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sh:z vom 03.11.2007


Von Andrea Paluch

Duzen hat mir immer gefallen. Die Dänen und die Engländer tun es und nur die Königinnen in beiden Reichen heißen „Sie“. Und auch im Plattdeutschen, dem Dänischen sprachgeschichtlich nah verwandt, ist das Du die natürliche Anredeform. Das schafft Gemeinsamkeit. Das gibt einen Vertrauensvorschuss schon in der Anrede, einen Vertrauensvorschuss gegen das Misstrauen, das man sonst erst mal allem und jedem entgegenbringt. Meine Eltern sagten, als sie mir das „Sie“ beibrachten, dass es sich so gehöre, dass daraus die Achtung gegenüber der anderen Person spreche. Ich bin mir nicht sicher, ob das so stimmt. Mein Eindruck ist eher, dass Siezen eine Distanz schafft, jemanden auf Abstand hält, eine Hierarchie aufbaut und deshalb so typisch deutsch ist. Aus dem „Du“ hingegen spricht eine Gleichheit aller. Es ist irgendwie ehrlicher. Meine Kinder gehen auf eine dänische Schule und duzen ihrer Lehrerinnen und Lehrer. Und das Duzen macht sie zu ihren Freunden, nicht zu ihren Vorgesetzten. Die Eltern der Klassenkameraden meiner Kinder duzen sich alle. Das war, als ich Kind war, ganz anders. Da haben sich alle Eltern untereinander gesiezt und die Kinder die Eltern sowieso und unsere Nachbarin hieß Frau Petrowski und nicht Renate. Und richtigerweise sagte man nicht „Du, Frau Petrowski“ sondern natürlich „Sie“. Unter Arbeitskollegen scheint sich die Sache schon etwas zu verunklaren, da sind diese Zwitterformen erlaubt. Etwa wenn die Kassiererin unvermittelt ruft „Du, Frau Müller, was kosten die Tomaten?“ Fällt das unter die Kategorie: was Kinder nicht dürfen, tun sie dann als Erwachsene?

Das Sie ist für Geschäftsverhandlungen, wo man sich übers Ohr haut. In der Schlange vor dem Bäckertresen, wo alle gleich lange warten, bis sie dran kommen, ist das Du richtiger. Darin schwingt ein gewisser Anarchismus, eine gewisse Respektlosigkeit gegenüber Autorität und Hoheit mit, die mir sehr gefällt.

Stößt man auf Anrufbeantworter und Mailboxen und achtet auf die Ansagen, die zum „Sprechen nach dem Signalton“ auffordern, fällt auf, dass sich die Leute häufig direkter und persönlicher vorstellen, als sie es tun, wenn sie live den Hörer abheben. Da gibt es Kinderstimmen, die die Namen – Vornamen – aller Familienmitglieder nennen, manchmal inklusive der Katzen und Hunde. Da gibt es witzige Sprüche und freche Aufforderungen – alles im Du gehalten. Das alles finde ich prima und habe mir vor einiger Zeit vorgenommen, mich auch live in der Du-Form zu melden. Seit ein paar Jahren sage ich deshalb „Hallo, hier ist Andrea“ am Telefon.

Dass ich also „Andrea“ heiße, wissen heute die Leute, die mich anrufen und sind nicht erstaunt, wenn ich mich so melde. Bei beruflichen Kontakten ist das anders. Oftmals ist der Lektor, die Herausgeberin oder der Literaturjournalist am anderen Ende überrascht, wenn ich „Hallo, hier ist Andrea“ sage. Der Literaturbetrieb ist ein ziemlich hierarchisch organisiertes Geschäft, meist sogar noch über informelle Strukturen, was ihn umso schwerer erträglich macht. Die Leute halten kurz inne, erkennen meinen Namen – und das Gespräch beginnt mit einer angenehmen Irritation, die den Raum für ein gewisses Entgegenkommen, Vertrauen und Offenheit schafft. Danach redet es sich leichter, obwohl man sich eigentlich gar nicht kennt. Manchmal aber halten sie nicht kurz inne. Dann sagen sie nur: „Kann ich mal deine Mutter sprechen?“