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sh:z vom 02.02.2008

Es ist schon eine Weile her, dass ich Jules Vernes fantastische Geschichte „20.000 Meilen unter dem Meer“ gehört habe. Damals war ich ein Mädchen und vor allen Dingen von dem Abenteuer an Bord der Nautilus fasziniert. Drei Männer, ein Meeresforscher, sein Diener und der Harpunier Ned Land werden von dem genialen Kapitän Nemo an Bord seines Kernfusions-U-Bootes gefangen gehalten und erleben auf den Tauchfahrten der Nautilus die Wunder und Gefahren der Tiefsee.
Kürzlich tauchte bei uns aus einem verstaubten Karton vom Dachboden eben diese alte Kinderkassette auf, die meine Kinder seitdem mehrmals am Tag hören. Und ich höre halb notgedrungen, halb mit der Erinnerung an meine Kindheit mit. Allerdings bin ich jetzt weniger von dem Abenteuer fasziniert, als vielmehr von der Moral der Geschichte. Nemo, der ein genialer Erfinder ist, sich aber von der Menschheit zurückgezogen hat, weil sie nicht reif ist für seine Entdeckungen - eine auch heute noch topaktuelle Parabel auf den Missbrauch des Fortschritts. Vor allen Dingen aber ist mir ein Satz im Gedächtnis, den der raue und poltrige Ned Land spricht. Er sagt: Gefangene haben das Recht zu fliehen. Neulich traf ich meinen Schwager, der Richter ist, und befragte ihn zu diesem Satz. Und er bestätigte ihn. Es ist in Deutschland tatsächlich so, dass Strafgefangene nicht dafür angeklagt werden, wenn sie versuchen, aus ihrer Haft auszubrechen. Strafbar ist nur die Fluchthilfe. Das gilt für Menschen in Freiheit wie auch für Mitgefangene. Sollten Sie also jemals – was ich nicht hoffe – in ein Gefängnis in Deutschland gesperrt werden und einem Mithäftling mit einem Eierlöffel ein Loch durch eine dicke Betonmauer graben und dabei erwischt werden, dürfen Sie keinesfalls sagen, dass das Loch für den Freund war, sondern immer behaupten, dass Sie selbst hätten fliehen wollen.
Ich bin schwer begeistert von diesem Satz. Im Grunde leuchtet es nicht ein, dass jemand, der ein Gerichtsurteil nicht akzeptiert und bricht, dafür nicht erneut bestraft werden kann. Selbst wenn man geblitzt wird und den Bußgeldbscheid anficht, steigt ja der Strafbetrag im Fall einer Verurteilung drastisch an. Juristisch logisch erscheint mir diese Ausnahme für Gefangene nicht. Andererseits finde ich es auf einer elementaren, literarischen, grundsätzlichen Ebene eine großartige Regel. „Gefangene haben das Recht zu fliehen.“ Sie haben ja auch das Recht zu schweigen. Offenbar gibt es keine Verpflichtung, an der Vollstreckung des eigenen Strafmaßes mitzuwirken. Nicht nur das, es gibt sogar das Recht, den Vollzug zu verhindern. Mir erscheint es wie eine Lücke im Rechtssystem. Mein Schwager, der Richter, kann mir wortreich erklären, warum das keine Ausnahme, keine Lücke, kein Regelverstoß ist, aber ich lasse mich nicht belehren. Ich finde es eine archaische Idee, dass es Gefangenen erlaubt ist zu fliehen. Sie passt eher zu Robin Hood oder Winnetou als zu einem modernen System von Sanktionen. Dass so etwas in unserem Rechtssystem steht, macht es mir sympathisch. Oder sympathischer.
Ned Land in „20.000 Meilen unter dem Meer“ nimmt dieses Recht für sich in Anspruch und rettet damit den Professor und dessen Diener (was wiederum jedoch strafbar wäre). Das Wissen über den technischen Vorschritt versinkt mit Nemo im Meer. Den Menschen bleibt das Wissen über die Kernfusion vorerst versagt – und damit die Zukunft. Zumindest aber das Recht auf Flucht hat überlebt.