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sh:z vom 07.11.2009


Von Andrea Paluch

Fledermäuse, die einen an der Wange streifen – die gehören zu den großen Sensationen. Der Abstieg in die Gänge, in denen im Mittelalter Kalk abgebaut wurde, öffnete eine Welt hinter der Welt. Nicht nur, weil sie unter der Erde lag, sondern weil sie hinter der Zeit zu liegen schien. Und aus einer solchen Welt kommen auch die Fledermäuse. So gesehen haben sie ihre Behausungen zu Recht und mit großem Bedacht ausgesucht. Und das Verrückte ist, dass die mittelalterlichen Arbeiter in diesen Stollen dies wohl ebenfalls gedacht haben werden. Hier wurden Steine von Männern heraus gebrochen, 30 qm pro Woche schaffte ein Arbeiter, und Frauen schleppten sie dann ans Tageslicht. Jede einen Bottich von 15-20 kg, jeweils ca. 40 Meter weit, wo dann eine andere den Bottich in Empfang nahm. Warum es Frauen waren, wurde nicht aufgeklärt. Nur meine Kinder wussten vorlaut die Antwort: Wieso, ist doch klar, ein Mann hatte mehrere Frauen, die mussten dann mithelfen…. Ich muss meine emanzipatorische Gangart wohl deutlich verschärfen. Tröstlich war allerdings, dass die Leute hier aus freien Stücken, naja, ob das wohl so stimmt, jedenfalls auf eigene Rechnung arbeiteten und nicht Sklaven eines Großgrundbesitzers waren. Diese Demokratie hat den Berg gespickt mit Löchern. Jede und jeder buddelte, wo sein Land es zuließ. Jetzt sind die Höhlengänge so verzweigt, dass keiner mehr weiß, wo sie enden und wie sie zusammen gehören. Über 30 Kilometer durchfräsen sie den Berg. Und die Dramen, die sich in seinem Inneren abspielten, sind jeweils für einen Roman gut. Da gab es eine alte Hexe, die Frauen bei Abtreibungen half, eine Art Robin Hood, der die Bevölkerung im Dreißigjährigen Krieg mit Lebensmitteln versorgte und sie im Berg versteckte (er wurde von den Soldaten des Königs bei einer Beichte erschossen – als ob Soldaten des Königs es mit Absicht darauf anlegen, in Geschichten immer die Bösen zu sein). Und über allem immer die Fledermäuse. Urtümlich und lichtabgewandt. Und wir folgten ihren Schattenrissen im Dämmerlicht und bogen in den nächsten Gang. Hier hörte das elektrische Licht auf und man konnte eine Kerze anzünden und weiter hinabsteigen, begleitet nur von seinem eigenen Schatten. Jetzt waren wir ganz verschluckt von der Welt. Und plötzlich erstarb jedes Gespräch und jeder Vergleich mit Geschichten, die einmal geschrieben worden waren (oder, wie unserem Fall, noch zu schreiben sind). Unter der Erde, ein jeder getrennt in seinem Raum, Fledermausleben auf ewig bei acht Grad. Wie müssen diese Tiere die Erde erleben, wenn sie an das Licht stoßen. Ist ihnen die Höhle die Normalität und die warme Luft unerträglich? Sind die Sterne, die sie abends bei ihren Beuteflügen sehen, schon zu hell? Finden sie den Mond hässlich? Mir reichte die halbe Stunde unter der Erde, um die Welt darüber fremd zu finden, aber wunderschön, feucht zwar in diesen Nebeltagen, aber intensiv an Farben und Gerüchen. Aber was, wenn den Fledermäusen ihre Stollen sind, was mir Feld und Wald? Was alles habe ich dann unter der Erde nicht gesehen? Hat auch der Kalk eine Palette von Farbe? Zeichnet die Frequenz der Fledermäuse ein Gemälde aus Signalen schöner als jede Natur im Licht? Und, wenn ich den Gedanken vom Anfang wieder aufnehme, haben die Menschen im Mittelalter das Leben in diesen Höhlen normal gefunden, normal in seiner Vergangenheit und Unterirdischkeit? Ich maße mir keine Urteile an. Geschichten schreiben sollte reichen.