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sh:z vom 24.01.2009


Von Andrea Paluch

Als ich studierte, es scheint mir bei weitem nicht so lange her zu sein, wie es tatsächlich ist (merkwürdig, wie Wirklichkeit und Erinnerung auseinander klaffen), da schwappte eine neue Mode an die Hochschulen, neudeutsch: eine neue Denke. Sie kam aus Frankreichs Philosophischen Departements und seine Heroen hießen Derrida, Lyotard, Barthes, de Man, Bourdieu, Baudrillard. In Deutschland aber verweigerten die Philosophischen Fakultäten diesem Denken den Einzug. Dort war man stolz auf einen gepflegten Rationalismus. Und eben der wurde vom Poststrukturalismus (so hieß die neue Denke) in Frage gestellt. Im Grunde war der Kerngedanke des Poststrukturalismus, die Hierarchien umzudrehen. Das, was die Hauptsache zu sein schien, wurde von einer Nebensache her gedacht. Und da im Bereich der Geisteswissenschaften fast alles sprachlich formuliert wird, wurde alles als abhängig von der Sprache gedeutet. Die Wahrheit des Gedankens hing von seiner Formulierung ab. Die Wirkungskraft eines Politikers nicht von seiner Einsicht in wirtschaftliche Zusammenhänge, sondern von der Glaubwürdigkeit seiner Auftritte. Ich fand immer, dass der ganze Theoriezauber nicht wirklich zu neuen Einsichten beitrug. Schon H.C. Andersen hat ja in seinem Märchen von „Des Kaisers neue Kleider“ erzählt, dass das Sein auf schönen Schein angewiesen ist. Einräumen – und für eine Schriftstellerin zugegebener Maßen interessant – muss ich allerdings, dass der Poststrukturalismus als Wissenschaft von Sprache einige Erkenntnisse brachte. Die erste ist, dass nicht die Sprache, sondern die Schrift über die Wahrheit der Sprache entscheidet. „Schrift“ bedeutet in diesem Fall nicht allein die Tinte auf dem Papier, sondern die Formulierung in ihrem Medium. Die herkömmliche Auffassung von Sprache besagt, die Wahrheit eines Satzes entfaltet sich in dem Moment, in dem ich ihn spreche, gegenwärtig, luftig, im Angesicht eines Gegenübers. Darin schwingt viel Metaphysik mit. Gottes Atem und seine Allgegenwärtigkeit, seine Wahrheit, die sich direkt an das Herz der Menschen wendet. Derrida aber hätte gesagt: Gott ist immer nachträglich. Seine Beweise liegen nicht in der Gegenwart, sie sind schriftlich fixiert. In der Predigt versucht der Priester die Schrift zu verlebendigen, sie in die Gegenwart zu holen. Also ist Gott interpretierbar und abhängig von der Lesepraxis der Menschen. Wenn ich sage: „Ich liebe dich!“ dann ist das unmittelbar und ehrlich gesprochen. Aber – würde Derrida sagen – was ist „Liebe“? Welche Inhalte schwingen mit und woher habe ich die? Wäre das noch zu beantworten mit Herzschmerz und wahren Gefühlen, würde er fragen: „Woher kommen denn die Gefühle?“ und er würde antworten: „Von Vorbildern – aus Buch, Film oder einer gesehenen Wirklichkeit“, sie sind Rekapitulationen, nicht sie sind ursprünglich, sondern ihre Vorlage. Und auch wenn ich mich da noch rausreden könnte, spätestens bei der Frage: „Wer ist denn schließlich Ich“? hätte er mich im Sack. So zerlegt der Poststrukturalismus die Wirklichkeit, er dekonstruiert sie. Keine Wahrheit ohne ihre Abhängigkeit vom Medium! Kein Wunder, dass sich die Philosophen dagegen sträubten. Er ist ein analytisch scharfes Schwert, die Frage ist jedoch, kann daraus etwas Konstruktives entstehen?
Ich habe da eine Antwort. Wenn mir mein Studium nicht so lange her zu sein scheint, wie es ist, dann deshalb, weil meine Erinnerung nicht eine alte vergangene Wirklichkeit abbildet, sondern weil sie von der Gegenwart zurück ragt. Die Erinnerung ist meine, die Vergangenheit wird von ihr geschaffen. Und aus dieser Bewegung heraus entstehen die Kolumnen, die ich hier schreibe.