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sh:z vom 05.01.2008


Von Andrea Paluch

Sein ganzes erstes Schuljahr quengelte mein ältester Sohn, dass er den Harry Potter Film sehen wolle. Damals gab es nur einen. Aber zu seinem Leidwesen war er der Sohn von Schriftstellern, die mit dem Standesdünkel durch die Welt laufen, dass Bücher irgendwie besser sind als Filme. Also drückten wir ihm am ersten Ferientag Harry Potter Band 1 in die Hand und sagten, wenn du es durch hast, kannst du den Film sehen. Er hat es versucht. Er quälte sich tapfer durch die ersten Seiten, aber es ging nicht gut und Spaß machte es auch nicht. Also bot ich ihm an, das Kapitel zu Ende vorzulesen. Und es war ein gutes Kapitel und ein gutes Ende und also las ich auch das zweite. Und, - Sie ahnen, was jetzt kommt -, schließlich das ganze Buch. Die anderen Kinder hörten ab Band 2 mit, nur der Jüngste muss jetzt alles vom Ende her verstehen. Jedenfalls wurde es Tradition, die Harry Potter Bücher, die ja immer im Herbst erschienen, zu Weihnachten vorzulesen. Über all die Jahre 3500 Seiten. Ein Mammut Werk und ein Mammut Vorleseprojekt. Und neulich, noch vor Weihnachten, war der siebte Band durchgelesen. Es ist nicht der stärkste Band, den Frau Rowling geschrieben hat (das ist der dritte), er ist finster und ein wenig verfasert und kommt schleppend in Gang. Aber er hat einen Epilog, ein Kapitel, das etliche Jahre später stattfindet. Harry und seine Freunde sind erwachsen, selber Eltern, und bringen nun ihre Kinder zum Hogwarts Express, wo vor Jahren ihre eigenen Abenteuer begannen. Diese paar Seiten gehören zu dem besten, was die Autorin geschrieben hat. Sie vibrieren vor Situationskomik, sie strahlen vor ironischen Bemerkungen, sie sind tiefsinnig und lustig. Mit wenigen Strichen gelingt es ihr, das Wesen der Charaktere noch einmal aufscheinen zu lassen und sie gleichzeitig loszulassen. Diese Seiten sind ein Glück.
Ich stelle mir vor, wie sie sie geschrieben hat. Das Werk ist vollbracht. Harry hat die dunklen Mächte besiegt. Bis spät abends hat sie das letzte Kapitel geschrieben. Sie hätte Lust auf ein Glas Wein gehabt, es sich aber verkniffen, weil man davon müde wird und weil jetzt die Entscheidung anstand und sie sich konzentrieren musste wie ihre Helden, keinen Faden fallen zu lassen, keine Nuance zu verlieren. Dieser letzte Band war eine Qual. Und wann immer eine Figur durch die Geschehnisse umkam, hat die Autorin vielleicht gedacht, ha, das geschieht ihr recht. Hat sie mich doch so lang begleitet, genervt, gequält. Zum Schluss war Schreiben nur noch eine Pflicht.
Und dann ist es geschafft. Gegen halb vier wankt sie müde ins Bett. Am Morgen wacht sie auf und setzt sich noch einmal an den Computer. Und plötzlich gibt es keine Pflichten mehr, plötzlich wird ihr klar, dass sie eine freie Frau ist. Plötzlich kann sie wieder schreiben, was sie will. Und das tut sie. Sie schreibt über sich selbst. Sie schreibt, wie sie sich vorkommt, wenn sie an die Anfänge denkt, an jene sagenumwobene Schreibszene in einer Kneipe, als sie noch von Sozialhilfe lebte. Die Kinder Harrys und der anderen, das sind ihre Erinnerungen. Und die erwachsenen Hauptfiguren, das ist sie selbst, das, was sie nun wieder sein kann.
Wer je ein Werk vollendet hat, und es muss beileibe kein literarisches sein, weiß, welches Glück das Fertigstellen bedeutet. Deshalb soll man Sachen durchziehen, weil das Ende für alle Plagen belohnt. Und deshalb sollte man Bücher, auch wenn sie Längen haben, fertig lesen. Die letzte Seite, der letzte Satz, machen am glücklichsten.