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sh:z vom 21.02.2009


Von Andrea Paluch

Die Geschichte der Kugelschreiber in unserem Haushalt ist eine eigene. Das meine wörtlich. Die Dinger scheinen ein Eigenleben zu haben. Sie kommen und gehen. Nur achtet man nicht darauf. Kugelschreiber scheinen zu den unwichtigsten und unbeachtetsten Dingen des Alltags zu gehören. Die meisten sind Werbegeschenke, also nichts wert. (Dass sie etwas kosten und ob die Werbung, die sie machen, die Kosten rechtfertigen, ist eine andere Frage. Höchste Zeit also, dass man ihnen eine Kolumne widmet.) Kugelschreiber stecken bei uns an drei verschiedenen Orten in verschiedenen Gefäßen, einem von Kindern bemalten Blumentopf, einer Vase und einer an der Wand hängenden Ich-halte-Ordnung-in-meinem-Büro-Vorrichtung eines schwedischen Möbelhauses. Diese Ordnungshaltungsvorrichtung hätte man sich allerdings schenken können, denn die Männer meiner Familie – und sie besteht nur aus Männern – nutzen sie, um blindlings alles was so herumliegt, Schraubenzieher, Nägel, Visitenkarten (eigene und gesammelte), Post-its, CD-Hüllen, Büroklammern etc. hinein zu stopfen. Nur Kugelschreiber nicht. Auf merkwürdige Weise werden die Kugelschreiber nie wieder in die Bürohalterung zurückgesteckt (mein Verdacht richtet speziell gegen einen meiner männlichen Mitbewohner, mit dem ich mir ein Büro teile). Dafür wächst die Summe der Kugelschreiber in der Vase und in dem Blumentopf stetig an. Nun liegt der Verdacht nahe, dass die Büro-Kugelschreiber in die Vase und in den Blumentopf wandern. Aber so ist es nicht. Denn wenn auch kaum ein Kugelschreiber gekauft ist, so habe ich doch Lieblingskugelschreiber, einige die besonders gut in der Hand liegen, andere die besonders weich auf dem Papier sind. Und häufig suche ich sie und finde sie nicht – auch nicht in der Vase. Das ist nun doppelt ärgerlich, weil es, wie ich weiß, den männlichen Wesen um mich herum komplett egal ist womit sie schreiben. Auf Nachfragen, wo die guten Kugelschreiber geblieben sind, zucken sie nur mit den Achseln und machen mich mit ihrem fragenden Gesichtsausdruck glauben, dass sie gar nicht wussten, dass es so etwas überhaupt gibt. Dafür kramen sie in ihren Jacken- und Umhängetaschen und befördern neue Kugelschreiber heraus, stopfen sie in die Vase und gehen ihrer Wege. Irgendwo in der Welt muss eine riesige Kugelschreiber-Umtausch-Aktion im Gange sein. Und als ich neulich endlich mal wieder mit meinem Büro-Mitbewohner eine gemeinsame Lesung hatte, spähte ich in ihren Abgrund. Als wir nämlich am Ende Bücher signierten, musste ich ihm erst meinen leihen, dann hatte er plötzlichen einen eigenen und als wir im Auto saßen, fehlten beide und dafür hatte er zwei neue. Aber die Geschichte der Kugelschreiber ist nicht nur eine vom Finden und Verlieren (oder schlimmer: vom Schenken und Klauen). Es ist auch eine des sozialen Aufstiegs. Anhand der Kugelschreiber kann man sehen, wie die technische Entwicklung in Deutschland voran ging – von kleckernden Mienen und sprödem Plastik, bei dem der Clip abbrachen, sobald man ihn benutzte – hin zu welchen mit Metallhülle, die wie ein Füller über das Papier gleiten. Die Kugelschreiber haben sich während der permanenten Fluktuation fraglos verändert, und zwar verbessert. Früher waren es Wahlkampfgeschenke aller möglichen Parteien, Mitgaben von Banken, der Post oder Autowerkstätten, heute sind sie vom Land Schleswig-Holstein, aus Hotels und den Büros großer Verlage. Und die der Autowerkstätten sind protziger, als würde man mir jetzt größere Autos zutrauen. Eine Sozialgeschichte Deutschlands anhand seiner Kugelschreiber – das dürfte aufschlussreich werden….