jogger bugsierte die Kinder in die Halle, wo sie immerhin noch ein Autogramm ergatterten. Als ich hinterher trottete, sah ich meinen Taxi-Fahrer am Eingang stehen, wo er sich mit einem der Türsteher, doppelt so breit, anbrüllte, beide zornrot. Es sah wirklich wie ganz kurz vor einer Schlägerei aus. Ich schickte ihn weg. Er sollte es gut sein lassen. Dass er sich für die verachtete Sendung so in Gefahr begab, fand ich doch wieder rührend.