Textversion

Suchen nach:

Allgemein:

Startseite

sh:z vom 20.02.2010


Von Andrea Paluch

Anfang des Jahres geschahen zwei Dinge gleichzeitig. Erstens hatte eine Reihe von Bankkarten einen Chipfehler und die Menschen konnten weder Geld abheben noch an der Tankstelle bezahlen. Und zweitens wurde in meiner Familie Monopoly entdeckt. Plötzlich spielten, oder soll ich besser sagen zockten sich lauter kleine Kapitalisten um Kopf und Kragen. Kleine Hände griffen und hielten Bündel von Geldscheinen. Und das ist sicher eine der Erklärungen, warum Monopoly so attraktiv ist, neben dem Spieltrieb und der Lust, dem anderen zu schaden, den man ja aber auch bei Mensch-ärgere-dich-nicht ausleben kann: Die Sinnlichkeit des Reichtums. Man hat Bündel von Geld in der Hand. Wie ganz, ganz kleine Kinder, die denken, dass sie reich sind, weil ihr Sparschwein vor Cent-Stücken überquillt, wie Dagobert Duck, der im Geld buchstäblich badet, der das Geld anfasst. Das kennt man ja heute kaum noch, der Zahlungsverkehr ist anonymisiert wie die Plastikkarte, die man in Schlitze an der Tankstelle, im Supermarkt oder in den Geldautomaten schiebt. Ich gehöre ganz sicher nicht zu den Skeptikern des elektronischen Zahlungsverkehrs. Ich bestelle viel im Internet und ich mache Homebanking. Aber ich erinnere mich auch noch an meinen Schüleraustausch in die USA, in denen ich Bekanntschaft mit einer Eigenart machte, die man einfach nur als cool beschreiben kann. Die Leute, meist die Männer, hatten ihre Dollars gerollt in den Hosentaschen. Zahlten sie, griffen sie in die Tasche und zählten lässig die Summe auf den Tisch. Das roch geradezu nach Western und Helden, das hat Größe, mit dieser Haltung kann man Taxi fahren oder in eine Bar oder ein Kaffeehaus gehen. Während es kaum etwas Lächerlicheres gibt, als wenn in guten Restaurants die Kellner die goldene Kreditkarte auf einem Silbertablett wegtragen. Cool ist, wenn man noch nicht mal ein Portemonnaie hat. Dann ist Geld, das abstrakte Zahlungsmittel, das symbolische, plötzlich sinnlich, haptisch, direkt, unmittelbar. Man greift in die Tasche und hat es. Und während ich das schreibe, wundere ich mich über mich selbst. Ich glaube nicht, dass Geld wirklich glücklich macht und bin vermutlich eher kapitalismuskritisch. Dass ich einmal ein Loblied über die Sinnlichkeit des Geldes singe, das hätte ich nie für möglich gehalten. Und ein weitaus kapitalismusunkritischerer Mitbürger, der mir gerade beim Schreiben der Kolumne über die Schulter schaut und dann auf nämliche tippt, sagt süffisant: So weit ist es schon mit dir gekommen. Und tatsächlich, eigentlich ist Geld schon immer eine Abstraktion gewesen, eine Übersetzung von Gold in Papier und Bilder, von Wert in Schuldscheine, von Reichtum (oder Armut) in Zahlen. Aber wahrscheinlich ist das Leben nicht absolut, sondern relativ wie eine Mode. Und wenn ich mir die neueste Mode anschaue und wie lächerlich es eigentlich ist, dass wir PINs in Automaten drücken, uns blamieren, weil wir sie nicht richtig eintippen, mit den Dingern schimpfen, als hätten sie Ohren, wenn ich dieses Plastikgeld als Metapher für das Leben nehme, dann ist es künstlich, flach und spießig. Kann man sich über eine Kassenkarte freuen und so daran erinnern, wie ich meinen ersten zehn Mark Schein noch heute vor mir sehe? - Auch Geld, das verachtenswerte, hat eine Geschichte und meist scheint die besser zu sein als seine Gegenwart.