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sh:z vom 20.06.2009


Von Andrea Paluch

Die ersten Jahre meines Studiums verbrachte ich in Freiburg. Das hatte viel Gutes. Es war dicht an Europas Süden. Frankreich in Radtournähe, die Toskana nur eine Mitfahrgelegenheit von der Mensa entfernt und die Schweiz vor der Haustür. Außerdem gab es dort nette Jungs, einen von ihnen habe ich behalten. Und es gab eingebildete Professoren, wie sonst vielleicht kaum mehr in der deutschen Republik. Die Schlimmsten waren die Schüler des Philosophen Martin Heidegger. Heidegger hat in Freiburg gelebt, gelehrt und seine Philosophie entlang der Anschauungen des Schwarzwaldes entwickelt. Reisen in die Toskana oder nach Frankreich waren ihm so fremd wie alle Technik und Moderne. Und in einer Art Gegenwartsvergessenheit waren ihm seine Schüler darin treu, was dazu führte, dass Hausarbeiten noch 1992 auf Kohlepapier geschrieben und vervielfältigt wurden, weil Kopierer, geschweige denn Computer, irgendwie nicht geheuer waren. Heidegger lauschte darauf, was ihm seine Heimat zuraunte. In seinem bekannten Essay „Der Feldweg“ klingt das so: „Aber der Zuspruch des Feldwegs spricht nur so lange, als Menschen sind, die, in seiner Luft geboren ihn hören können. Sie sind Hörige ihrer Herkunft, aber nicht Knechte von Machenschaften.“ Machenschaften, das sind PCs, Autos, Fernseher. Ich dachte bislang, das Zuraunen des Feldwegs ist mystischer Salbader. Bis ich neulich mal wieder auf so einem Feldweg unterwegs war. Und tatsächlich, er sprach zu mir. Es war einer dieser typisch norddeutschen Feldwege, die wir als Kinder immer „Panzerspuren“ nannten. Sie führen eigentlich gar nicht durch Felder, als vielmehr durch Wälder. Sie bestehen aus zwei schmalen Betonstreifen, getrennt durch einen Grasstreifen, der im Lauf der Jahre meist zu einem Hügel geworden ist, nicht gemäht und bei Radtouren für Erwachsene ein erhöhtes Risiko bei Überholmanövern darstellt, für Kinder genau wegen dieses Risiko den Spaß an der Sache ausmacht. Nichts scheint schöner zu sein, als mit voller Kraft von einer Betonrille auf die andere zu brettern. Als mein Jüngster das tat, war es das erste Mal, dass ich einen Feldweg sprechen hörte. Er sagte: „Vorsicht, das geht gleich schief!“ Und das erstaunliche. Er sagte es durch meinen Mund in meiner Sprache. Später, als auch die Kraft der Jüngeren nachließ und ich auf die Zwischentöne des Feldwegs hörte, vernahm ich seine stupide Einsamkeit. Die Nähte der Betonplatten gaben meiner Fahrt ein rhythmisches, dumpfes Rumpeln. Tatack-Tatack-Tatack sagte der Feldweg. Und ich hörte daraus, wie dreckig es ihm gehen musste, hier jahrein, jahraus im Wald zu liegen. Heideggers Feldweg war vielleicht nicht aus Beton und nicht zweispurig und womöglich war er auch nie mit seinen Kindern auf einem Rad unterwegs, ja vielleicht war ein Rad selbst nur ein weiteres Produkt der Machenschaft. Ich weiß es nicht. Aber eines weiß ich: Wenn Heidegger den Feldweg richtig verstanden hätte, dann hätte er unmöglich seine Zusprache so falsch interpretieren können. Ein Feldweg sagt nämlich nicht, bleibe hier, sondern sieh zu, dass du Land gewinnst. Mach es nicht wie ich und lass dich abschreiben und vergessen, sondern breche auf in die Welt, auf dass du weiter kommst als ich. Ich hab Freiburg verlassen. Ich freue mich auf die nächste Unterhaltung mit meinem Feldweg. Sie sind gar nicht so dumm, wie ich dachte.