Textversion

Suchen nach:

Allgemein:

Startseite

sh:z vom 06.09.2008


Von Andrea Paluch

Ich habe eine Zeit lang in Roskilde in Dänemark studiert. Roskilde kannte ich eigentlich nur vom sagenumwobenen Festival. (Ich kannte mal einen, der lud sich seinen Ford Granada bis unters Dach voll Bier, fuhr nach Roskilde, verkaufte das Bier in 10 Minuten an die Gäste und hatte dann genug Geld für die Festivalkarten.) In Roskilde aber gibt es auch eine Uni, genauer ein Universitätszentrum. Es wurde in den siebziger Jahren aus dem Protest heraus gegründet, aus Unzufriedenheit mit dem mittlerweile sprichwörtlichen Muff unter den Talaren. Der dänische Staat hat die jungen, linken, vielleicht wirrköpfig scheinenden Studenten nicht verdammt und in die Wüste geschickt, sondern gesagt: Ihr wollt eine andere Uni, okay, hier ist Geld, beweist uns, dass sie besser funktioniert. Ob sie besser funktioniert weiß ich nicht, aber anders funktioniert sie auf jeden Fall, zumal wenn man wie ich zuvor in Freiburg studiert hatte, wo der Dünkel groß ist und alle viel von sich halten. In Roskilde sind die Hierarchien flach, die Professoren begreifen sich als Lernende, die Studierenden lernen, wie man Wissen erwirbt und nicht was vermeintlich gewusst werden muss. Die in der Informationsverwaltung geschulten Studenten sind sehr gefragte Arbeitskräfte, was irgendwie auch eine List der Geschichte ist für eine linke Uni, dass sie nun ausgerechnet die dem Kapitalismus dienlichsten Absolventen produziert. Aber es wird bejaht. Dass ist eine sehr andere Haltung als in Deutschland, wo so etwas wie konstruktiver Protest entweder als angepasst oder als Schwäche gilt. Und wo der Mut, der anderen Seite Recht zu geben, nicht sehr ausgeprägt ist.
Die Nachbarstadt Kopenhagen boomt. Überall wird neu gebaut. Die Sahnestücke sind wie in jeder Stadt die Hafenlagen am Wasser. Neben dem „Schwarzen Diamanten“, einem Glaskasten aus schwarzem Glas, stehen große Stelltafeln für eine neue Hafenbebauung. Gleich dahinter hat ein Gruppe Künstler zwei Werkstatt-Wohn-Container aufgestellt, auf Styroporplatten treibt ein Mini-Museum im Hafen, man kann mit witzig dekorierten Tretbooten kostenlos durch die Stadt schippern, wenn man hinterher seine Eindrücke von der Fortbewegung im Wasser auf einer alten Reiseschreibmaschine formuliert. Auf den Containern steht „Der Hafen gehört allen!“ und die Kleiderordnung und das kreative Chaos spricht die Sprache des Protestes, die Sprache Christianias, Kopenhagens autonomem Stadtbezirk, oder vielleicht in Deutschland der Hafenstraße. Als ich die Leute dort fragte, ob sie gegen die Bebauung der Hafenlinie waren, schüttelten sie den Kopf. Sie wollten lediglich darauf hinweisen, dass man auch Freiräume für Kunst, Kreativität und Menschen lassen müsse. Die Neubauten seien sonst soweit okay. Ich glaube, nein ich weiß, in Deutschland wäre die Antwort anders ausgefallen. „Schweinesystem“ wäre das mindeste gewesen. Und woher sie das Geld für ihr Projekt hätten, fragte ich. „Vom Staat natürlich“, antworteten sie. Ich war sprachlos. Ich glaube, nein ich weiß, in Deutschland hätte kein Ministerium einer Gruppe langhaariger, unrasierter Künstler mit unklarer ästhetischer Haltung Geld für den Protest gegen einen geplanten Neubau gegeben. Man hätte viel zu viel Angst, dass sich das Projekt verselbständigen würde, man einen Gegner unterstützt, den man lieber loswerden oder zumindest ignorieren würde. Ganz offenbar liegt die Verantwortlichkeit dafür, ob Protest gut oder schlecht wird, auf beiden Seiten.