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sh:z vom 09.08.2008


Von Andrea Paluch

Hinter dem Wacholderbusch macht der Bach eine so scharfe Kurve, dass sich das Wasser in die Böschung spült und sie unterhöhlt. In der Innenkurve des Flusses hat sich eine Sandbank gebildet, blank und glatt. Hier, an dieser Grenze, die es im Grunde genommen gar nicht mehr gibt, warte ich auf Lars. Ich hatte schon oft erlebt, dass die Grenzüberquerung von Dänemark nach Deutschland lediglich ein Abbremsen auf der Autobahn ist und nur noch durch eine langsamere Geschwindigkeit angedeutet wird. Aber als ich die Nationalgrenze endgültig überschreiten wollte, nicht um Deutschland zu durchqueren und in Italien Urlaub zu machen, sondern um zu bleiben, wartete dort Lars auf mich.

Lars arbeitet beim Bundesgrenzschutz, schützt sein Land so gut er kann und befolgt die Befehle seiner Vorgesetzten. Das war mir einerseits klar, als er in seinem grünen Overall und mit der Pistole am Koppel an mein Auto heran trat. Bis unter die Decke stapelten sich Kisten, Schachteln, Schuhkartons und Plastiktüten. Von der Stereoanlage bis zum Fahrradflickzeug hatte ich alles in meinen kleinen Mazda gequetscht. Das Fahrrad, meine Matratze, meine Bücher, einen Nachttisch, das elektrische Klavier waren auf dem Trailer, den ich mir geliehen hatte. Ich fuhr das erste Mal mit Anhänger und wusste, dass ich nicht rangieren konnte. Aber das machte nichts. Ich wollte ja nicht rückwärts fahren. Im Gegenteil.

Es war der heißeste Juli, und der Himmel war von der Sonne weißgekocht, als Lars mich rauswinkte und sich meinen Pass aushändigen ließ. Er sprach mich auf Deutsch an, das ich seit der Schulzeit nicht mehr gesprochen hatte.

Als ich ihm das Dokument gab, berührten sich unsere Finger kurz und ich sah, dass er mich anblickte. Nicht so, wie man ein Passfoto mit der Person vergleicht, sondern so, als wäre ich das Bild. Dann verschwand er in einem grünen Bus und ich fing an mich zu ärgern. Es gibt Stichkontrollen an der Grenze. Aber warum gerade ich? Dann kam es noch schlimmer. Lars winkte mich auf eine abgesperrte Nebenspur, ich musste aussteigen und er begann zusammen mit einem Kollegen meine mühsam aufgestapelten Habseligkeiten auseinander zu nehmen. Socken und Schlafsack, Noten und Nagelscheren, Kissen und Ketten – alles rissen sie auseinander. Ich protestierte auf Dänisch. Lars antwortet auf Deutsch „Routine“. Ich sagte „Chikane“. Er drehte sich um und klaubte die Fußmatten aus dem Auto. In Substantiven kann man sich nicht unterhalten, nur streiten. Ich setzte mich ein paar Meter weiter und sah abwechselnd dem Werk der Zerstörung zu, starrte auf meine Schuhspitzen oder warf einen Blick auf meine Uhr. Über dem Teer flimmerte die Luft. Das Lederarmband fing an zu jucken. Ich nahm die Uhr ab. Nach einer dreiviertel Stunde sah ich, wie Lars anfing, mein Auto wieder zu beladen, diesmal allein. Sein Kollege hatte sich in den grünen Bus zurückgezogen. Ich sah zu, wie er sich bückte und meine Hosen und T-Shirts sorgfältig aufeinander legte und dann in die Sporttasche zurück packte. Und plötzlich merkte ich, dass ich beim Zuschauen gar nicht mehr böse auf ihn war, sondern beinah gerührt. Ich half ihm nicht, sondern beobachtete seinen runden Rücken. Es dauerte eine zweite dreiviertel Stunde, bis Lars zu mir kam, mir meinen Pass reichte und sagte „Gute Fahrt“. Ich steckte den Pass weg, stand auf, und musste plötzlich grinsen, so, als hätte ich ihm einen Streich gespielt.