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sh:z vom 19.12.2009


Von Andrea Paluch


Über Stromzäune gibt es viele Geschichten. Häufig haben sie etwas mit männlichen Angebereien oder Ur-Ängsten zu tun. Ich würde schätzen, dass 90% der Stromzaun-Geschichten, die ich kenne, mit einem Stromschlag in den Unterleib enden. Und manchmal frage ich mich, ob Männer sich nicht heimlich wünschen, noch öfter gegen elektrische Ladung zu pinkeln, um auch noch die letzten 10% Gesprächsstoff intim aufladen zu können. Allerdings wusste ich nicht, dass es in bestimmten Kreisen, unter anderem in dem, mit dem ich zusammen wohne, ein Ritual gibt, das darin besteht, sich einem Stromzaun beherzt zu nähern, die Hand zu heben und entschlossen eine Faust um den Draht zu schließen. Angeblich tut das nicht weh, sondern es kribbelt vor allen Dingen. Handzeugen beschreiben das als Welle, die heranrollt und dann in den geschlossenen Fingern bricht. Ich wollte wissen, wann sie das denn machten. Nach der Schule, kam die gelassene Antwort. Und schlagartig („schlagartig“ passt in diesem Zusammenhang) begriff ich, wieso meine Kinder immer so aufgedreht, ja voller Spannung, aus der Schule nach Hause kommen, während ich meine Heimwege als schleppend lang und gähnend langweilig erinnere. Möglicherweise geht es ihnen genau so, doch dann stoppen sie kurz am Zaun und laden die leeren Akkus wieder auf. Was die Automobil-Industrie erst noch erfinden muss, bei meinen Kindern ist es schon Praxis – sie leben von elektrischer Energie. Sie sagen, das geht doch gar nicht? Vielleicht nicht so, aber literarisch gibt es dafür Vorbilder. Das bekannteste ist die amerikanische Lyrikerin Sylvia Plath, eine schwer depressive Frau, über die es die unglaublichsten Geschichten zu erzählen gibt. (Plath nahm sich das Leben, indem sie den Gasofen aufdrehte und ihren Kopf hinein steckte, früh morgens, in der Wohnung mit ihren schlafenden Kindern, aber nicht, ohne ihnen zuvor noch ein Glas Milch ans Bett zu stellen und den Spalt unter der Küchentür mit Klebeband abzudichten…). Plath wurde in ihrer Jugend mit Stromschlägen behandelt – aber nicht kuriert. Im Gegenteil. Ihr Mann, der Lyriker Ted Hughes, beschrieb die Behandlung später mit folgenden Worten: „Jemand verkabelte dich./ Jemand legte den Hebel um. Sie jagten einen Blitz in deinen Schädel./ In ihren bleichen Kitteln, mit blassen Gesichtern,/ Schlichen sie um dich herum […] Du warst eine Wolke aus Entsetzen,/ Wartetest auf die Blitze. […] Wie viele Attacken/ Dieses knechtenden Gottes, der dich/ An den Haarwurzeln packte, erduldetest du? […] Die Karte des Gehirns noch immer dunkel gefleckt/ Von den Narben der verbrannten Erde/ deines Rückzugs. Und deine Worte,/ Dem Licht abgewandte Gesichter,/ Hielten ihre Eingeweide fest.“
Die Worte, die ihre Eingeweide hielten, lauteten in dem Gedicht „Lady Lazarus“ von Sylvia Plath: „Sterben ist eine Kunst, wie alles./ Ich kann es besonders schön./ Ich kann es so, dass es die Hölle ist, es zu sehn./ Ich kann es so, dass man wirklich fühlt, es ist echt.“
Von solch schwerer literarischer Kost unbeleckt, gleichgültig gegenüber dem großen Zusammenhang zwischen Elektrizität und Leben, Energie und Todesstuhl, spielen meine Kinder das Stromzaunanfass-Spiel. Aber vielleicht ist das Kribbeln in der Hand und im Herz auch bei ihnen ein doppeldeutiges, eines, das wiederum zwei Dinge zusammenbindet: das Verbot und den Reiz.