Textversion

Suchen nach:

Allgemein:

Startseite

sh:z vom 26.11.2007


Von Andrea Paluch

Mir ist klar, wie ätzend Überstunden nach einem langen Verkaufstag sind, mir ist klar, dass die Arbeitsbedingungen nach all den politischen Reformen nicht komfortabler geworden sind und ich wäre froh, alle Kassiererinnen und Verkäuferinnen würden mehr verdienen und mindestens so viel, dass sie ihre Familien davon ernähren können. Dennoch, muss ich zugeben, kaufe ich am allerliebsten abends, kurz nach halb acht ein, fast als letzte Kundin im Supermarkt, fast als einzige vor den Regalen. Ich weiß nicht, ob das politisch korrekt ist und ob die Kinder der Frauen, die dann noch arbeiten, allein vor dem Fernseher sitzen oder weinen, weil ihre Mami sie nicht ins Bett bringt. Ich weiß nicht, was die Gewerkschaften zu mir sagen würden und grundsätzlich finde ich auch die immer weitere Ausdehnung des Konsums in alle Lebensbereiche fürchterlich. Trotzdem kaufe ich am liebsten abends ein. Und das nicht nur, weil es am besten in meinen Tagesablauf passt, sondern auch, weil dann eine andere Stimmung in den Geschäften herrscht, vergleichbar vielleicht nur mit Heilig Abend um zwölf Uhr Mittags. Abends, da wischt schon mal der Chef die angetrocknete Milchpfütze vor dem Feinkostregal auf. Dann, wenn die großen Kartonpressen geleert werden und die Einkaufswagen symmetrisch ausgerichtet werden, dann, wenn die Regale bereits wieder voll sind, sind die Kassen leer und die Schlangen kurz und man kann förmlich den nahen Feierabend riechen. Allein, es ist nicht die größere Schnelligkeit des Einkaufs, weil man nicht so lange anstehen muss, die den Charme des späten Einkaufens ausmacht. Es ist im Gegenteil die größere Gelassenheit aller Menschen. Findet man den Curry-Ketchup nicht und wird mittags bei Nachfrage unfreundlich in die übernächste Reihe verwiesen – eine zwanzig Meter lange Orientierungsangabe ohne Wert – geleitet einen nun eine freundliche Verkäuferin direkt an den Verkaufsort. Aber es ist eigentlich auch nicht die größere Freundlichkeit des Personals, also sozusagen der Service, es ist die durchschimmernde Menschlichkeit, ein Aufblitzen von Entgegenkommen, das im Stress und im Geschiebe des Tages unter der Anonymität des Alltags nicht möglich ist. Noch während ich meinen Großeinkauf aufs Band staple, lasse ich die alte Dame mit dem Streichkäse und das Pärchen mit Chips und Six-pack vor. Diesmal sagen sie nicht nur „Danke“, oder was man so sagt, sondern kommentieren meinen vollen Einkaufswagen und ich frage, was es denn im Fernsehen gibt. Die alte Dame dreht sich um und sagt „Emergency Room“. Wir grinsen alle. Die Kassiererin „bittet“ um 89,50 Euro, „wenn sie darf“, und ich frage, ob ich mit EC-Karte zahlen „darf“. Wir tauschen Höflichkeiten, als wären wir an der Rezeption eines fünf Sterne Hotels und freuen uns, weil wir wissen, wie absurd die Situation letztlich ist. Immerhin stehen wir an einer hässlichen Kasse in einem funktionalen Supermarkt mit lauter schlecht bezahlten Jobs. Doch genau das wird überwunden durch solche Funkenschläge der Menschlichkeit. Da werden Fremde zu Verbündeten, Verbündete, die voneinander wissen, dass der Alltag schwierig sein kann, dass man müde ist und sich nicht leisten kann, was sich die Kinder wünschen. Aber Verbündete, die darüber nicht lange quatschen müssen. Die das Gerede den Politikern überlassen und die Situation mit einem Witz überwinden und ein kleines bisschen glücklicher nach Hause gehen.