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sh:z vom 14.08.2010


Von Andrea Paluch

Okay, es gibt Klischees. Es gibt sie für alle Lebenslagen, Lebensalter, Haarfarben, Nationalitäten. Es gibt sie besonders für Frauen und Männer. Warum Frauen dies oder das nicht können und Männer dick werden. Warum Männer nicht einparken können aber dafür gute Zuhörer sind. Aber nicht nur bei Witzen spielen Geschlechtsunterschiede ihre Rolle. Auch in der harten Wirklichkeit: Lohnunterschied von 23%, keine Frauen in den Aufsichtsräten. Die ganze Erfindung der Frauenquote ist ja eine Antwort darauf, dass es eine männlich Gesellschaftsform gibt mit männlichen Spielregeln, nach denen die Frauen eben nicht so richtig gut spielen können. Im Umkehrschluss: Die Rolle der einfühlsamen, tröstenden, liebenden Mutter muss eben eine Mutter ausfüllen. Sind das noch Klischees? Oder ist es die Wahrheit? Als mich diese Debatte noch stärker interessiert hat als heute, habe ich lange und gelehrte Abhandlungen darüber gelesen, welche Hormone in welcher Phase was mit welchem Körper anstellen. Und es wäre ja Quatsch, Biologie zu leugnen. Aber Biologie hin und Abhängigkeit her, ein Mensch – eine Mann wie eine Frau – wird ja zu einem vollen Menschen, nicht weil er seiner Abhängigkeit folgt, sondern weil er seine Freiheit gegen Abhängigkeiten nutzt und erweitert. „Er“? Der Mensch? Bis in die Sprache und die Sprachkritik hinein geht die Geschlechterkritik. Und als ich so richtig an diesem Thema dran war, habe ich darüber nachgedacht, ob und wie Frauen anders schreiben als Männer. Ob sie die Welt anders wahrnehmen und wie man die Wahrnehmung verändern müsste, damit die weibliche Sicht der Dinge zum Vorschein kommt. Simone de Beauvoir oder Luce Irigaray waren meine Schwestern im Geiste und meine literarischen Versuche der Zeit waren ein halb träumerischer, halb assoziativer Stil ohne Groß- und Kleinschreibung unter Vermeidung von Personalpronomen und Satzzeichen. Jene Phase meines Lebens endete mit einem Leseerlebnis: James Joyces großer, schwieriger und letzter Roman Finnegans Wake. In ihm verlässt Joyce alle Konventionen, er entwickelt quasi eine eigene Sprache, baut neue Wörter aus bestehenden Sprachen zusammen, zerlegt die englische Sprache und erfindet eine neue Logik. Und erreicht genau das, was die Theorie des weiblichen Schreibens wollte: ein anderes als lineares Verständnis. Bis heute ist selbst unter Professoren unklar, ob das Buch eine Geschichte hat oder nicht. Vor allen Dingen das Kapitel Anna Livia Plurabelle – also ein Frauenkapitel – ist auf seine Art wunderbar. Im doppelten Wortsinn. Hier seine letzten Zeilen in der Übertragung von Wolfgang Hildesheimer: „All Livias Töchtersöhn`. Kolkfalken ohrn uns. Nacht! Nacht! Mein ho Haupt hallt. Mir ist so schwere wie yonner Stoan. Raunst du von John oder Shaun? Wer warn Shem und Shaun, die lebenden Söhn` oder Töchter der? Nacht nun! Raun mir, raun mir, raun mir, Baum! Nacht Nacht! Mehrmirmär von Stamm und Stoan. Zuseiten den flüssernden Wassern der, lispelndundwispernden Wassern der. Nacht!“ Klingt bescheuert? Kann aber wie ein Rausch werden. Bei amazon im Internet steht: Joyce „lesen ist wie Bungeejumping. Erst hat man Bedenken. Das Ganze scheint irgendwie zu hoch zu sein. Zu umständlich zu bewerkstelligen.“ Aber stürzt man sich ins Abenteuer, will man mehr!
Jedenfalls fand ich, dass damit das Nonplusultra weiblichen Schreibens erreicht war. Von einem Mann. Und schrieb dann lieber mit meinem Mann Romane. (Welche Prozesse da zwischen Mann und Frau abliefen, wäre auch mal eine Kolumne wert).