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sh:z vom 16.01.2010


Von Andrea Paluch

Es gibt zwei Sorten Menschen. Nein, nicht die offensichtlichen. Ich meine zwei andere. Die eine schont ihren Besitz, die andere verbraucht ihn. Damit meine ich noch nicht mal den Gegensatz zwischen Verschwendern und Geizhälsen. Ich meine, dass ich in meinem Schrank ein paar Blusen, Röcke, Kleider habe, die ich mal mit viel Bedacht und vielleicht auch nicht zum günstigsten Preis gekauft habe. Oft zu festlichen Anlässen. Und natürlich ist der Alltag nicht immer festlich und ich käme mir komisch vor, wenn ich im schwarzen Abendkleid einkaufe gehen würde. Aber dennoch gibt es eine Reihe von Kleidungsstücken, die ich hätte tragen können, wenn ich nur gewollt hätte. Und irgendwie hab ich gedacht, ich muss sie schonen, denn sie waren ja mal teuer oder etwas besonderes und jetzt hängen sie da und sind schon lange aus der Mode.

Und dann gibt es die Menschen (ich nenne keine Namen, aber ich kenne sie), die ihre Klamotten, auch die guten, am besten gar nicht in den Schrank legen wollen, weil ihnen eine große Kiste reicht, die ihre Sachen „auftragen“, wie es heißt, was ganz konkret bedeutet, dass sie in Lackschuhen mit den Kindern Fußball spielen oder in Anzughosen zwischen Legoklötzen auf den Knien sitzen. Sie unterscheiden nicht zwischen edlen Hemden und billigen T-Shirts. Und die Frage ist, achten oder verachten sie damit die Dinge und ihren Wert.

Ich kenne eine Frau (auch hier keine Namen), die Eierbecher für, sagen wir, das Stück 30 Mark (es ist schon etwas her) gekauft hat. Sie hat sich diese Eierbecher geleistet, sie sind Teil eines Services, das ihr viel bedeutet. Und weil ihr die Eierbecher so viel bedeuten und auch, weil sie so teuer waren, hat sie sie 30 Jahre lang nicht verwendet. Nie. Sie stehen im Schrank und sind alt geworden (wenn man das bei Eierbechern sagen kann). Allerdings ist kein einziger von ihnen kaputt oder abgeschlagen. Eine meiner Lehrerinnen hat auf einer Klassenfahrt, als die Jungs und die Mädchen sich plötzlich in einander verliebten und sie ein Pärchen sich küssend auf dem Jugendherbergsflur erwischte, mit mahnendem Zeigefinger gesagt: „Mit der Liebe ist es wie mit einem guten Geschirr- man holt es nur sonntags raus!“ Und der küssende Junge, ich erinnere mich noch genau, hat schlagfertig geantwortet: „Wir essen jeden Tag vom gleichen Teller“. Das ist das Gegenteil. Es sind die Leute, denen es eine Freude ist, die teuren Dinge zu benutzen, bei denen dann aber auch das Geschirr nicht mehr vollzählig ist, bei denen die Tische mit verschiedenen Tellern und Tassen gedeckt werden, weil eben auch Markenteller mit Goldkante mal in der Geschirrspüle landen und unsanft weggestellt werden oder aus Kinderhänden gleiten und zerdeppern. Das gleiche gilt für Autos, die nicht jeden Sonntag geputzt werden und die als Gebrauchsgegenstand offen stehen, für Handys, auf denen Kinder spielen dürfen oder für Laptops, die auf Reisen mitgenommen werden, auch wenn die Gefahr, dass Sand zwischen die Tasten kommt, stets gegeben ist. Neulich jedoch passierte das Gegenteil. Es passierte einem dieser „Verbrauch-und-Auftrage“-Menschen (dem mit den Lackschuhen). Ein Kind fragte ihn nach einem Buch, das seit 20 Jahren in seinem Regal neben dem Schreibtisch steht, ein Taschenbuch, zerlesener Rücken, nichts Besonderes, keine Erstausgabe, kein Goldschnitt, keine Widmung des Autors. Und das Kind (das eigentlich schon kein richtiges Kind mehr ist), fragte, ob es sich das Buch leihen dürfe und lesen. Es hätte davon gehört. Und der Mann antwortete: Nein. Das Buch bedeute ihm etwas, er wolle nicht, dass es kaputt gehe und alles, was man so sagt. Jetzt sollte ich noch verraten, welches Buch das war. Aber leider ist die Kolumne schon zu Ende.