Textversion

Suchen nach:

Allgemein:

Startseite

sh:z vom 09.01.2010


Von Andrea Paluch

Eine Geschichte aus der Bibel hat mich immer aufgeregt und ich habe sie nie verstanden. Es ist gleich die erste – naja, nicht ganz die erste, erst muss ja Himmel und Erde geschaffen werden, damit nicht nur Nichts ist. Aber dann gab es das Paradies und Menschen, zwei Stück, Adam und Eva, und es gab den Baum der Erkenntnis. Und von dem durfte man nicht essen. Und das habe ich nie kapiert. Was ist denn das für ein Verbot, dass Menschen nicht Erkenntnis schöpfen dürfen? – Mir ist natürlich schnell klar (gemacht) geworden, dass diese Erkenntnis und dieser Baum eine Metapher sind für die Grenzen des Wissens und dass Adam und Eva sie überschreiten MUSSTEN, damit die Menschen das Selbstbewusstsein – das ist wörtlich gemeint: ein Bewusstsein ihrer selbst – erlangen konnten. Wissen ist immer Eroberung eines neuen Raumes. Und das bedeutet, dass Wissen zu erlangen immer heißt, eine oder mehrere Grenzen überschreiten zu müssen. Wer Verbote nicht hinterfragt, wird nie wissen, warum es sie gibt.

Dennoch – oder besser: deshalb - fand ich die Ansage von Gott immer komisch, dass Menschen nicht wissen dürfen sollten. Das war irgendwie spießig. Und wenn die Menschen schon dumm bleiben sollten, warum wuchs dann überhaupt dieser Baum der Erkenntnis? Entweder Dummheit und kein Baum oder Baum und Erkenntnis. Hab ich eben geschrieben, dass Adam UND Eva eine Grenze überschreiten mussten? Das war natürlich falsch. Adam hat gar nichts getan, außer rumzunölen und Bedenken zu tragen. Eva hat die Grenze überschritten. Das wurde als Sünde interpretiert, als Strafe dafür sollte die Geburt Frauen Schmerzen bereiten. Auch das ist eine Metapher: Tatsächlich hat die Erfindung des Denkens etwas mit einer schmerzvollen Geburt zu tun. Denn weil die Menschen sich aufrichteten, den Kopf erhoben und den aufrechten Gang lernten – das sind ja alles Bilder für Selbstbewusstsein – schob sich ihr Becken nach vorn und die Beckenschalen nach unten. Das macht die Geburt zu einer schwierigen Übung. Und die Kinder mussten als ganz kleine, eigentlich noch gar nicht lebensfähige Würmchen, zur Welt kommen. Aber durch den aufrechten Gang wurde der Kopf frei zum Denken. Und neulich las ich, dass Intelligenz nicht von den Herren der Schöpfung, sondern von den Frauen vererbt wird. (Das ist jetzt kein Grund für feministischen Übermut, denn auch mangelnde Intelligenz wird also von Frauen vererbt). Damit ist nicht gesagt, dass Frauen intelligenter sind als Männer, nur, dass die Anlagen fürs Denken auf dem weiblichen X-Chromosom liegen. Und als ich das las, musste ich sofort an die Bibel und an den Baum der Erkenntnis denken. Die alten Hebräer hatten bestimmt gar keine Ahnung von Chromosomen und vermutlich wussten sie auch nicht, dass die ersten Menschen im Garten Eden hüftgroße Halbaffen waren mit langen Armen und langen Zähnen, einem gebeugten Gang und Fell überall – nur immer weniger im Gesicht, weil nämlich mit der Intelligenz auch die Mimik kam. Aber obwohl Adam und Eva ganz anders aussahen, als sie sich das so gedacht haben, hatten sie wohl doch eine Ahnung davon, dass Frauen der Menschheit die Erkenntnis bringen. Und Männer – tja, ich weiß nicht, ob sie Bangebüchse sind, aber bequem und autoritätshörig sind sie, sagt jedenfalls die Bibel. Manchmal sind die spießigsten Geschichten auch die besten.