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sh:z vom 16.08.2008


Von Andrea Paluch

Ich nahm die zweite Abfahrt hinter der Grenze und bezog meine Wohnung in dem kleinen Dorf auf der Geest, um an der dänischen Schule dort zu unterrichten. Der Vermieter bot er mir seine Hilfe an. Ich sagte auf Deutsch nein danke. Ankommen muss man manchmal allein. Ich schaute auf die Uhr, blickte aber nur auf mein leeres Handgelenk. Ich hatte sie an der Grenze vergessen.

Mit einer Mischung aus Trauer und Zorn darüber, dass ich die Uhr verloren hatte, begann ich mein deutsches Leben. Während ich das Auto leer räumte und die Kartons die Treppe hoch schleppte, schimpfte ich leise vor mich hin. Als ich zum vierten Mal oben ankam und die große Geschirrkiste mit dem Fuß in die Küche schob, hörte ich, wie ich über den blöden Grenzer fluchte. Es tat gut, ihm die Schuld zu geben. Ich versah ihn mit ein paar üblen Schimpfwörtern. Als ich anfing, meinen Trailer zu entladen, dachte ich immer noch an ihn. Aber ich hatte aufgehört, über ihn zu schimpfen. Ich versuchte mich zu erinnern, wie seine Fingerspitzen sich auf meinen Handflächen angefühlt hatten. Und ich versuchte mich an den Blick zu erinnern, mit dem er mich angeschaut hatte.

Ich löste die Plane und griff mir die Matratze. Ich konnte sich nicht umfassen, sie war zu breit für meine Hand. An einer Tragelasche zerrte ich sie vom Hänger. Aber sie rutschte und ich konnte sie nicht halten und dann lag sie vor mir im Straßenstaub. Hatte Lars gelächelt, als er mir den Pass wiedergab? Wieso konnte ich seinen Blick auf meinem Rücken spüren, wenn er mir doch gegenüber gestanden hatte? Ich drehte mich um. Und da stand er. Er hatte kurze Hosen an, aus denen sehr dünne, braune Beine ragten und ein verwaschenes T-Shirt, aus seinen Haaren ragte eine Sonnenbrille und seine Füße steckten in Wandersandalen.

„Hast du Gebrauch für Hilfe?“ fragte er auf Dänisch.
Ich wunderte mich, dass ich nicht erstaunt war.
„Ja, danke, die Matratze ist schlecht“, sagte ich auf Deutsch und wusste, dass ich nicht die richtigen Worte genommen hatte. Aber was war schon richtig. Ich wollte mit ihm sprechen, also musste ich übersetzen.
Lars griff in seine Hosentasche und holte meine Uhr hervor.
„Hast du vergessen“, sagte er.
Ich nahm die Uhr und meine Finger strichen wie aus Versehen über seinen Handteller.
„Woher wusstest du meine Adresse?“ fragte ich.
„Ich weiß doch auch, welche Farbe deine Socken haben“, sagte er und beugte sich über meine Matratze, packt sie und klemmte sie unter die Arme. Ich sah die Muskeln an seinen Oberarmen hervortreten. Auch beim Klavier half er mir und den Nachtschrank trug er allein hinauf. Am Abend saßen wir dann auf Kisten draußen auf dem Balkon.
Ich bedankte mich und Lars sagte, „keine Ursache, das war gemütlich.“ Und dann fragte er mich, ob ich morgen schon etwas vor habe. Ich zuckte mit den Schultern. Morgen war mein erster Tag im Ausland. Ich hatte immer nur bis heute gedacht. Lars schlug vor, einen Ausflug an den Grenzfluss zu machen. Er wollte mich dort treffen. Genau beschrieb er mir den Weg, der von der Landstraße abzweigt. Ich sollte bei den Eichen parken und querfeldein über eine ungemähte Wiese gehen.

Ich ging querfeldein über die ungemähte Wiese, während Hummeln um mich summten und Vögel vor meinem Schritt aufflatterten wie Schmetterlinge. Ich fand den Wacholderbusch, setzte mich darunter und betrachte nun die Sandbank im Fluss. Es dauert nicht lange, da schwingt ein Kanu um die Kurve, in dem Lars sitzt. Im Boot liegt ein zweites Paddel. Er winkt. Ich stehe auf und winke zurück.