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sh:z vom 31.10.2009


Von Andrea Paluch

Die richtige Rechtschreibung ist eine vermaledeite Sache. Irgendwann hat die Gewohnheit die Macht. Aber bis dahin muss man sich abmühen. Man muss, um es genau zu sagen, seinen Alltag und die Sprache seines Alltags in abstrakte Symbole übersetzen. Aber wieso schreibt man dann „Zimmer“, wenn alle um einen herum „Zimma“ sagen? Und wieso nicht „Omer“ sondern „Oma“?

Neulich brachte ein Schulanfänger meiner Familie sein erstes Diktat mit nach Hause. Er nahm es locker, was für seine Lehrerin spricht, aber, naja, sagen wir, es war nicht fehlerfrei. Er hatte zum Beispiel „Hus“ statt „Haus“ geschrieben. Aber als wir darüber sprachen, zeigte sich, dass es Deutsch war und er nach seiner Logik durchaus konsequent und richtig gehandelt hatte. Bei „Tomate“ fehlte zum Beispiel hinten ein „e“. „Aber es heißt doch „t-e““, entgegnete er. Ich brauchte eine Weile, bis ich verstand, was er meinte. Das „e“ ist doch in dem Konsonant „T“ schon enthalten. Hätte er es im Diktat noch einmal mitgeschrieben, dann hätte da nach seiner Logik „Tomatee“ gestanden. Und jetzt sah ich, dass alle seine Fehler dieser Logik folgten. Telefon war „Tlfon“, „Besen“ war „Bsen“, „Kasse“ war „Ksse“. Und dass er statt „Haus“ „Hus“ geschrieben hatte, was ich zuerst auf eine plattdeutsch-dänische Mundart im Gehörgang geschoben hatte, stellte sich jetzt als konsequente Anwendung eines kindlichen Sprachgefühls heraus. Denn auch im „H“ steckt ja schon das „a“: „H“ wird „ha“ ausgesprochen und deshalb muss man ja das „a“ nicht nochmals schreiben. „Hamburg“ wäre so gesehen „Haamburg“ und eigentlich reichte es „Hmburg“ zu schrieben.

Als er mir das erklärt hatte und ich „Haamburg“ sagte, lachte er und sagte, dass es doch eklig sei, wenn etwas „AA-Burg“ heißen würde. Das ist die profane Beschreibung. Ich hatte eine erhabenere im Kopf. Im Hebräischen werden die Vokale nicht ausgeschrieben. Deshalb ist die Bibel so schwierig zu übersetzen und vieldeutig und die Kabbala, die jüdische Tradition der Textauslegung, ist eine Wissenschaft der Freiheit. Was im Grunde nur ein anderes Wort für Poesie ist. So ist das Pentateuch, die fünf Bücher Mose, voller Anspielungen und Buchstabenkombinationen, mal bilden die Anfangsbuchstaben einer Reihe von Wörtern ein weiteres Wort (das nennt man Achrostichon), mal ihre Endbuchstaben. Aus den Anfangsbuchstaben verschiedener Schriftsinne setzt sich zum Beispiel das Wort PRDS zusammen – fügt man die Vokale hinzu: PARADIES. Moses fragt in der Torah: „Wer will für uns in den Himmel fahren?“, das hebräische Achrostichon ergibt: MJLH, das Wort für Schneidung, während die Endbuchstaben den Gottesnamen JHWH ergeben – gesprochen „Jahwe“ – genau nach dem Prinzip, nach dem mein Sohn sein Diktat vergeigt hat.

Die Pointe dieses Textverständnisses, das sich über die Konsonanten definiert, ist, dass nur die gesprochene Sprache die Gültigkeit des Textes gewährleistet. Gott, mit anderen Worten, muss gesprochen werden, sonst ist er nicht. Lesen ist Atmen. Im Atem der Gläubigen strömt der Atem Gottes, der Hauch, mit dem er Lehm zum Leben erweckte. Und nach dieser kabbalistischen Tradition ist der stummste Konsonant der göttlichste, es ist das „H“ – der Hauchlaut, der zu einem richtigen erst wird, wenn man das „a“ laut mitspricht. Unwissentlich hatte also der junge Schulgänger eine ganze philosophische Tradition rekapituliert. Noch nie wurden Fehler im Diktat mit größerer Bedeutung begangen.