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sh:z vom 09.05.2009


Von Andrea Paluch

Einer der Frauen ja weitgehend verschlossenen Orte sind die öffentlichen Toiletten für Männer. Die privaten, ich weiß gar nicht, ob man das hier so offen schreiben darf, aber letztlich müssen wir alle ja mal, haben in den letzten zwanzig Jahren eine sehr begrüßenswerte Emanzipation an Sauberkeit erlebt. Als ich anfing zu studieren und plötzlich in gemischt-geschlechtlichen WGs wohnte, da war das Im-Sitzen-Pinkeln noch ein zäher Kampf bei Mitbewohner-Innen(!)-Versammlungen. Und es war Anlass für jede Menge dumme Sprüche. Und die Schildchen, die dann über einer Menge von Toiletten angebracht wurden, dass Mann sich gefälligst hinzusetzen hätte, waren noch Ausnahmen. Heute ist das anders. Wo ich bin, pinkeln Männern im sitzen. Sehr gut! Ich hatte fast schon vergessen, wie sehr Jungs-Klos stinken und wie eklig sie sein können. Bis ich neulich aus Versehen, bzw. weil es keine andere Möglichkeit gab, selbst eines benutzten musste. Hier breche ich die Beschreibung besser ab. Denn obwohl alle Menschen mal müssen – diese Toilette und der sie umgebende Geruch spottet jeder Beschreibung.
Seit kurzer Zeit sind, wie ich dann bei einer kleinen Umfrage in Fachkreisen erfuhr, aber neue Urinale im Gebrauch. Einige von ihnen haben im Pinkelbecken ein Fußballtor, andere eine Fliege ins Porzellan tätowiert. Die Urinale mit der Fliege wurden wohl erstmals auf dem Amsterdamer Flughafen Schipool eingesetzt – mit einem erstaunlichen Ergebnis. Die Menge des vergossenen, das heißt nicht in das vorgesehene Urinal gelangten Urins wurde um 80% reduziert. (Ich konnte zwar keine Zahl finden, wie hoch die Menge absolut war, vermute aber, dass es gut ist, dass ich diese Zahl nicht finden konnte. Sie wird widerwärtig hoch gewesen sein.) Der für die Ordnung in Schipool zuständige Direktor kommentierte dieses Ergebnis lakonisch so: Wenn Männer eine Fliege sehen, dann zielen sie darauf. Das ist so nachlässig wie richtig gesprochen. Doch scheint mir, so wie Toilettengänge eben sinnbildlich für das Menschlichste stehen können, die Pointe etwas weiter zu gehen. Denn die Frage ist doch, warum Männer, auf-Fliegen-zielen hin oder her, zuvor nicht in der Lage sind, in das Urinal zu pinkeln, obwohl es technisch offensichtlich möglich ist. Die Frage ist, warum wir uns an der Kasse im Supermarkt aus dem Regal der Süßigkeiten bedienen, wenn wir doch eigentlich kein Zucker essen wollen. Die Frage ist, warum Leute ein halbes Leben lang ein Fernsehzeitungsabo nicht kündigen, obwohl sie die Zeitung gar nicht lesen. Die Frage ist, warum Menschen nicht den Strom- oder Gasversorger zu sauberen und günstigen Angeboten wechseln, warum wir die falschen Steuerklassen angeben und die falsche Rentenversicherung wählen. Um es klar zu sagen: mein Eindruck ist, dass die Finanzkrise und das Vorbei-Pinkeln der gleichen Logik folgt. Wir, die Menschen, handeln eben nicht immer vernünftig und nach unseren Interessen. Das wirft ziemliche große, philosophische Fragen nach Freiheit und Wahlmöglichkeiten auf. Offenbar sind Trägheit, Nachlässigkeit, Unlust vor Veränderung etc. mächtige Ratgeber. Es ist eben nicht so, dass wir das Eis lieber essen als den Apfel, sondern wir greifen zu dem Lebensmittel, das an der Kasse steht oder im Kühlschrank in der Mitte liegt, zu dem Produkt, das alle haben (und wenn es Aktien sind), dem mit der- sinnbildlich gesprochen – Fliege drauf. Und ich frage mich, ob nicht viele Entscheidungen – private und politische – besser wären, wenn wir die Logik der Fliege ernst nehmen würden und die guten Produkte, Tätigkeiten, Entscheidungen so präsentieren würden, dass Menschen sie einfach eher annehmen als die schlechten.