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sh:z vom 18.09.2010


Von Andrea Paluch

Als sie eingeführt wurden, gab es eine aufgeregte politische Debatte: Die Einbürgerungstests. Wer schon einmal ich die USA oder Kanada eingereist ist, der weiß, dass es weitaus härtere Schikanen gibt als Fragen. Und die greifen da schon bei der Einreise, nicht nur bei Menschen, die auf Dauer in einem Land leben wollen. In Deutschland läuft es so: es gibt 330 Fragen. Die Antworten kann man auswendig lernen. Laut einiger Menschen, die den Test gemacht haben und mit denen ich gesprochen habe, ist das Problem nicht der Inhalt, sondern manchmal der Satzbau. Die Fragerichtung „Welches von diesen vier Dingen gehört nicht dazu?“ scheint Fremdsprachlern schwer zu fallen, jedenfalls schwerer als die positive Frage „Welches gehört dazu?“. Ich glaube, es geht ihnen damit ein bisschen wie uns Muttersprachlern mit der doppelten Verneinung. Das wird schon bei ganz alltäglichen Sätzen deutlich. Einer meiner Söhne hat, nachdem ich ihm das mit der doppelten Verneinung erklärt hatte, die Logik voll angenommen. Und macht es immer richtig. Sehr zu meinem Leidwesen, denn manchmal verstehe ich ihn nur langsam. „Willst du noch nicht ins Bett?“ – „Ja“, sagt mein Sohn. Also will er noch nicht ins Bett. „Schmeckt dir das Essen nicht?“ – „Nein“, sagt mein Sohn. Das Essen ist also lecker…. (Davon abgesehen, das man Kinder, die man ins Bett schicken will, nicht fragen soll, sondern einfach schicken.)

Aber zurück zum Einbürgerungstest. Eine Bekannte meines Mannes ist Schwedin. Sie lebt seit dreißig Jahren in Deutschland, ist Übersetzerin, spricht besser Deutsch als viele Deutsche. Wäre sie Türkin, man würde sie wohl als voll integriert bezeichnen. Aber die deutsche Staatsangehörigkeit hat sie noch nicht. Zur nächsten Wahl jedoch wollte sie wählen. (Das, nur angemerkt, finde ich ein starkes und ungewöhnliches Zeichen des demokratischen Zutrauens – man nimmt eine Staatsbürgerschaft an, um das Wahlrecht zu erlangen). Also ging sie zur Ausländerbehörde. Der Beamte dort hat das Recht, den Staatsbürgerschaftstest nicht durchzuführen. Er musterte die Frau und entschied, dass es ratsam wäre, abzufragen, ob sie eine gute Deutsche werden würde. Also überreichte er Ihr den Fragebogen. Nun, um es vorweg zu nehmen, die Schwedin bestand mit Bravour. Aber das ist nicht die Pointe. Als sie den Bogen abgab, fragte sie den Beamten, wie viele Tests er denn schon negativ beschieden hätte in den Jahren seit der Einführung. Und die Antwort war: Keinen. Das stellt meiner Ansicht nach die Logik eines solchen Verfahrens völlig in Frage. Wenn ich schon solch einen Test einführe (was ich schon falsch finde, weil ja die Staatsbürgerschaft ein Recht ist, also etwas, das im Voraus verliehen wird und nicht als Belohnung für Wohlverhalten oder Allgemeinbildung zugeteilt wird), dann muss er doch auch testen. Tut er es nicht, erfüllt er also seine Bedingung nicht, ist er reine Schikane. Als dann die Schwedin fertig war, schaute sie den Beamten an und sagte: „Jetzt habe ich auch mal eine Frage. Wollen Sie nicht wissen, warum ich den Test gemacht habe?“ Der Beamte stutzte und sagte: „Ja“. Darauf verließ die Schwedin, die jetzt Deutsche war, sein Büro. Mit der doppelten Verneinung tun sich auch Ausländerbehörden schwer.