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sh:z vom 05.06.2010


Von Andrea Paluch

Die Segel, Riggs genannt, sind schön bunt. Das ist zugegeben. Und wenn man im Sommer auf der Halbinsel Holnis ist oder von Broager über die Flensburger Förde schaut und die vielen Surfer oder Kiter sieht, weiß man, dass jetzt Sommer ist. Aber letztlich war mir Surfen immer etwas Fremdes. Die rationale Erklärung ist, dass es einfach großen technischen Aufwand bedeutet. Die Bretter müssen an den Strand, sie müssen gewartet werden, man braucht Neoprenanzüge, alles ist fürchterlich teuer und umständlich. Der emotionale Grund ist, dass Surfer früher gleichbedeutend mit Popper waren. Menschen, die Neon-Bermuda-Shorts trugen, Jungs, die sich die Haare blondierten, Mädchen in Bikinis, die Jungs mit blondierten Haaren anhimmelten, die Mode-Fuzzis, die Oberflächlichen, denen das Leben eine einzige Party war und das Surfen nur der Grund, am Strand rumzulungern. Und dass später ein Mann meiner wurde, der genau so sein Leben vor mir verbracht hat, macht es nicht besser. Dass das auch eine Form von Anarchie sei, eine Verweigerung gegen den Trott und das Alltagsleben, wenigstens ein Ausbrechen, so, wie es die Surfer in dem großartigen und etwas angestaubten Hollywood-Film „Point Break“ leben, machte er geltend. Aber ich ließ das nicht zu. Denn ich sah, wie bieder noch die coolsten Surfer biederen Berufen nachgingen. (Nichts gegen biedere Berufe, denn letztlich sind das alle und das Beste, was Menschen machen können, ist ihnen Sinn und Freude zu verleihen. Nur soll man nicht so tun, als sei man etwas anderes als andere wenn man wie alle anderen lebt). Also, Surfer waren mir suspekt. „Waren“. Denn jetzt bin ich selbst eine. Oder wäre es gerne. Eine Woche habe ich auf dem Wasser verbracht und war süchtig danach von der ersten Stunde an. Wir waren auf Kreta und all die Wanderungen, die wir machten, all die Ansichten und Ausblicke, sie waren nicht wie das sanfte Rauschen über die Wellen. Gut, es war sonnig und das Wasser klar und man konnte auf den Grund sehen noch in 10 Metern. Das Wasser war warm genug, dass man die Stürze ertragen konnte. Und sicher, wenn der Himmel dunkel ist und die Nordsee kalt, dann sind die Umstände schon mal weniger einladend. Aber ändert das was an der Sache? Man ist in den Elementen, im Wind, auf dem Wasser, in der Sonne oder nicht. Dieses Ausgesetztsein, das war extrem. Denn auf einmal war das verlachte Brett ganz schmal. Einerseits ein Nichts im Meer, andererseits meine Insel, die mich hielt. Nur die großen Schildkröten, die es hier vor Kreta geben sollte, habe ich nicht gesehen. Aber man kann Glück ja auch überfordern. Das wussten jedenfalls schon die alten Griechen, deren Eudaimonia, die Lebenszufriedenheit, in der Ausgewogenheit von Ansprüchen bestand. Und genau das ist Surfen, Einklang herzustellen zwischen sich und der Bewegung der Natur. Vielleicht ist es ein wenig wie das Rollen beim Radfahren, wenn man sich geräuschlos bewegt und wahrnimmt. Nur dass man schneller und es irgendwie angenehmer ist. (Okay, ich hab mich verraten. Aber wenn man einen Neoprenanzug erst einmal trägt, kommt man sich wirklich gut vor). So richtig surfen wollten eigentlich meine Männer. Ich hatte ja meine Vorbehalte, siehe oben. Aber – und das war das Beste am Surfen – ich wurde eines besseren belehrt.