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sh:z vom 13.12.2008


Von Andrea Paluch

Nach einer Lesung neulich in einer Schule entsponn sich eine heftige Diskussion zwischen mir und der Klasse über nichts geringeres als die Zukunft der Menschheit. Die sei düster, meinte die Mehrheit, düsterer, als ich sie selbst beschreiben würde. Klimakriege, Afrikas Sturm auf Europa, Europa unter Wasser, ein Klassengesellschaft indischer Ausmaße, wenige Reiche und unendlich viele Arme und die allgemeine Verblödung der Menschheit, das war das mindeste. Die Schüler nahem die Berichte in den Medien, die Untergangsszenarien wörtlich. Politisches Spezialwissen hatte niemand. Einer festen politischen Gruppe wollte sich keiner zurechnen, wählen wollten sie, wenn sie denn achtzehn geworden wären, eigentlich auch nicht. Das sollte sie also sein, die bocklose, sich aus jeder Öffentlichkeit zurückziehende Jugend, die sich Engagement verweigert und nur noch an den eigenen, schnöden Vorteil denkt. Wer das so sieht, hat noch nie mit ihnen gesprochen. Denn was diese Leute umtreibt, ist nicht Resignation, sondern Rationalität. Den Glauben, dass die Welt sich nach dem einen, guten Plan ändern ließe, den haben sie nicht. Und ich habe Sympathie dafür. Zu viele solcher Pläne haben sie ja scheitern sehen. Und zu gut haben sie beobachtet, was aus denen geworden ist, die sich ihnen verschrieben haben. Diese Mädchen und Jungen waren kluge, aufgeweckte, gar aufmüpfige, freche Jugendlichen. Sie hatten nichts Angepasstes. Aber sie hatten die Moral begriffe: Die Zeiten sind hart, also sollten wir es auch sein. Um sich großen Zielen zu verschreiben, muss man wohl wenigstens die Idee davon haben, wie sie zu erreichen wären. Das machte den so oft genannten Aufruhr von 1968 erst möglich. Da wollte die aufbegehrende Jugend den Umsturz, die Freiheit, ein Leben mit weniger Sicherheit, Selbstverwirklichung. Das war einfach, jedenfalls war es deutlich einfacher, als auf fehlende Sicherheit, politische Ratlosigkeit, gesellschaftlichen Umbruch mit einer Vision zu antworten. Und ich dachte auf der Rückfahrt von der Lesung, dass das vielleicht auch gut so ist. Dass die Weltordnung nicht über den Haufen geworfen, sondern vor sich selbst geschützt werden muss. Die Krise irgendeines Systems muss nicht erst herbei revolutioniert werden, sie ist die ständige Begleitmusik seit Jahren. Ihre Namen sind Legende: ökologische, soziale, finanzielle Krise, Krise der Renten, Krise des Gesundheitssystems, Krise der Arbeitswelt. Und auch die Feindbild-Logik haut nicht mehr hin. Damit man gegen Eltern aufbegehren kann, müssen sie eine Instanz sein. Irgendwie wissen, wo es lang geht. Aber wer wollte das schon von sich behaupten? Auch die Eltern gehen kaum noch wählen und falls doch, dann das vermeintlich kleinere Übel. Vielleicht sind sie aus Parteien ausgetreten, haben sich im Aushalten des Mittelmaßes eingerichtet. Und wenn schon nur die Eltern wollen, dass alles nicht schlimmer wird, wie sollen dann die Kinder dafür streiten, dass es anders wird? Anders vielleicht nicht, aber besser womöglich. Das immerhin ist möglich. Und vielleicht ist diese Möglichkeit, dieses vielleicht und mal sehen und dabei nur nicht uncool werden die viel bessere Antwort als ein roter Kopf und aufgeplusterte Backen. Hugo Ball, ein schweizer Anarchist, hat zu Anfang des Jahrhunderts mal gesagt: Die Eigentlichen, das sind die, die gar nichts tun.