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sh:z vom 02.01.2010


Von Andrea Paluch

In Athen war ich schon mal. Ich stand schon mal in der Schlange hoch zur Akropolis, ich bin schon mal von den Museumswärtern zurückgepfiffen worden, als ich eine alte Marmorsäule anfasste, ich habe schon auf den Steinen gesessen, auf denen die Gründer der Demokratie standen. Aber erst neulich habe ich verstanden, dass die Demokratie eine Notlösung war. Und die Geschichte – genauer, der Hintergrund der Geschichte - ist so spannend und lehrreich, dass ich ihn nicht vorenthalten will.
Athen nämlich, wie alle griechischen Stadtstaaten damals, war ein ganz normales Königreich. Die griechischen Staaten jedoch expandierten und gründeten Kolonien. In den Kolonien wurde Weizen angebaut, im Gegenzug herrschte dort eine immense Nachfrage an Oliven und Wein. Also sanken in Athen die Getreidepreise und es stiegen die für Wein und Oliven. Das bekamen die Bauern als letzte mit, die Kaufleute aber umso schneller. Also bauten auch sie Wein an, wurden reich, die Bauern wurden arm und verschuldeten sich bei den Reichen. Da man damals mit seinem Leib für seine Schuld haftete, war man schneller als man sich versehen konnte nicht nur mittellos, sondern auch Sklave. Die Expansion, also der politisch-militärische Erfolg, brachte die Besitzverhältnisse durcheinander und dünnte das, was man heute die Mittelschicht nennen würde, aus. Es war eine selbstverschuldete Krise, ein Unglück, das aus zu großem Erfolg herrührte. Das ist die erste interessante Erkenntnis, die ich mir mal merken würde, wenn ich Politiker wäre. Zu erfolgreich zu sein kann gesellschaftlichen Misserfolg schaffen. Das Problem war nämlich, dass die Bauern auch gleichzeitig die Soldaten waren. Das Heer setzte sich aus den besitzenden Bürgern zusammen – dumm nur, wenn es keine oder zu wenige gab. Athen war wehrlos und in sozialen Turbulenzen. Und in dieser Situation erfanden die Athener die Demokratie. Zweite Lektion: Aus einer Krise kann etwas Gutes werden.
Die Idee war einfach: Um die Wehrhaftigkeit der Stadt gewährleisten zu können, musste die Teilhabe aller, also der Bürgerstatus, gesichert werden. Folgerichtig wurde per Gesetz verboten, dass die Reichen immer reicher werden durften (sie durften nur eine bestimmte Größe an Land besitzen) und dass alle Bürger Teil an der Macht haben sollten. Und so kam es. Es folgten dann noch ein paar Details, wie Regeln für das Losverfahren (die Athener glaubten, dass die Götter die Geschickte lenkten und deshalb mussten sie nicht wählen, sondern die Würdenträger wurden durch das Los bestimmt, was außerdem ein wirksames Instrument gegen Korruption war). Erwähnen muss ich noch, dass die Demokratie nur für ein Drittel der Bevölkerung galt, nicht für Frauen und nicht für Sklaven. Es ging eben nicht um Gerechtigkeit, sondern darum, das System zu stabilisieren.
Der amerikanische Präsident Bill Clinton hat einmal auf die Frage, worum es in der Politik und im Wahlkampf vor allem gehe, geantwortet: „It’s the economics, Stupid.“ Er hatte Recht. Die Demokratie ist aus einer ökonomischen Krise entstanden. Und wenn ich es genau überlege, ist es vielleicht immer so gewesen: Die französische Revolution brach nach bitterer Armut in Paris aus, der amerikanische Traum war die Antwort auf Hunger und Repression und Deutschland fand 1918 zur Demokratie, weil der Krieg verloren war und die Männer tot. Und deshalb wurde auch das Frauenwahlrecht eingeführt – wie in Athen nicht, weil es gerecht war, sondern weil die Frauen gebraucht wurden.