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sh:z vom 31.07.2010


Von Andrea Paluch

Einige Worte tragen ihre Poesie in sich. Man braucht nicht viel, eigentlich nur ein bisschen Luft und Artikulation, um sie zum Klingen zu bringen. „Schnee“, „Sonne“, „Meer“, „Abend“. Eine kurze Liste, die man beliebig fortsetzen könnte. Sie alle – ob kurze Liste oder lange – haben eines gemeinsam: ihre Naturabhängigkeit. Offenbar beschreiben wir Menschen uns, unser Leben und unseren Gefühlszustand gern mit Referenzen zur Natur. Literaturgeschichtlich gesehen kann man darüber viele gelehrte Bücher schreiben. Es war nämlich nicht immer so, sondern die Natur wurde entdeckt. Genau in dem Moment, in dem das Mittelalter aufhörte, Mittelalter zu sein und die Moderne, zugegeben, die ganz frühe Moderne, begann. Und Moderne, das heißt ja vor allen Dingen, dass Gewissheiten brüchig werden, dass alles hinterfragt werden kann, dass keine Ordnung oder Hierarchie unumstößlich ist. Und vielleicht ist das eine der einfachsten Erklärungen für die Bedeutung der Natur als Metapher für unser Leben. Wenn alle irdischen Gewissheiten wanken, dann braucht es vielleicht umso mehr eine Größe als Bezug, die außerhalb des Menschlichen steht. Wenn der Himmel leer ist, weil er nur als Atmosphäre beschrieben werden kann und nicht als Wohnsitz der Götter, dann taugt er wunderbar als Wunschraum für Verliebte. Und es wäre spannend, einmal nachzuforschen, ob die Naturbezüge in der Literatur in dem Maße zunehmen, in dem die gesellschaftlichen Krisen sich verstärkten, also z.B. die Romantik mit ihrer blauen Blumen-Sprache als Folge der französischen Revolution. Und dann könnte man schauen, mit welchen Bildern wir unsere Welt heute beschreiben und daraufhin auf den Zustand der zeitgenössischen Moderne schließen. Denn die Naturmetaphern konkurrieren offensichtlich mit anderen. Die Gesellschaft als Schiff, inklusive dem Kapitän, der von Bord geht und dem Boot, das für Flüchtlinge (die zynischerweise in Booten kommen) zu voll ist. Die Welt als Nussschale, als Nachen. All das wäre spannend und man könnte es tun. Aber nicht hier und jetzt. Hier will ich den Spieß umdrehen und nicht von der Bedeutung der Sprache auf die Wirklichkeit der Welt schließen, sondern umgekehrt. Eine der – vielleicht die am allermeisten gebrauchte - Metapher ist die „Nacht“. Mit ihr verbindet sich Todessehnsucht, ewiger Schlaf, Dunkelheit, Einsamkeit. Die Nacht ist die Zeit der Geheimnisse, des verborgenen Tuns, in der Nacht sind alle Katzen grau. Und die Nacht aller Nächte ist die heilige Nacht, in der die Dunkelheit am tiefsten und längsten ist. Aber für mich hat sich das verändert. Für mich gehört seit diesem Sommer die Nacht nicht mehr zu Winter, Tod und Einsamkeit. Für mich ist die Nacht die Zeit, in der Menschen zusammen kommen, in Cafés sitzen oder sich in Gärten oder auf Balkonen treffen. Tagsüber sitzt jeder für sich allein im Büro oder sonst wo am Schreibtisch. Nachts findet Gesellschaft statt. Da weht das Lachen von Liebenden aus offenen Fenstern. Nichts ist geheim. Da lädt man sich auf eine Weinschorle von Haus zu Haus ein, in der Nacht kommt das Public Viewing zu seiner wahren Bedeutung.

Nachts sind wir raus bis ans Wasser gewandert. Dunkel war es nicht. Obwohl schon nach elf, war der Himmel noch immer türkis. Und am Meer – dem großen Ort, an dem jeder allein ist, zumal in der Nacht – saßen die Menschen und badeten. Und doch war es in dieser Nacht und in all den anderen Nächten dieses Sommers anders als zum Beispiel tagsüber am Strand. Man war ruhig und wurde in Ruhe gelassen. Und in dieser Ruhe war man sich einig. Wenn also die Nacht irgendetwas bedeutet, dann dass die Menschen anders, verändert, zusammen kommen. Und beides gefällt mir. Das veränderte und das zusammen kommen.