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sh:z vom 13.09.2008


Andrea Paluch

Wer noch nie mit seinen Kindern Steine ins Wasser geworfen hat, der war noch nie an einem Strand. Fast magisch fordert einen das Wasser heraus, einen Stein hinein zu werfen. Ist die See ein Spiegel, soll der Kiesel ihn zerbrechen. Man sieht den weiter werdenden Kreisen nach und hofft, dass einen Wasserspiegel zu zerschlagen nicht sieben Jahre Unglück bringt, wie es bei einem Spiegel aus Glas angeblich der Fall sein soll. Ist die See kabbelig und wirft sich in Wellen an den Strand, werden die Steine zu Sperrfeuer, die den Angriff des Meeres abwehren sollen. So oder so ähnlich erlebt es wohl jeder. Meist folgt dem ordinären Steine werfen eine zweite, anspruchsvollere Stufe, die des Flipperns. Und wie ein Stein auf der Oberfläche des Wassers davon hüpft, gehört zu dem Erstaunlichsten, was man auf dieser Welt sehen kann. Dann, wenn sich die Erfolge eingestellt haben oder auch nicht, spielt man Weitwurf. Meist durch den männlichen Gestus Keiner-kann-weiter-als-ich initiiert. Gute Männer verlieren dann aber gegen ihre Kinder. Und um die kindliche Freude noch zu überbieten, nehmen sie gewaltigen Anlauf, stoßen einen Urschrei aus, schleudern den Arm nach vorn, und blicken dem Stein nach, die Hand schirmt die Augen ab. Und immer weiter wird ihr Blick und kein Einschlag im Wasser verrät die Landung. Und dann, wenn die Kinder auf den Horizont schauen, macht es plötzlich vor ihren Füßen Platsch und der stolze Werfer verkündet: der muss einmal um die Welt geflogen sein. Der Trick funktioniert aufgrund der Täuschung, die jeder Zauberer macht. Man muss einen Affenzirkus veranstalten, brüllen und gigantische Armbewegungen vollführen, damit die Aufmerksamkeit nicht mehr auf Hand und Kiesel ruht. Wenn die Armbewegung nach vorne geht, ist der Stein schon weg, zwischen den Fingern durchgerutscht, während sie am weitesten ausholten. Der große Wurf ist kein Wurf. Und das ist ein Bild für die Kindheit selbst. Kindheit, das scheint mir eine Erinnerung an etwas, dass es so nie gab. Die heile Welt, die Sicherheit der Erwachsenen, die Unbeschwertheit der Zukunft.
Am Abend nach dem Tag am Strand sahen wir eine Gruppe Männer. Einer hatte eine Erbse unter drei Schachteln versteckt. Man musste große Geldscheine setzen, wenn man raten wollte, wo sie sich befand. Vermutlich liefen Kollegen durch die Schaulustigen und sammelten die Geldbörsen derjenigen ein, die nicht setzen wollten. Es stank zum Himmel. Die anderen, die so offensichtlich zu ihm gehörten, dass es wirklich jedem auffallen musste, setzten Geld und gewannen ab und zu. Sobald aber ein Tourist kam und setzte, hatte er keine Chance mehr, das Geld war weg und in Windeseile waren es die Männer auch. Der Trick ist so alt wie der Betrug. Die Erbse wird schon bei der ersten Bewegung aus der Schachtel geschoben. Unter den Schachteln ist nichts. Es gleicht der elterlichen List am Strand. Eigentlich verstehe ich nicht, dass es tatsächlich Erwachsene gibt, die darauf hereinfallen. Noch dazu bin ich ärgerlich über die Dreistigkeit der Betrüger, die am helllichten Tage vor den Augen meiner Kinder verbotene Dinge tun. Und mich dazu zwingen, den Trick zu erklären.